Eine Deutschland-Reform muss die elementare Tiefe der gegenwärtigen Krise erfassen. Zur Überwindung dieser Krise wird aber auch ein elementares Motiv gebraucht. (Zur Lage der Nation, Teil II)
Über die Selbstbehauptung
20. Juli 2026
Als der Bundeskanzler am Morgen des 2. Juli die Reform-Ergebnisse des Koalitionsausschusses präsentierte, sprach er von einem „großen Schritt nach vorne“. Und da dieser Kanzler offenbar glaubt, die Regierungskunst in modernen Zeiten bestehe darin, alles locker-leicht zu servieren, fügte er folgendes Sätzchen hinzu: „Wir wollen Deutschland wieder flottkriegen“. Das Papier mit den 34 beschlossenen Maßnahmen trägt dann auch die flotte Überschrift „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“. Es soll also um einen „Aufschwung“ gehen. Damit wiederholt die Überschrift jene Formel, mit der hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten immer Reform-Maßnahmen legitimiert wurden: das Versprechen neuer Wohlstands-Gewinne. Das war und ist die einzige Motivation, die sich die verschiedensten Regierungen in Deutschland (und anderen Ländern) vorstellen können. Eine andere Legitimation erscheint nicht nötig und auch nicht möglich. Ein stärkeres Motiv kommt in ihrer Vorstellung von einer modernen Welt nicht vor. Wenn also Einschnitte notwendig sind, muss umso mehr eine baldige neue Prosperität in Aussicht gestellt werden. Doch gibt es kein Naturgesetz, nach dem jederzeit eine solche Prosperität zur Verfügung steht.
Was also kann das Motiv eines Landes sein, dessen objektive Lage eine solche Prosperität nicht zu bieten hat? Wenn die Lage dauerhaft restriktiv ist, müssen Einschnitte Teil einer dauerhaft harten Anpassung sein, die nicht durch neue Zugewinne versüßt werden kann. Gibt es für diese Lage ein Motiv, das die Tätigkeit einer Nation dauerhaft tragen kann? Oder müssen moderne Nationen dann zwangsläufig in erbitterte innere Bürgerkriege, äußere Erbfeindschaften oder eine stumpfe Apathie versinken? Das wäre zu befürchten, wenn eine Nation nur das Wohlstands-Motiv kennt. Dann würde diese Nation nicht nur auf einen Engpass ihrer äußeren Daseinsbedingungen zulaufen, sondern auch auf einen Engpass ihrer eigenen Handlungsfähigkeit.
Die deutsche Krise ist eine Reproduktionskrise
Deutschland droht der Verlust einer grundlegenden Fähigkeit: die Fähigkeit, die Substanz seiner Wirtschaft und seines Staatswesens aus eigenen Mitteln zu reproduzieren. Das ist ja der Gehalt der Krisenmeldungen aus den Unternehmen in grundlegenden Branchen des Landes. Die ganze Unternehmens-Landschaft ist in ihrer Existenz bedroht. Die Erträge reichen nicht, um ihren erreichten Entwicklungsstand auf dem gleichen Niveau weiterzuführen. Es geht also um etwas Elementareres als um „Wachstum“. In dieser Krise steht nicht eine erweiterte Reproduktion zur Debatte, sondern es muss die einfache Reproduktion sichergestellt werden. Oder, populär ausgedrückt, geht es darum, „den Laden am Laufen zu halten“. Das ist einerseits ein Problem der erwirtschafteten Erträge, aber andererseits auch ein Problem des Generationswechsels in den Belegschaften und in der Unternehmensführung. Die sachliche und menschliche Substanz der Produktionsbetriebe in Industrie, Handwerk, Landwirtschaft und grundlegenden Dienstleistungen ist betroffen.
