Hegemonie-Krieg oder Trennungs-Krieg?

In der Konfrontation, die mit dem Wort „Irankrieg“ umschrieben wird, wirken zwei grundverschiedene politische Beweggründe. Einer davon ist ein guter Grund, der andere ist es nicht. (Das Scheitern der Globalisierung, Teil IV)

Hegemonie-Krieg oder Trennungs-Krieg?

25. April 2026

Der „Irankrieg“ dauert an, und es fällt schwer, sich ein Ende vorzustellen. Es fällt auch schwer, diesen Krieg überhaupt zu beurteilen. Er ist nicht ein völlig sinnloser Krieg, aber es ist ein unklarer Krieg, bei dem nicht zu erkennen ist, an welchem Punkt die gegnerischen Parteien aus dem Krieg wieder herausfinden könnten. Das gilt weniger für die rein militärische Konfrontation, aber umso mehr für die politische Rhetorik mit ihren globalen Zielen und Zerstörungs-Drohungen. Auf diesem Feld ist der Eindruck entstanden, der Krieg müsse mit einem umfassenden Sieg einer Seite ausgehen, und bei dem die andere Seite ihre bisherige Regierungsform und Daseinsweise aufgeben muss. Es müsse also um einen „Regimewechsel“ (auch im weiten, kulturellen Sinn des Begriffs „Regime“) gehen. Zugleich wird der Eindruck erweckt, es gehe hier um eine „neue Weltordnung“, um neue „Großräume“ der Macht, um eine neue Ära der „Geopolitik“. Das ist nicht ganz frei erfunden, denn der Krieg hat schon zu Blockaden und Zerstörungen in einer der wichtigsten Energie-Regionen der Welt geführt. Zugleich stehen sich hier kulturelle Mächte gegenüber, die globale, historische und religiöse Geltungsansprüche erheben. Der Iran und seine Außenposten treten als Vertreter des einzig wahren Islam auf. Der US-Präsident versteigt sich zu der Drohung, im Iran die Zivilisation „in die Steinzeit zu bomben“. Andere Stimmen wollen Israel die Rolle eines „Hegemons im Nahen Osten“ nahelegen. Namhafte europäische Regierungschefs gehen mit der Losung „Nicht unser Krieg“ auf Distanz zum Kriegsgeschehen, um aber dann „nach Ende der Kriegshandlungen“ die Führungsrolle bei Schiffskonvois durch die Meerenge von Hormus für sich zu beanspruchen.

Man kann also mit Recht feststellen, dass mit dem Phänomen „Irankrieg“ die verschiedensten Ansprüche auf Vorherrschaft aufmarschiert sind. Insofern findet hier ein hegemonialer Krieg statt. 

Ein Krieg, der auf Koexistenz gerichtet ist

Doch damit ist das Phänomen „Irankrieg“ nicht vollständig beschrieben. Man sollte sich durch die politische Rhetorik nicht zu sehr beeindrucken lassen. Die Realitäten dieses Krieges müssen keineswegs zwangsläufig auf das Besetzen von Territorien und das Fabrizieren von Hegemonien hinauslaufen. Es gibt nicht nur vielfältige Abstufungen und Kompromisslinien militärischer Einsätze, sondern der Krieg kann auch ganz andere Ziele und Wesenszüge haben. Er kann auf das Brechen von Blockaden und Erpressungsversuchen zielen – und damit auf ein stabiles Nebeneinander von Staaten, deren Eigenständigkeit nicht in Frage gestellt wird, sondern verteidigt wird. So scheint sich der „Irankrieg“ immer stärker auf die Meerenge von Hormus zu konzentrieren. Er kann sich damit auf eine stabile Koexistenz aller Anrainerstaaten und auf die Durchsetzung der freien Befahrbarkeit des persischen Golfs für den internationalen Schiffsverkehr konzentrieren. Die Freiheit der Passage durch diese Meerenge ist für die Versorgung vieler Weltregionen mit Erdöl und Erdgas unverzichtbar. Eine Koexistenz-Lösung an dieser Stelle ist dringend notwendig und im Eigeninteresse aller Beteiligten. Allerdings hatten sich die Dinge in der Vergangenheit nicht in diese Richtung entwickelt. Die Nuklear- und Raketen-Aufrüstung der Teheraner Regierung und die Radikalisierung der mit ihr verbündeten Revolutionskräfte in anderen Ländern (Hizbollah, Hamas und Huthi) zielte unübersehbar auf eine gewaltsame Umwälzung der Verhältnisse im Nahen Osten. Zugleich bekam dieser Krieg durch den Versuch des Iran, die Erdöl- und Erdgas-Wirtschaft der Region zu beschädigen und zu blockieren, den Charakter einer weltweiten Erpressung. Viele Länder, darunter entwickelte Regionen der Weltwirtschaft, Schwellenländer und Entwicklungsländer wurden in ihrer Energiegrundlage, aber auch in ihrer Nahrungsmittel-Produktion bedroht und erpresst. Zum anderen ist die absolute Vernichtungs-Markierung, die vom Iran gegen Israel vorgenommen wird, ein Anschlag auf die Völkergemeinschaft als Ganzes. Niemand kann davon ausgehen, dass sich diese Vernichtungsdrohung von selbst erledigen wird.        

Insofern war eine massive militärische Operation geboten. Aber der Zweck und das Ausmaß dieser Operation musste und muss sich an dem Ziel eines stabilen Nebeneinanders orientieren. Er muss die Verbindungen zertrennen, die zu Hebeln der Erpressung geworden sind. Es geht also um einen Trennungs-Krieg, und er muss als solcher nicht nur militärisch, sondern auch politisch geführt werden.

Ein Krieg, in dem zwei Kriege vermischt sind

In der Beurteilung des „Irankrieges“ kommt es also auf eine Unterscheidung an, denn dieser Krieg besteht im Grunde aus zwei Kriegen: einem Hegemonie-Krieg und einem Trennungskrieg. Als Hegemonie-Krieg ist er ein gefährlicher Irrweg und bringt große, sinnlose Zerstörungen und Opfer. Als Trennungs-Krieg ist er notwendig und wegweisend für eine Koexistenz-Ordnung in einer multipolaren Welt.

Im Iran-Krieg ist es keineswegs so, dass der Hegemonie-Krieg nur von Seiten des Iran geführt wird, während die USA gegen die hegemoniale Versuchung immun wären. Bei einer Kriegspartei, die über große Waffensysteme verfügt und damit über größere Entfernungen eine Überlegenheit der See- und Luftstreitkräfte herstellen kann, gibt es eine hegemoniale Versuchung. Aber zur militärischen Vernunft gehört auch, dass man eine dauerhafte Hegemonie nur durch Bodentruppen herstellen kann. Das aber ist militärisch ungleich schwerer. Und politisch ist es, in der modernen Ära mit ihrer territorialstaatlich begründeten Ordnung und Legitimation, kurzsichtig und kann zum Gegenteil von politischer Stabilität führen. Das gehört durchaus zum Erfahrungsschatz moderner Großmächte. Deshalb ist es verfehlt, den USA und überhaupt den Großmächten unserer Gegenwart eine gesetzmäßige Tendenz zu hegemonialen Kriegen zu unterstellen.     