Aber es geht nicht nur um ein Wirtschaftsproblem. Ein zweiter großer Krisenbereich kommt hinzu. Es ist kein Zufall, dass jetzt auch auf Seiten des Staates ein Substanzverlust festgestellt wird: Die Bürger stehen fassungslos vor immer neuen Meldungen von maroden Brücken, Straßen, Schienen, Leitungen, Gebäuden. Wie konnte das geschehen? Offenbar ist die laufende Bestandspflege, die dem natürlichen Verschleiß und Verfall entgegengesetzt werden muss, immer mehr ins Hintertreffen geraten. Und auch bei den menschenbezogenen sozialen Infrastrukturen gibt es diesen elementaren Verfall: Dem Bildungswesen gelingt – bei einem großen Teil der Schüler – die Vermittlung von Lesen, Schreiben und Rechnen nicht mehr. Auch hier geht es nicht um ein fehlendes „Wachstum“ des Bildungsniveaus, sondern um die Reproduktion grundlegender Fähigkeiten. Die immer höhere finanzielle Verschuldung des Landes löst zu Recht große Besorgnis aus. Und darunter entwickelt sich eine noch tiefergehende materielle Verschuldung, die die Substanz der sachlichen und menschlichen Bestände untergräbt. Die Produktivität der Betriebe und die Tragleistung der Infrastrukturen ist existenziell getroffen. Erschrocken müssen die Menschen feststellen, dass an vielen Stellen die Normalität des Landes nicht mehr verlässlich gelingt.
Die Leistung der „Normalen“
Am 11.7.2026 stand auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein bemerkenswerter Leitartikel von Jasper von Altenbockum. Der Titel lautete „Wir Normalos“. Er soll hier etwas ausführlicher zitiert werden:
„Sehr viele Menschen können für sich beanspruchen, alles richtig gemacht zu haben im Leben. In der Schule waren sie vielleicht nicht die Besten, aber sie fanden es in Ordnung, dass es Noten gab. Dass es im Sport Gewinner und Verlierer gab. Dass Leistung zählte, nicht Work-Life-Balance. Ferienarbeit war normal. Nach der Schule: Berufsausbildung und Lehrjahre, die keine Herrenjahre sind. Pünktlichkeit war selbstverständlich, Krankmachen unter der Würde. Freiwilliges Jahr, Bundeswehr oder gleich ein Studium. Auch im Studium wurde nebenher Geld verdient.“
„Es ging ganz normal weiter: Nach dem Studium der Beruf, eine Familie wurde gegründet, Kinder großgezogen. Eine glückliche Ehe, keine Scheidung, eine intakte Familie, nicht nur an Weihnachten im Gottesdienst. Beide Eltern arbeiteten. Die Kinder gingen in einen Verein, spielten Fußball, spielten ein Musikinstrument. In der Schule war es für die Kinder nicht immer einfach, aber am Ende haben sie alle Mittlere Reife, Abitur und danach eine Berufsausbildung gemacht. Das alles kostete das Doppelte und Dreifache, was das Kindergeld einbrachte. Aber weil beide Eltern arbeiteten, reichte es auch fürs Eigenheim.“
„Rente, Pflege, Arbeitslosen- und Krankenversicherung: In alle Kassen wurde über Jahrzehnte Monat für Monat eingezahlt; wenn man es zusammenzählt, waren es gut und gerne eine Million Euro. Beansprucht hatte man das Geld kaum. Rente und Pflege eines Tages, ja. Aber sonst? Ein Gefühl der Ungerechtigkeit schlich sich ein, wenn andere die Leistungen mehr als nötig in Anspruch nahmen, obwohl sie nichts oder nur wenig eingezahlt hatten. Und dafür auch noch in Schutz genommen wurden.“
„So sieht das Leben der Leute aus, von denen es heißt: Sie stehen früh auf, arbeiten hart ihr Leben lang und `halten den Laden zusammen´…In den Debatten aber, in der Zeitung, im Radio, im Internet, in Büchern und in den Wahlkämpfen kam dieser Bürger, der alles richtig gemacht hatte, immer weniger vor. Wann hatte er schon mal eine Geschichte, eine Sendung, einen Podcast über Alltag und Sorgen einer ganz normalen Ehe, einer ganz normalen Familie mit Kindern gelesen, gesehen, gehört? Zu langweilig?“
Wie wichtig und wohltuend ist es, dass diese Wahrheit einmal – auf der Titelseite einer großen deutschen Zeitung – aufgeschrieben wurde. Und der Autor trifft sehr gut den entscheidenden Punkt: Die tägliche Aufrechterhaltung des Normalen ist eine große und keineswegs selbstverständliche Leistung, die täglich neu erbracht werden muss. Die Arbeitswelt der Normalos ist keine bequeme Welt, in der sich die Arbeit gleichsam „von selber“ macht, weil sich die Arbeitsgänge wiederholen. Dieser Punkt kann gar nicht scharf genug herausgearbeitet werden: Es ist eine große Leistung, wenn eine bestimmte Arbeit – unter wechselnden, oft widrigen Bedingungen – immer mit der gleichen Sorgfalt und Zuverlässigkeit wiederholt wird. Wenn die Arbeitenden Wind und Wetter trotzen, oder wenn sie ihre „gleichförmige“ Tätigkeit unabhängig von ihren persönlichen Befindlichkeiten verrichten. Es gibt Tage, wo die Arbeit recht leicht von der Hand geht, und dann wieder Tage, wo die gleiche Arbeit wie eine große Wand vor einem steht. Diese Tatsache macht die Kontinuität der Arbeit – also das „Den-Laden-Zusammenhalten“ – zu einer gigantischen Leistung, die Tag für Tag, jahrein, jahraus millionenfach erbracht wird. Die Arbeit, die hier verrichtet wird, bezieht ihre Würde nicht aus einer besonderen, nur ihr gehörenden Einzigartigkeit. Die Würde ist kein „Distinktions-Gewinn“ gegenüber anderen Menschen, sondern erwächst aus der elementaren Auseinandersetzung mit den Knappheiten und Widrigkeiten dieser Welt, denen sich die „Normalos“ in ihrem Arbeitsleben stellen.