Die heilsame Wirkung des „Überdehnungsproblems“

Es gibt auch systematische Gründe dafür, dass Hegemonial-Kriege an Bedeutung verlieren. Dabei spielt das sogenannte „Überdehnungsproblem“ eine Rolle: Je weiter ein Herrschaftsgebiet ausgedehnt wird, desto mehr wachsen die Widrigkeiten, die plötzlichen Ereignisse, die undurchschaubaren Entwicklungen. Eine hegemoniale Macht muss auf vielen verschiedenen Schauplätzen präsent sein. Die Aufgabe des Herrschens wird überkomplex. So ist es in letzter Instanz der Raum, der zum Gegengewicht der Macht wird. Dies Gegengewicht, das mit der zunehmenden Komplexität der Welt in der Ära der Moderne zusammenhängt, führte schon in früheren Jahrhunderten zu einer tendenziellen Auflösung der großen Reiche. In unserer Gegenwart hat es dazu geführt, dass die USA, die man im Gefolge der Ereignisse von 1989 noch als „einzig verbliebene Supermacht“ gesehen hat, inzwischen einen deutlichen Rückzug aus dieser Rolle vollzogen haben. Es darf auch bezweifelt werden, ob andere Mächte – also etwa Russland oder China – wirklich zu hegemonialen Weltmächten werden können. Die Welt ist dafür „zu groß“ geworden, und das Überdehnungsproblem besteht für jeden der „großen Drei“.

Die Lösung der Hormus-Blockade als Prüfstein

Aber führt das nicht nur zu einem endlosen Zustand gefährliche Instabilität? Das wäre der Fall, wenn die hohen Ansprüche an expansive Lösungen fortbestehen würden, und nur ihre „Umsetzung“ scheitert. Wenn aber die Staaten ihrer inneren Entwicklung Vorrang einräumen, wenn dadurch die Außenpolitik und Außenwirtschaft nicht mehr so sehr über Sein oder Nicht-Sein entscheidet, wie das die  „Globalisierung“ suggerierte, ändert sich die gesamte Konstellation. Es entsteht die Möglichkeit zu einer dauerhaften Koexistenz, die sich an einzelnen, sensiblen Punkten zu Allianzen zusammenfinden kann. Die Erfahrung der Irankrise könnte dazu beitragen. Es ist offensichtlich, dass diese Krise weltweite Folgen hat, bei denen keine der drei Großmächte USA, Russland, China im Alleingang viel gewinnen kann. Eher können sie aufgrund ihrer Übersicht und Reichweite das Interesse entwickeln, diesen Krisenherd gemeinsam aus der Welt zu schaffen. Ansätze dazu gibt es: Im Ringen um die Meerenge von Hormus sind andere Mächte schon offiziell oder inoffiziell beteiligt. Es wäre durchaus denkbar und eigentlich naheliegend, dass die drei Großmächte sich an dieser Stelle gemeinsam zu Garantiemächten des freien Seeverkehrs formieren. In der alten Logik „West gegen Ost“ oder „Süd gegen Nord“ ist diese Krise jedenfalls nicht zu lösen. Sie wäre viel zu sehr mit weitergehenden Gestaltungs-Ansprüchen und Ideologien belastet – und daher auch mit gegenseitigem Misstrauen. Eine Wiederbelebung der alten „Geopolitik“ wäre viel zu sehr mit dem machtpolitischen Fabrizieren von Großräumen beschäftigt. Sie würde viel zu viel hegemonialen Ballast mit sich führen.

Eine kleine Veränderung vor Ort, ein großer Schritt für die Weltordnung

Eine Allianz der „großen Drei“ müsste auf diesen Ballast verzichten, weil sie sich auf eine begrenzte Aufgabe bezieht, deren Lösung aber für eine große Zahl von Ländern und Regionen dieser Welt von Bedeutung ist. Eine solche Allianz braucht keine bombastischen Friedenserklärungen, sie muss an dieser sensiblen Nahtstelle der Welt nur ganz prosaisch für Ordnung zu sorgen. Es gibt begründete Zweifel, ob die Iran-Krise in der Gegenüberstellung USA – Iran lösbar ist. Und diese Zweifel wachsen, je mehr die massenmediale Darstellung sich in der täglichen Wiederholung des Duells „USA gegen Iran“ erschöpft. Das Grundproblem ist, dass es dieser Zweierbeziehung an konstruktiver Autorität fehlt. Die USA sind eine zu einseitige Großmacht, um eine Koexistenz in dieser Region glaubhaft garantieren zu können. Genauer: Um sie alleine garantieren können. Ganz unabhängig von der Person des US-Präsidenten sind die USA alleine nicht repräsentativ für die verschiedene Kräfte der heutigen Welt. Ein Zweckbündnis der „großen Drei“ wäre gewiss nicht in dem Sinne repräsentativ, dass damit alle Nationen dieser Welt beteiligt wären. Aber es wäre ein deutliches Zeichen, dass aus sehr unterschiedlichen Positionen und Entwicklungslinien dieser Welt eine Blockade gelöst wird.

Der Ukraine-Krieg und der Prüfstein „Donbass“

Es gibt in der heutigen Welt noch eine andere sensible Nahtstelle, an der ein ähnlich schlechte Vermischung von Hegemonie-Krieg und Trennungs-Krieg besteht. Diese Situation wird durch fundamentale Feindbilder und weitreichende Bedrohungsszenarien angeheizt und hat zu einem nicht enden wollenden, opferreichen Kriegszustand geführt. Die Rede ist vom Krieg in der Ukraine. Auch hier gibt es weitverzweigte Interventionen mit Geld und Waffen, mit Angriffen, Anschlägen und See-Blockaden gegen Öl- und Gas-Förderanlagen, Raffinerien, Pipelines und Schiffstransporte. Und zugleich hat sich das Kriegsgeschehen im engeren territorialen Sinn eigentlich auf eine bestimmte Grenzfrage reduziert: die Grenze zwischen der Kiewer Neu-Ukraine, die sich im Gefolge der sogenannten „Maidan-Revolution“ mit ausschließlich westlicher Einbindung gebildet hat, und den Provinzen des traditionell russischen Donbass, die diese einseitige Westbindung nicht mittragen wollen und können.     

Es geht hier nicht einfach um Machtpolitik, sondern um eine Rechtsfrage: Was ist in dem Fall, dass ein revolutionärer Umsturz die Vereinseitigung eines Landes durchsetzt, das Recht der ausgeschlossenen Seite? Wo bleibt sein Existenzrecht, wenn ihm die wirtschaftliche, infrastrukturelle und ethnisch-kulturelle Grundlage entzogen ist? In der Jugoslawien-Krise hat man auf den serbischen Versuch einer Vereinseitigung des Landes mit dem Recht auf Lostrennung geantwortet. Und man hat die Lostrennungen diplomatisch und militärisch durchgesetzt. Heute hat sich die Trennung so weit entwickelt, dass man auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens nicht mehr erwarten kann, dass es in absehbarer Zeit wieder zur Bildung eines Gemeinschaftsstaates kommen wird. Doch dies Recht auf Trennung muss nun auch für das Gebiet der ehemaligen Ukraine gelten. Die Trennung ist die einzig realistische, völkerrechtlich verallgemeinerbare Lösung.

Die Ansprüche, die Kiew auf den Donbass erhebt, und die immer noch von einer Mehrheit europäische Länder politisch, militärisch und finanziell massiv unterstützt werden, sind einseitige hegemoniale Ansprüche. Gewiss gibt es auch in Russland Stimmen, die auf die Wiederherstellung eines großrussischen Reichs hoffen, zu dem dann die ganze Ukraine gehören würde. Das wäre nur eine umgekehrte Vereinseitigung. Aber solche hegemonialen Träume und Feindbilder dürfen für die internationale Politik gar nicht maßgeblich sein. Es gibt solche Träume ja auch im Nahen Osten. Doch dürfen sie auch dort nicht als Hindernis für konkrete Lösungen im Persischen Golf ins Feld geführt werden. Auf beiden Schauplätzen muss man die großen hegemonialen Erzählungen und Feindbilder ausklammern.  

Kein Ende des Iran-Krieges ohne Beendigung des Ukraine-Krieges

Es ist ein wichtiger Fortschritt, dass sich in der US-Regierung die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass in der Ukraine eine Koexistenz-Lösung mit Russland gesucht werden muss und gefunden werden kann. Dass die USA angesichts der Blockade im Persischen Golf ihre See-Blockade gegen russische Öl- und Gas-Exporte vorläufig aufgehoben haben, ist ebenfalls ein richtiger Schritt. Es wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um überhaupt die Aufrüstung der Kiewer Regierung zu beenden – angesichts der völligen Rücksichtslosigkeit, mit der diese Regierung jetzt einen Krieg gegen den russischen Beitrag zum Weltmarkt für Erdöl, Erdgas und Düngemittel führt und einmal mehr zum Erpresser wird. Wenn die US-Regierung jetzt zeigt, dass sie aus der Konfrontation mit Russland in der Ukraine aussteigt, kann sie glaubhaft machen, dass ihre Politik wirklich die Fähigkeit hat, Kriege zu beenden. Das könnte auch die Neigung der Großmächte Russland und China erhöhen, zusammen mit den USA als Garantiemächte eines freien Schiffsverkehrs im Persischen Golf zu fungieren.  

An dieser Stelle wird deutlich, dass eine Lösung des Iran-Kriegs und eine Lösung des Ukraine-Kriegs enger zusammenhängen, als es auf den ersten Blick scheint. Wer ein glaubwürdiger Garant für die freie Durchfahrt durch die Meerenge von Hormus sein will, muss seine Unterstützung für den Kiewer Krieg gegen den russischen Donbass beenden. Wer eine Koexistenz-Lösung am Persischen Golf anstrebt, muss sich in der Ukraine von Rollback-Ansprüchen trennen, die zu Unrecht aus den Ereignissen von 1989 abgeleitet wurden und die – in Europa vielleicht noch mehr als in den USA – weiterhin gepflegt werden. Zugespitzt könnte man sagen: Es gibt kein Ende des Iran-Krieges ohne ein Ende des Ukraine-Krieges.  

Eine grenzenlos offene Welt führt zu einer verengten Welt

Die Jahrzehnte der Globalisierung haben die Welt nicht größer, freier und friedlicher gemacht, sondern einen Universalismus des gegenseitigen Misstrauens und Hegemoniestrebens entstehen lassen (Das Scheitern der Globalisierung, Teil III)

Eine grenzenlos offene Welt führt zu einer verengten Welt

10. März 2026

Wenn es so etwas gibt, wie eine vorherrschende Meinung zum Gang der Welt, so ist sie in den vergangenen Jahren radikal umgeschlagen. Wurde bisher eine zunehmende Gemeinschaftlichkeit der Welt erwartet, so werden jetzt überall Gefahren, Bedrohungen und Feindschaften gesehen. Und es scheint nichts mehr zu geben, das diesen Gefahren gewachsen ist. Die Globalisierung erscheint nun als ein ständiger Belagerungszustand. So ist aus der offenen Welt ist eine enge Welt geworden. 

Ein Bericht des Instituts für Demoskopie Allensbach über die Meinungsentwicklung in Deutschland zur Weltlage und den internationalen Beziehungen (publiziert in der FAZ vom 2.3.2026) bestätigt diesen Stimmungsumschwung. Zum Zeitpunkt der Allensbach-Umfrage hatte der Iran-Krieg noch nicht begonnen, inzwischen wird sich der Umschwung noch verstärkt haben. Die FAZ-Überschrift lautet „Eine Welt aus den Fugen“. Im FAZ-Artikel heißt es: „Die Umfragen des Instituts für Demographie Allensbach der letzten Jahre zeigen deutlich, bei wie vielen Menschen das Gefühl verloren gegangen ist, festen Grund unter den Füßen zu haben.“ Eine Frage des Allensbacher Instituts lautete: „Würden Sie sagen, die Weltlage ist sehr schwierig, es gibt zu viele bedrohliche Krisen in der Welt. Oder ist die Weltlage nicht so schwierig und bedrohlich?“ 90 Prozent der Befragten antworteten, sie hielten die Weltlage für sehr schwierig. Das waren neun Prozentpunkte mehr als vor neun Jahren, und 19 Prozentpunkte mehr als vor 18 Jahren. Eine andere Frage lautete: „Halten Sie das Leben jetzt in unserer Zeit für gefährlicher, als es noch vor 20 bis 30 Jahren war, oder für weniger gefährlich als damals, oder hat sich da nicht viel verändert?“ In der jetzigen Umfrage sagten 72 Prozent der Befragten, das Leben sei heute gefährlicher. Im Jahre 2011 waren nur 49 Prozent dieser Ansicht.

Der Verlust aller festen Bestände

Diese gestiegene Unsicherheit ist nicht nur ein psychologisches Problem. Wenn die Menschen von einem „Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren“ sprechen, geht es nicht nur um eine Veränderung der gefühlten Welt, sondern um eine veränderte äußere Realität. Die Unsicherheiten der heutigen Weltlage sind schon da – ganz unabhängig vom Willen und Bewusstsein der Menschen. Offenbar sind die Lösungen, die von den Regierenden in dieser Lage angeboten werden, nicht geeignet, eine vertrauenswürdige Stabilität herzustellen. Vom Bundeskanzler ist zu hören, dass Deutschland „die Sprache der Machtpolitik“ lernen müsse. Das Ganze wird erstaunlich salopp dahergesagt – als ob es keinen hohen Preis zu zahlen gibt, wenn nur noch eine krude „Macht“ das Maß aller Dinge ist. Man hört in diesen Tagen viel von der Fähigkeit zur (militärischen) „Abschreckung“. Aber wenn das der einzige Stoff ist, der die Welt zusammenhält, kommen keine größeren und dauerhaften Bindungen mehr zustande – weder bei Investitionsentscheidungen für Produktionsbetriebe und öffentliche Infrastrukturen, noch bei Entscheidungen für ein Berufsleben oder für die Generationenfolge einer Familie. Diese Schwäche kündigte sich schon in der vorhergehenden Phase der Globalisierung an. In ihrer „offenen Welt“ löste sich bereits alles Statische in immer mehr in „Ströme“ auf: in Verkehrsströme, in Informationsströme, in Migrationsströme und so weiter. Und jetzt zeigt sich, was das Endprodukt dieser Endwicklung ist: Die ursprünglich faszinierenden Ströme haben sich auf unheimliche Weise in einen zerstörerischen, gewalttätigen Strom verwandelt.  Es gibt keine verlässlichen Bestände mehr. Selbst mit einer immer höheren Verschuldung gelingt es nicht, gelingt es nicht, das bestehende materielle und geistige Niveau zu halten. Das Land kann sich nicht gegen die Macht der Erosion zu behaupten. Und das ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern eine alltägliche, vielfältige Erfahrung, die sich nicht mehr wegdiskutieren lässt.  