Ein Leserbrief
Der Altenbockum-Leitartikel hat eine Menge zustimmender Leserbriefe bekommen. Oft findet sich darin ein „endlich!“: Endlich wird eine Realität beschrieben, die in der medialen Welt der Gegenwart keine angemessene Aufmerksamkeit mehr findet. Doch an dieser Stelle soll aus einem Leserbrief zitiert werden, der den Leitartikel als „soziologisch falsch und politisch gefährlich“ eingestuft sehen möchte. Er ist in der FAZ vom 17.Juli (Seite 6) abgedruckt worden. Dort kann man folgendes lesen:
„Das von ihm (gemeint ist Jasper von Altenbockum, GH) konstruierte homogene Milieu der Normalos gibt es in der Realität überhaupt nicht. Diese vermeintliche Schnittmenge ist eine Fiktion. Es ist anmaßend und übergriffig, im Namen einer schweigenden Mehrheit zu argumentieren und für sich zu beanspruchen, zu wissen, was „normal“ ist. In einem modernen, längst internationalen Arbeitsmarkt sind disruptive Berufskarrieren, Brüche im Lebenslauf und unkonventionelle Lebensentwürfe kein Ausdruck von Schwäche, sondern feste Realität. Auch Menschen in diesen Biographien halten das System aufrecht.“
In seinem Eifer, „disruptive“ Berufskarrieren, „Brüche“ im Lebenslauf und „unkonventionelle“ Lebensentwürfe zu verteidigen, merkt der Autor gar nicht, dass er selber die heutige Welt auf einen neuen Generalnenner bringen will. Wenn er nämlich von einem „modernen, längst internationalen Arbeitsmarkt“ schreibt, will er die Bezeichnung „modern“ nur für einen „internationalen“ Arbeitsmarkt gelten lassen. Da würde man gerne wissen, wo und für welche Menschengruppen solche Weltmärkte der Arbeit bestehen. Man würde auch gerne wissen, wie die „disruptiven Berufskarrieren“ und „Brüche im Lebenslauf“ es schaffen, das System „aufrechtzuerhalten“. Denn der Leserbrief liefert eigentlich nur Negativ-Beschreibungen: „disruptiv“, „Brüche“, „unkonventionell“. Wie daraus eine neue „feste Realität“ werden soll, bleibt ein Rätsel.
Hingegen schreibt Jasper von Altenbockum wirklich von einer Festigkeit, wenn er von der Erarbeitung des laufenden Lebensunterhalts und vom Aufbau eines bescheidenen Vermögens berichtet. Von den regelmäßigen Einzahlungen in Rentenkasse, Arbeitslosenversicherung, Kranken- und Pflegekasse und natürlich auch von den regelmäßigen Steuerzahlungen, ohne die es keine gemeinschaftlichen Fonds des Landes gäbe. Von unserem Leserbriefschreiber, der den FAZ-Autor als „politisch gefährlich“ eingestuft sehen will, erfährt man zu der Frage, wie eine Arbeitswelt voller „Brüche“ für die Kontinuität der öffentlichen Kassen sorgen soll, buchstäblich nichts.
Ist der Normalo ein „Feind der Freiheit“?