Die verführerische Leichtigkeit der Globalisierung

Dabei hatte die Globalisierung eigentlich mit einem rosigen Zukunftsversprechen begonnen. Die globalisierte Welt sollteeine „offene“ Landschaft sein, die sich friedlich-einladend vor der ganzen Menschheit ausbreitete, und die für jeden einzelnen Menschen erreichbar sein sollte. Das hatte etwas Verführerisches. „Modern sein“ schien zu bedeuten, dass man sich eine ganz neue Zukunft erfinden könnte, die sich von der Vergangenheit so radikal unterschied, dass man alles Bestehende frohgemut zum alten Eisen werfen konnte. So konnte die Erzählung von der „Großen Transformation“ in einem beträchtlichen Teil der Welt – in dem es eigentlich bedeutende historische Errungenschaften gab – für bare Münze genommen werden und in erstaunlich kurzer Zeit zur dominierenden Macht aufsteigen.

Um einen Eindruck von dieser verführerischen Erleichterung der Welt zu vermitteln, soll hier aus einem Buch zitiert werden, das in den USA im Jahr 2007 erschienen ist. Die deutsche Übersetzung erschien 2008 unter dem Titel “Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts“. Der Autor, Thomas L. Friedman, ist Kolumnist der New York Times, und „einer der weltweit angesehensten Journalisten“, wie der Klappentext des Buchs verrät. Wir notieren am Rande, dass es unter den Millionen Journalisten, die es weltweit gibt, offenbar möglich ist, den Titel eines „weltweit angesehensten Journalisten“ zu bekommen. Und wir notieren auch, dass man nicht Historiker oder Geograph sein muss, um eine „kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts“ zu schreiben und mit der These „Die Welt ist flach“ auch eine sehr „kurze“ Version der Erdgeographie zu vertreten. Friedman schreibt zum Titel seines Buches in der Einleitung:

„Meiner Erfahrung nach hilft die einfache Vorstellung von einer flachen Welt, eine Vorstellung davon zu vermitteln, dass sich heute mehr Menschen als je zuvor einschalten und vernetzen, dass sie konkurrieren, kommunizieren und kooperieren können, und zwar gleichberechtigt.“

Und ein paar Sätze weiter heißt es in der Einleitung:

„Mein Thema sind Kräfte der einebnenden `Angleichung´, die dem einzelnen so weitreichende Möglichkeiten der Beteiligung geben wie nie zuvor, und zwar schnell, nachhaltig und kostengünstig. Diese Einebnung von Macht- und Möglichkeitshierarchien ist eine Folge davon, dass eine große Zahl von Menschen heute die Mittel und Fähigkeiten besitzt, miteinander zu kommunizieren, zu konkurrieren und kooperieren. Meiner Ansicht nach ist diese Einebnung des Spielfelds das zentrale Ereignis der Gegenwart.“       

Man sieht hier, worin die verführerische Leichtigkeit besteht, mit der die Globalisierung gestartet ist. Und wie die These von der „einebnenden Angleichung“ eine urbane Mittelschicht anspricht, die es gewohnt ist, „kommunikativ“ im weitesten Sinne tätig zu sein und dabei mit Hilfe der elektronischen Medien und Netzwerken weltweit unterwegs zu sein.

Aber wir wissen auch, dass dies globale Spielfeld alles andere als „flach“ ist: Es weist ein extremes Gefälle zwischen Sendern und Empfängern, Beeinflussern und Beeinflussten. Und sie weist eine ausgesprochen steile, dünne Spitze von dominanten Plattformen und Tech-Giganten aus.

Die Selektivität des „Mainstream“

Mainstream“ bedeutet in wörtlicher Übersetzung „Hauptstrom“, und tatsächlich bildet sich in einer Welt, die sich Ströme aufgelöst hat, so etwas wie ein dominierender Strom. Die globalisierte Welt umfasst auf der einen Seite eine unvorstellbare Menge von Informationen, von denen viele sich auch in rascher Veränderung befinden. Diese Menge ist als solche auf Friedmans „Spielfeld“ gar nicht darstellbar und erst recht nicht von den Empfängern aufnehmbar. Es muss also eine extreme Selektion geschehen – eine Hierarchisierung von Informationen, ohne dass deren Kriterien von irgendeiner Stelle aus transparent werden können. Selbst diejenigen, die eine Information an prominenter Stelle platzieren, wissen keineswegs, wen oder was sie im gleichen Moment verdrängen. Es regiert oft nur eine vage Sympathie oder Antipathie. Zum Teil ist es ein willkürliches „Setzen“ einer Information und ihrer Interpretation, zum Teil ist es ein „Folgen“, das sich dem Auffälligen und Aufdringlichen opportunistisch anpasst. So entsteht eine „Hauptströmung“, die keinen festen, transparenten Kriterien folgt, die aber auch keine übergreifende Ideologie braucht. So erklärt sich, dass zum Beispiel einzelne Unglücke oder Skandale in den Vordergrund treten. Oder es werden „positive Beispiele“ und „wohlmeinende Stimmen auf der Straße“ herausgesucht. Ohne dass die Repräsentativität oder sachliche Relevanz irgendwie gesichert wäre. Das gleiche gilt für die Frage, welches Thema in einer Sendung an erster, zweiter oder letzter Stelle steht. Jede „Tageschau“ und jedes durchlaufende „Meldungsband“ bei Nachrichtensendern ein Dokument dieser extremen und zugleich blinden Hierarchiebildung in einer globalisierten Welt. mit ihrem wabernden „Hauptstrom“

Man muss dabei im Augen haben, dass die Globalisierung nicht nur aus Informationsströmen besteht und in kommunikativen Netzwerken geschieht. Die Globalisierung der Welt bedeutet nicht nur, dass eine unendlich große Menge von Informationen in einen Topf geworfen werden, und dann die oben beschriebene blinde Hierarchiebildung zu einem wabernden „Mainstream“ stattfindet. Das gleiche geschieht bei Gütern, Dienstleistungen, Finanzen, Rechtsnormen und natürlich auch bei den Menschen mit ihren Eigenschaften und Rollen.

Die Unterscheidungen der klassischen Moderne

Wenn man sich das klar macht, ergibt sich ganz von selbst die Frage: Wie hat man die vielen Dinge, die ja auch schon vorher – zumindest in modernen Zeiten – „unendlich viele“ waren, eigentlich früher bewältigt? Und da stößt man auf etwas, was früher da war, und was durch den Versuch mit dem „Globalisieren“ ausgeschaltet hat: Früher gab es fundamentale Unterscheidungen, die zu jeweils spezifischen Institutionen und getrennten Ordnungsbereichen führten. Eine dieser fundamentalen Unterscheidungen war die Trennung von Staat und Wirtschaft. Und eine zweite war die Trennung von Inneren Angelegenheiten und äußeren Angelegenheiten von „Ländern“ – also von souveränen territorialen Grundeinheiten. Es würde hier zu weit führen, das nun ausführlich darzustellen. Aber zwei Tatsachen sind hier wichtig: Erstens bedeutet „Globalisieren“, dass sowohl die Unterscheidung zwischen Staat und Wirtschaft als auch die Unterscheidung zwischen „Innen“ und „Außen“ ausgeschaltet wird. Beide Ausschaltungen sind geschichtlich parallel erfolgt. Es ist bezeichnend, dass in dem Buch „Die Welt ist flach“ Phänomene beschrieben werden, die Staat und Wirtschaft gewissermaßen „überfliegen“. Zweitens ist die Globalisierung nicht zur Macht gekommen, weil sich die beiden Unterscheidungen der klassischen Moderne in einer Krise befunden hätten oder gar gescheitert wären. Die Krisen des 19. Und 20. Jahrhunderts sind ihm Rahmen der klassischen Ordnung der Moderne überwunden worden. Das gilt insbesondere auch für eine Weltordnung, die auf der Souveränität territorial verfasster Nationalstaaten beruhte, und die nach dem 2. Weltkrieg in der Charta der Vereinten Nationen ihren Ausdruck fand.

Die Stabilität der Weltordnung beruht auf der Souveränität ihrer Staaten

Im Artikel 2 der Charta heißt es im Absatz 2: „Die Organisation beruht auf dem Grundsatz der souveränen Gleichheit aller ihrer Mitglieder“. Der Grundsatz der „souveränen Gleichheit“ ist eine bedeutende Errungenschaft. Es gibt eine deutliche Unterscheidung zwischen den inneren und äußeren Angelegenheiten der Staaten und Volkswirtschaften. Die Souveränität schafft einen Innenraum, der vor Einmischung von außen geschützt ist. Die Gleichheit schafft einen Außenraum der Koexistenz, der die Freiheit zur Kooperation bietet, und der zugleich Übergriffe und Vormundschaften ausschließt. Das hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Koexistenz von sehr gegensätzlichen politischen und wirtschaftlichen Doktrinen und Systemen ermöglicht. Auch von sehr unterschiedlichen Entwicklungswegen und Entwicklungsständen. So konnten auf dieser Grundlage die zahlreichen jungen Staaten, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts von kolonialen Abhängigkeiten befreiten und ihre Unabhängigkeit erklärten, in der klassisch modernen Weltordnung ihren Platz werden. 

Die Entwertung der souveränen Grundbausteine

Doch im Zuge der Globalisierung wurden nun die bisherigen Träger der Weltordnung entwertet und entmachtet. Im Völkerrecht fand eine substanzielle Gewichtsverschiebung statt.

Zum einen rückten „Weltgüter“ und „Weltprojekte“ in den Vordergrund. Im Namen von gemeinsamen Ziel-Definitionen von „Klimaschutz“ oder „kultureller Vielfalt“ wurden den einzelnen Staaten Verpflichtungen auferlegt, die mit Kontrollen und Sanktionen verbunden sein waren. Zum anderen wurde das Völkerrecht individualisiert. Die einzelnen Menschen wurden Rechtssubjekte und konnte diese Rechte gegenüber den Staaten geltend machen. Dazu gehörte zum Beispiel ein universelles Recht jedes Menschen auf gesundheitliche Versorgung oder auf eine zuverlässige Wasserversorgung. Auch ein Grundrecht auf Migration wurde installiert. Damit wurden völkerrechtliche Ansprüche in die Welt gesetzt, die auf die staatlichen und wirtschaftlichen Mittel und Entwicklungsstände der Mitgliedsländer keine Rücksicht nahmen. Diese globalisierende Erweiterung der Rechtsansprüche führte nicht zu einer stabileren Weltordnung, sondern zu einer Art Schwebezustand unerfüllter und unerfüllbarer Ansprüche. Alles musste immer wieder neu ausgehandelt werden. Nichts genügte mehr. Die abwertende Dynamik der „Großen Transformation“ zerstörte die Aufmerksamkeit und den gegenseitigen Respekt, die die Koexistenz souveräner Staaten früher ausgezeichnet hatte. Und dann war die Globalisierung so weit gediehen, dass neue „Weltfeinde“ beschworen wurden und „Erbfeindschaften“ wiederbelebt wurden. Im Zuge der sogenannten „Zeitenwende“ wurde eine neue Weltordnung der Konfrontation verkündet – der Konfrontation zwischen „Autokratien“ und „Demokratien“. Russland wurde zum Inbegriff des Bösen, mit dem eine Koexistenz nun völlig unvorstellbar schien. Die „Zeitenwende“ bedeutete, dass eine neue Weltordnung nur auf der eigenen Stärke und der Schwäche des gefährlichen Anderen beruhen kann. Mit einem Wort: Es kann nur eine Weltordnung der Hegemonien geben. Und da solche Hegemonien nicht stabil sind, läuft es auf ein dauerndes, rastloses Hegemoniestreben hinaus. Solange die Weltordnung der Globalisierung noch nicht überwunden ist, kann es kein neues Vertrauen entstehen und das Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben, wird nicht geringer werden.    

Man kann die heutige Zeit als eine Zeit beschreiben, in der die Faszination der Globalisierung schon stark erschüttert ist, aber in der ihre Mechanismen und Vorstellungen noch weiterwirken. Und in der auch die Alternative einer territorialen Weltordnung noch nicht ganz klar ist. Welche älteren zivilisatorischen und institutionellen Entwicklungslinien sind weiterhin wirksam, damit ihre Ordnungskraft wiederentdeckt und rehabilitiert werden kann. Es wird noch einen längeren Zeitraum geben, in dem hegemoniale und territoriale Ordnungselemente nebeneinander bestehen und miteinander um Einfluss ringen werden. Nichts ist schon entschieden.   

Auf der Suche nach der verlorenen Stabilität

Die Globalisierung hat zu einer haltlosen Welt geführt, weil sie keine verantwortungsfähigen Träger bieten kann. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA ist eine richtungsweisende Korrektur. (Das Scheitern der Globalisierung, Teil II) 

Auf der Suche nach der verlorenen Stabilität

20. Februar 2026

Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass in dem Land, das vor kurzem noch als einzig verbleibende Supermacht in der Ära der Globalisierung galt, nun eine Regierungsmehrheit entstanden ist, die von diesem Anspruch Abstand nimmt. Die USA betonen wieder stärker den Unterschied zwischen ihren inneren und äußeren Angelegenheiten, und sie räumen der inneren Sanierung und Entwicklung Priorität vor der Außenpolitik und Außenwirtschaft ein. Damit ist ja die Schieflage berührt, die mit der Globalisierung entstanden war: Dass die Staaten ihr Heil in einer Verstärkung der wirtschaftlichen und politischen Außenbeziehungen suchen. Und dass sie glauben, das Problem der Überdehnung von Geltungs- und Machtansprüchen ignorieren zu können. Deshalb soll hier ein Dokument näher betrachtet werden, in dem wirklich eine Linie der Korrektur formuliert wird: die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA. 