Statt einer Antwort schaltet der Leserbrief auf ein sehr hehres Ziel um: die Freiheit. Das ist eine interessante Wendung in der Argumentation. Können die gebrochenen Arbeitsbiographien für sich das Ideal der Freiheit in Anspruch nehmen? Führen solche Arbeitsbiographien vielleicht zu einer zukünftigen größeren Freiheit? „Das ist das Gegenteil von liberalem Denken“ hält der zitierte Leserbrief dem FAZ-Autor vor, und fährt dann fort:
„Der freiheitliche Eigenantrieb zur Selbstverwirklichung in einem kapitalistischen System ist kein theoretisches Konstrukt, sondern gelebte Praxis. Er treibt Gründer, Kreative und Angestellte gleichermaßen an…Freiheit bedeutet das Gegenteil von Konformitätsdruck. Freiheit ist das absolute Gegenteil von „Normalos“. Wer die Freiheit verteidigen will, muss das Individuum und sein Recht auf Differenz in den Mittelpunkt stellen…“
So wird der „Normalo“ also zum Feind der Freiheit erklärt. Die Sache, um die es geht, wird dabei allerdings verschoben. Von dem konkreten Aussteigen aus einer kontinuierlichen Berufsbiographie ist gar nicht mehr die Rede. Der Leserbriefschreiber will auf einmal nur noch etwas von „Konformitätsdruck“ wissen, und vom „Recht des Individuums auf Differenz“. So wird derjenige, der eine kontinuierliche Berufsbiographie und Lebensleistung vorzuweisen hat, ein gefährlicher, die Freiheit bedrohender „Konformist“.
Die „Option Exit“
Das, was in dem Leserbrief so pompös als „Recht auf Differenz“ reklamiert wird, ist in Wirklichkeit ein sehr fragwürdiges Recht: das Recht auf jederzeitigen Ausstieg. Ein Grundrecht auf die „Option Exit“ also. Das ist ja tatsächlich heute das Merkmal eines Teils der Arbeits- und Unternehmenswelt. Es gibt unzählige „kreative“ Projekte und Gründungen, denen es aber nicht gelingt, zu dauerhaft tragfähigen Berufstätigkeiten und Unternehmen zu werden. Das Scheitern führt aber nicht dazu, nun wieder einen Normalo-Berufsweg einzuschlagen. Die Aussicht, sich seine Arbeit „selbst erfinden“ zu können, und damit auf einfachem Weg eine Selbstbestätigung zu bekommen, ist zu verlockend. Also wird nochmal die „Neustart“-Taste gedrückt. Bei den nächsten Schwierigkeiten kann man ja wieder die „Option Exit“ wählen. Es ist klar, dass ein ganzes Land nicht nach diesem „Recht auf Differenz“ funktionieren kann. Wenn dort, wo sich die Schwierigkeiten dieser Welt bemerkbar machen, immer die „Option Exit“ gezogen werden kann, kann von Selbstbehauptung nicht die Rede sein.
Was Selbstbehauptung von „Selbstverwirklichung“ unterscheidet
Es ist interessant, welches Motiv der Leserbrief aufbietet. An einer Stelle der oben zitierten Passage heißt es: „Der freiheitliche Eigenantrieb der Selbstverwirklichung“. Das Motiv der Freiheit wird also im Selbstbezug der Menschen gesucht. Ein „Selbst“ soll „sich“ verwirklichen. Doch damit fehlt dem Verwirklichen der Weltbezug, und damit das äußere Motiv, das in der Ära der Moderne einen ganz neuen Umfang bekommt. Es muss aus einer viel größeren Sphäre erwachsen, als es die Sphäre des „Selbst“ ist. Diese größere Sphäre bildet sich in der gegenständlichen Auseinandersetzung mit der Welt. Dieser tätige Bezug auf eine ungleich größere, fremde Macht lässt „Selbstbehauptung“ zu einem viel größeren Unternehmen werden als „Selbstverwirklichung“. Zu einem ständigen, niemals abschließbaren Unternehmen. Wenn es nur um die Verwirklichung des „Selbst“ der Menschen geht, können weder die Wirtschaft noch der Staat die Größe erreichen, die sie in der Ära der Moderne bekommen haben. Diese Größe kann auch nicht dauerhaft gegen die Kräfte des Verfalls behauptet und unter wechselnden Bedingungen reproduziert werden. Da der Begriff „Selbstbehauptung“ auch ein „Selbst“ enthält, kann er vielleicht missverstanden werden. Aber das „Sich-Behaupten“ zielt auf ein fortbestehendes größeres Feld, das weder von den Menschen in Dienst genommen werden kann, noch ihrer Herrschaft unterworfen werden kann. Selbstbehauptung bedeutet, in einer Auseinandersetzung zu bestehen, die man aber nie definitiv beenden kann. Dies Motiv ist darauf abgestellt, immer wieder neue Konfrontationen eingehen zu müssen. Insofern ist es ein dauerhaftes Motiv.