Die neue „Nationale Sicherheitsstrategie“ der USA

Im Dezember 2025 präsentierte die US-Regierung eine neue „Nationale Sicherheitsstrategie“. Es geht hier also um eine Veränderung bei der Großmacht, die gestärkt und als „Sieger“ aus den Ereignissen von 1989 hervorzugehen schien. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie bricht mit dieser Deutung. Schon vorher gab es in der amerikanischen Politik einige Anzeichen für ein wachsendes Unbehagen in der Rolle des Welthegemons. Mit der neuen Sicherheitsstrategie wird mit dieser nun ausdrücklich gebrochen. In dem publizierten Text heißt es:

„Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die Eliten der amerikanischen Außenpolitik davon überzeugt, dass eine dauernde Vorherrschaft der USA über die ganze Welt im besten Interesse unseres Landes sei…Die Angelegenheiten anderer Länder gehen uns jedoch nur dann etwas an, wenn ihre Aktivitäten unsere Interessen direkt bedrohen.“ 

(zitiert aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 9.12.2025, wo auch längeren Passagen aus dem Europa-Kapitel der Strategie publiziert wurden)

Was „strategische Stabilisierung“ für das Verhältnis der USA zu Russland und zu Europa bedeutet  

Die internationalen Interessen der USA werden also enger definiert. Zugleich wird mit dem Wort „strategische Stabilisierung“ ein Leitbegriff für die Ordnung einer Welt eingeführt, deren multipolarer Charakter nun anerkannt wird. Es ist ein schwächerer Begriff als „strategische Partnerschaft“. Der Stabilisierungs-Begriff findet insbesondere Anwendung im Verhältnis zu Russland, zu Europa und zum eurasischen Raum insgesamt.

„Die Gestaltung der europäischen Beziehungen zu Russland wird erhebliches diplomatisches Engagement der USA erfordern, sowohl zur Wiederherstellung von Bedingungen strategischer Stabilität im eurasischen Raum als auch zur Verringerung eines Konflikts zwischen Russland und europäischen Staaten. Es ist ein Kerninteresse der Vereinigten Staaten, eine zügige Beendigung der Feindseligkeiten in der Ukraine zu verhandeln, um die europäischen Volkswirtschaften zu stabilisieren, eine unbeabsichtigte Eskalation oder Ausweitung des Krieges zu verhindern, die strategische Stabilität mit Russland wiederherzustellen und den Wiederaufbau der Ukraine nach den Kampfhandlungen zu ermöglichen, sodass sie als funktionsfähiger Staat überleben kann.“

Die US-Regierung sieht einen zivilisatorischen Niedergang Europas

Im Europa-Kapitel des Dokuments wird ein gravierender Bedeutungsverlust und fundamentaler Niedergang diagnostiziert. Damit wird nicht ein neues „Feindbild Europa“ entworfen, sondern eher einer Sorge Ausdruck verliehen:

„Kontinentaleuropa hat an seinem Anteil am weltweiten BIP verloren – von 25 Prozent im Jahr 1990 auf 14 Prozent heute -, teilweise aufgrund nationaler und transnationaler Regulierungen, die Kreativität und Fleiß untergraben. Der wirtschaftliche Niedergang wird jedoch von der realen und noch düsteren Aussicht auf den zivilisatorischen Untergang überschattet…Wir wollen, dass Europa europäisch bleibt, sein zivilisatorisches Selbstbewusstsein wiedererlangt und seine fehlgeleitete Fokussierung auf überbordende Regulierung aufgibt.“

Auf der Prioritätenliste für die Europa-Politik lauten die drei ersten Punkte:

  • „Die Voraussetzungen für Stabilität in Europa und für strategische Stabilität im Verhältnis zu Russland wiederherstellen.“
  • „Europa in die Lage versetzen, auf eigenen Füßen zu stehen und als Verband gleichgesinnter souveräner Nationen zu handeln, einschließlich der Übernahme der Hauptverantwortung für seine eigene Verteidigung, ohne von einer generischen Macht dominiert zu werden.“
  • „Den Widerstand gegen den derzeitigen Kurs Europas innerhalb der europäischen Staaten stärken.“

Die hier zitierten Textabschnitte belegen, dass die neue Sicherheitsstrategie keineswegs das Ziel verfolgt, ein schwaches und abhängiges Europa herbeizuführen. Eher ist es ein Aufruf an die Staaten Europas, ihr „zivilisatorisches Selbstbewusstsein“ wiederentdecken. Es wird aber auch deutlich, dass die US-Regierung nicht glaubt, dass dies Selbstbewusstsein dadurch gefördert wird, dass in Europa eine Russland-Feindschaft aufgebaut wird.  

Keine Selbstbehauptung ohne Rückzug

Insgesamt ist die neue Sicherheitsstrategie ein Dokument des Rückzugs der USA von einer globalen Interventionspolitik. Sie fasst die Sicherheitsinteressen der USA enger, auch wenn es übertrieben wäre, das als „Isolationismus“ zu bezeichnen. In dem Dokument gibt es nicht mehr die großen Feindbilder und antagonistischen Vorherrschaftskämpfe, wie man sie in Deutschland oder seitens der EU – zum Beispiel unter dem Titel „Demokratie gegen Autokratie“ – noch beschwört. Vielmehr zeichnet sich in der US-Sicherheitsstrategie eine Ordnung der Welt ab, in der territorial verfasste, selbstverantwortliche Nationalstaaten die Träger sind. Dabei sind große Unterschiede in den politischen, wirtschaftlichen und zivilisatorischen Grundlagen der Länder kein Hindernis. Das gilt auch für Unterschiede in Gewicht und Reichweite der außenpolitischen Verbindungen. Entscheidend ist, dass die Unterschiede nicht eine Koexistenz ausschließen. Dass sie eine „strategische Stabilisierung“ ermöglichen, wie die Formulierung der US-Regierung es formuliert. Eine solche Formulierung setzt ja die Erwartung voraus, dass auch die Großmächte Russland und China gute Gründe für eine Stabilisierung haben, die nicht bloß ein Zwischenspiel ist.         

Kein Rückzug ohne Selbstbehauptung

Es geht um die Möglichkeit einer Welt, in der nicht der Zwang zu einer Wahl zwischen „Hegemonie oder Abhängigkeit“ besteht. Diese Möglichkeit besteht dauerhaft nur dann, wenn es in der modernen Welt tiefere Gründe für einen Vorrang der Binnenentwicklung der einzelnen Staaten und Volkswirtschaften gibt. Dass also Entwicklungsprobleme nicht dadurch gelöst werden können, dass vorrangig auf die Außenbeziehungen gesetzt wird. Dass eine Auslagerung der Probleme also nicht weiterhilft.  Ein Primat der Binnenentwicklung bedeutet nicht, dass es keine Außenbeziehungen mehr gibt. Es bedeutet nur, dass den Entwicklungsproblemen eines Landes nicht ausgewichen wird, indem man die Schuld auf mächtige äußere Feinde schiebt oder sie äußeren „guten Mächten“ überlässt. Ein solcher Vorrang der Binnenentwicklung ist in der heutigen Welt keine Frage des Willens und der Haltung. Vielmehr gibt es reale Triebkräfte in diese Richtung: Der Problemexport, der mit der Globalisierung verbunden war, hat große Lücken in der Binnenentwicklung der USA hinterlassen, die deren Fähigkeit der Selbstbehauptung erheblich geschwächt haben. Ähnliches lässt sich auch für einzelne europäische Staaten sagen, insbesondere für die etwas größeren Staaten, die lange Zeit auf Globalisierungs-Dividenden hofften und dafür auf eine zunehmende Machtkonzentration bei der EU setzten. Die Lücken in der Binnenentwicklung der einzelnen Staaten, die dabei entstanden sind, werden nun immer deutlicher. Auch in Europa gibt es also gute Gründe, dass die Selbstbehauptung und Selbstverantwortung der einzelnen Staaten wieder in den Vordergrund treten. 

„Feindbild Europa“ oder „Feindbild USA“?

Zwei Monate nach der Publikation der Sicherheitsstrategie versetzte die „Grönland-Affäre“ die Öffentlichkeit in Alarmzustand. Am 16.2.2026 konnte man im Kommentar auf der Titelseite der „Frankfurter Allgemeinen“ folgende Sätze lesen: „Trumps militärische Drohung gegen Dänemark war so ein Schritt über den Rubikon. Seither kann sich keiner der Verbündeten noch sicher sein, dass Amerika nicht eines Tages vom Beschützer zum Angreifer wird.“ Das ist eigentlich eine ungeheuerliche Aussage. Die USA sollen fähig und willens sein, einen Angriffskrieg gegen Europa zu führen. Was für eine Wende in der Wahrnehmung der Welt: Aus dem Hoffnungsbild eines globalen Zusammenwachsens ist nun das Schreckensgemälde eines überall lauernden kriegerischen Zusammenstoßens geworden. Alte Freunde werden im Handumdrehen zum Gegenstand finsterster Verdächtigungen. Und es sind nicht die Amerikaner, die ein „Feindbild Europa“ entwickelt haben, sondern die Europäer, die nun offenbar bei einem „Feindbild USA“ angekommen sind.

Das neue Feindbild: die Großmächte 

Nach „Putins Russland“ ist nun auch „Trumps Amerika“ in Europa zum Inbegriff des Bösen geworden. Doch im Namen welcher Weltordnung wird dies Urteil eigentlich gefällt? (Das Scheitern der Globalisierung, Teil 1)

Das neue Feindbild: die Großmächte 

28. Januar 2026

Seit einiger Zeit zeichnet sich in der Weltpolitik und in der Weltökonomie eine neue Konstellation ab. Wir wissen nicht genau, wie diese Konstellation aussehen wird, und in wieweit es gelingen wird, zu einer stabilisierenden Ordnung dieser Konstellation zu kommen. Sicher ist, dass die große Erzählung von einer sich immer weiter angleichenden und demokratisierenden „Globalisierung“ und von einem „Sieg des Westens“ nicht haltbar ist. In der heutigen multipolaren Welt nehmen die Unterschiede zu. Nun gibt es das gängige Vorurteil, dass eine solche Welt zwangsläufig eine Welt verschärfter Konfrontationen sein muss. Dass bei jedem Konflikt ein „Flächenbrand“ droht. Und dass zu solchen Eskalationen besonders die Großmächte neigen.   

Doch genau das gilt für die neue Konstellation nicht. Und auch der Generalverdacht gegen die Großmächte scheint nicht den Tatsachen gerecht zu werden. Dort, wo diese Mächte gegenwärtig ihr großes militärisches Potential einsetzen, zielt das offenbar nicht auf Eroberung von Territorien, sondern auf die Errichtung von realistischen und haltbaren Grenzen. Das gilt für die Ukraine, wo Russland die Versuche Kiews im Namen der Maidan-Revolution, alles Russische aus der Ukraine zu vertreiben, zunichte machen konnte und nun eine Abtretung von Teilgebieten und eine stabile Grenze gegen weitere Versuche eines Roll Back durchsetzen kann. Das gilt auch für das Bündnis der USA mit Israel, das sich gegen einen beginnenden Angriffskrieg, der den Gazastreifen als Aufmarschgebiet benutzte, erfolgreich abwehren konnte und nun dem weiteren Missbrauch des Gazastreifens vorbauen kann. Aber in beiden Konflikten haben militärische Erfolge weder Russland noch die USA dazu verführt, ihre Kriegsziele zu erweitern. Russland agiert innerhalb einer Perspektive der Koexistenz mit Europa, die USA und Israel agieren innerhalb einer Perspektive der Koexistenz mit der arabisch-islamischen Welt.  

Das bedeutet, dass die Welt nach dem Ende der großen Erzählung vom globalen „Immer-enger-vereint“ nicht in neue Eroberungskriege stürzt, sondern vielmehr um stabile Trennungslinien ringt. Auf dieser Basis scheinen sich die Großmächte – so zeigen es die USA und Russland – leichter verständigen zu können als manche mittleren und kleinen Mächte. Könnte es also sein, dass die Großmächte unserer Gegenwart einen weiteren Blick haben? Dass sie um die Grenzen ihrer Macht wissen, weil sie in ihrer jüngeren Geschichte die Gefahren einer Überdehnung ihres Einflussgebiets kennengelernt haben? Auch tiefere geographische Gründe können gerade große Territorialstaaten dazu veranlassen, eher auf ihre Binnenentwicklung zu setzen als auf ihre weitere Expansion. Es liegt ihnen näher, sich den anspruchsvollen Aufgaben im eigenen Land zuzuwenden, als ihr Heil in einer Ausdehnung ihrer äußeren Angelegenheiten zu suchen.

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass dies keine völlig eindeutigen Tendenzen sind. Die historische Chance, dass die multipolare Welt jetzt zu einer Weltordnung der stabilen Koexistenz entwickelt, kann verpasst werden. Umso wichtiger ist es, diese Chance möglichst klar zu erfassen Dabei geht es nicht darum, das Ziel der Koexistenz in den schönsten Farben auszumalen, sondern die realen Faktoren herauszuarbeiten, die in diese Richtung wirken. Und es geht auch darum, dem Ressentiment entgegenzutreten, das dem Feindbild der Großmächte zugrunde liegt.    