Die Würde der „Normalos“
Die Stärke der „Normalos“ ist nur in dieser Grundkonstellation zu verstehen. Ihr scheinbar bequemes, immergleiches Dasein ist eine jeden Tag aufs Neue erbrachte Leistung unter wechselhaften und oft widrigen Umständen. Die Moral der Normalos erträgt die Größe einer im Grunde fremden, äußeren Welt, weil sie die Fähigkeit hat, der täglichen Auseinandersetzung mit dieser Welt Würde abzugewinnen. Der FAZ-Leitartikel sieht also etwas, das der Leserbrief gar nicht sehen will: Dass nämlich das menschliche „Selbst“ zu endlichen Lebewesen gehört, die einer unendlich viel größeren Macht gegenübergestellt sind, die immer wieder neue Knappheiten, Widrigkeiten, Gefahren und Geheimnisse aufweist. Und die für diese Gegenüberstellung keine „Option Exit“ haben. Die Menschen können nicht existieren, ohne sich der ungleichen Auseinandersetzung mit den übermächtigen äußeren Bedingungen ihrer Existenz zu stellen. Sie müssen sich in die Sphäre begeben, in der diese Konfrontation stattfindet. Sie müssen sich in ihr behaupten. Dazu müssen sie sich an diese äußere Macht und ihre Bedingungen anpassen. Sie müssen sich ihr auch anverwandeln. Das alles bedeutet „Selbstbehauptung“. Der Weltbezug der Menschen bedeutet insofern eine ständige, niemals endende Auseinandersetzung. Aus dieser Auseinandersetzung können aber relativ stabile institutionelle und zivilisatorische Strukturen entstehen. Und die „Normalität“, die sich so im Alltagsleben, am Arbeitsplatz, in Wohnung und Garten, im Straßenverkehr, beim Einkauf, an der Schule, beim Sport, im Nachtleben, auf Reisen bildet, ist nie allein „menschengemacht“. Sie wird immer wieder von neuen „Gegebenheiten“ bestimmt. Das Motiv der Selbstbehauptung ist dem gewachsen, während es für das Motiv „Selbstverwirklichung“ (oder auch „Selbstbestimmung“) in dieser Grundkonstellation gar keinen Raum gibt.
Was der gegenwärtigen Reformpolitik fehlt
Der Normalo-Leitartikel in der „Frankfurter Allgemeinen“ ist im Grunde der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der deutschen Krise. Ein Schlüssel auch zu einem tieferen Verständnis, warum die Reformpolitik sich schon wieder festgefahren hat. Der Befund des Leitartikels ist ziemlich klar: Wenn die Leistungen eines Großteils der Deutschen, die das Land „am Laufen halten“, im Lande nicht zählen, ist der Verfall dieses Landes vorprogrammiert. Wenn die Menschen, die dies Am-Laufen-Halten über Jahre und Jahrzehnte geschafft haben, mit Geringschätzung und sogar Verachtung behandelt werden, wird die Bildung einer dauerhaften Mehrheit für eine große Deutschland-Reform bereits im Ansatz verhindert. Die gegenwärtige „Reformdebatte“ hängt völlig in der Luft. Sie ergeht sich in großen Zukunfts-Versprechen, aber sie ist blind für die täglichen Leistungen und Leistungsträger, die schon da sind. Sie will die Menschen mit „Innovationen“, „Zukunftsindustrien“ und einer ganz neuen Prosperität motivieren. Aber das sind im Grunde Ausflüchte, weil man sich das viel realere Normalo-Motiv durch eigene Arroganz verstellt hat. Für die Normalos ist ihr Arbeitsleben Anlass für Stolz. Sie können der Arbeitswelt Würde abgewinnen – und nicht nur dem, was dabei als Ertrag „hinten herauskommt“. Sie sind zu Hause, egal, ob Geduld oder Beschleunigung gefragt ist. Sie können viel unnötiges Gedöns liegen lassen und ein entscheidendes Detail stundenlang mit Genauigkeit und Sorgfalt bearbeiten. Sie müssen ihr Tun nicht unbedingt ins Schaufenster stellen, sondern beeindrucken als stille und sichere Kraft im Land.
Mit anderen Worten: Sie haben eigentlich alles, was die gegenwärtige Reformpolitik nicht hat.