Die Großmächte als Feindbild

Am 25.1.2026 erschien die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit einer Titelseite, auf der die dramatische Überschrift „Der Zerreißer“ prangte. Im Untertitel war zu lesen: „Donald Trump hat die Bande Amerikas zu Europa gekappt. Das ist eine zweite Zeitenwende. Doch die Europäer müssen nicht auf der Speisekarte der rivalisierenden Großmächte landen, wenn sie sich besinnen.“  So hat die Frankfurter Allgemeine also nach „Putins Russland“ einen zweiten Großfeind der Menschheit entdeckt: „Trumps Amerika“. Der Autor, Berthold Kohler, ist nicht irgendwer, sondern einer der Herausgeber der FAZ. Und die Beschwörung einer Lage, in der „wir“ von zwei Großfeinden umgeben sind, entspricht durchaus einer verbreiteten Stimmung in Deutschland und Europa. Es geht dabei nicht nur um zwei einzelne Großmächte, sondern es wird ein generelles Vorurteil gegen alles „Große“ mobilisiert. Wenn nämlich von einer „zweiten Zeitenwende“ und von einer „Speisekarte der rivalisierenden Großmächte“ die Rede ist, ist eine neue Weltordnung gemeint, die von Mächten beherrscht wird, die überall auf der Welt auf Gebiete zugreifen. Kohler zeichnet ein Weltgemälde der Willkür:

„Im kalten Krieg hatte Amerika Moskau davon abhalten wollen und können, die rote Linie in Europa zu überschreiten. Nun aber führt Russland seit vier Jahren in Europa einen Eroberungskrieg, der unter dem Motto stehen könnte „Make Russia great again“. Doch statt den russischen Imperialismus durch eine kompromisslose Unterstützung der Ukrainer aufzuhalten, gesteht Trump Putin das Recht zu, das er schließlich auch für Amerika in Anspruch nimmt: das Recht auf eine Einflusszone, in der nur der Wille der jeweiligen Großmacht zählt. Trumps Griff nach Grönland entspringt keinem anderen Geist als Putins Traum von Großrussland.“

Der Autor konstruiert hier das Bild eines gemeinsamen imperialistischen Grundcharakters der beiden Großmächte USA und Russland, den er an anderer Stelle auch in China erkannt haben will. Und dann bekommt die Anklage des Leitartikels eine bedeutsame Steigerung: Europa wird zum Ziel und Opfer der amerikanischen Großmacht-Politik erklärt. „Trumps Amerika“ ziele darauf, sich Europa gefügig zu machen und in Abhängigkeit zu bringen – so, wie auch „Putins Russland“ im Grunde auf die Zerstörung der Eigenständigkeit Europas ziele. So geht das mit dem neuen Feindbild „Großmacht“: In seinem Eifer kann der Autor nicht zwischen einer US-Kritik, die aus Sorge über den Niedergang Europas geäußert wird, und einer Feindschaft, die diesen Niedergang Europas herbeiführen will, unterscheiden. So aber ist es. Aus dem Text der US-Regierung zu ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (Das Kapitel „Europa“ ist dankenswerter Weise in der FAZ vom 9.12.2025 dokumentiert) geht das Motiv der Sorge deutlich hervor. Wie leicht wird das hier vom Tisch gewischt! Wie wichtig wäre da mehr Sorgfalt und Ruhe im Urteil. Und sollte bei dieser Gelegenheit nicht auch noch einmal prüfen, ob das Feindbild „Russland“ nicht ebenso verfehlt ist?

Große Mächte sind komplexe Gebilde

Das Weltbild, das die heutigen Großmächte unter Generalverdacht stellt, ist ein sehr plattes Weltbild. Die Russische Föderation und die Vereinigten Staaten von Amerika werden beide als bloße Willensgeschöpfe von „Putin“ oder „Trump“ präsentiert. Es sind eben „Autokratien“, soll man über Russland und die USA denken. Auch China wird so zum Willensgeschöpf „von Xi“. Und schon ist eine Schwarz-Weiß-Welt „Autokratie gegen Demokratie“ konstruiert. „Sie“ stehen auf der Seite des Bösen, während „wir“ die Seite des Guten für uns haben.   

Aber die großen Länder dieser Welt sind sehr komplexe Gebilde und stellen hohe Anforderungen an die Regierungskunst. Raum ist nicht einfach ein Verbündeter der Macht, sondern oft ein widerständiger Gegenpart. Seit einiger Zeit haben sowohl Russland als auch die USA die Erfahrung machen müssen, dass ihre Macht begrenzt ist. Beide sind bei ihren Versuchen, eine weltweite Politik des „regime change“ zu betreiben, gescheitert. Beide haben die Erfahrung gemacht, dass sich auch angebliche „Supermächte“ in eine territoriale Ordnung der Welt fügen müssen. Man kann also davon ausgehen, dass das Wissen über die Gefahr einer „Überdehnung“ der Macht heute zur Staatsräson der Großmächte gehört. Das bedeutet, dass sie in der heutigen Weltlage nicht mehr mit Eroberungsfragen beschäftigt sind, sondern mit Trennungsfragen. Das gilt für das Verhältnis zwischen den Großmächten, aber auch für das Verhältnis der Großmächte zu mittleren Mächten. Statt willkürlicher Grenzverletzungen geht es um haltbare Grenzen, die den Gegebenheiten Rechnung tragen. Nach dem Ende der großen Globalisierungs-Erzählung ist die neue Aufmerksamkeit für Trennungsfragen eine Voraussetzung für das Entstehen eine Weltordnung stabiler Koexistenz.

Trennungsaufgaben (1): Die Ukraine-Krise

In dem oben zitierten Leitartikel-Passage schreibt Berthold Kohler von der „roten Linie“, die die USA nach dem zweiten Weltkrieg in Europa gegen einen kommunistischen Vormarsch zogen – um dann zu behaupten, in der Ukraine wäre „Putins Russland“ nun erneut zum Vormarsch angetreten. Dabei übergeht er, dass es jetzt um eine ganz andere rote Linie geht, die auf Kosten Russlands weit nach Osten verlagert wurde. Diese Verlagerung geschah im Gefolge der Umwälzungen von 1989, die zu einem historischen „Sieg des Westens“ überhöht wurden und damit zur Legitimation eines immer weitergehenden „roll back“ und „regime change“ im Osten benutzt wurden. Es war eine Zeit, in der die USA sich als einzige verbleibende Supermacht sahen und vom Überdehnungsproblem nichts wissen wollten. Das ging so weit, dass in der Ukraine im Gefolge der sogenannten „Maidan-Revolution“ eine gewaltsame Austreibung aller russischen Elemente stattfand. Die Antwort war die militärische Intervention Russlands. Das war eigentlich als Akt der Selbstbehauptung durchaus plausibel. Es musste keineswegs bedeuten, dass mit dieser Intervention ein russischer Eroberungsfeldzug gen Westen begonnen hatte. Aber für diejenigen, die den Vormarsch des Westens als Normalität und ihr „Völkerrecht“ ansahen, war das ein „russischer Angriffskrieg“. Und dann malte man gleich noch eine maximale Bedrohung an die Wand: Russland sei angetreten, um ganz Europa zu erobern. Mit diesem Feindbild konnte völlig verdrängt werden, dass seit der Vertreibung alles Russischen durch die Maidan-Revolution eine Bringeschuld der Ukraine besteht. Diese Zerstörung einer tragenden Säule der alten Ukraine kann keineswegs hingenommen werden. Aber da offenbar eine Wiederherstellung einer Koexistenz der „westlichen“ und der „russischen“ Seite innerhalb der heutigen Ukraine nicht möglich ist, kann die Lösung nur in einer Trennung bestehen und diese muss territorial gesichert sein: durch einen Anschluss der Gebiete an Russland, die sich dem Zerstörungswerk der Majdan-Revolutionäre widersetzt haben. Ohne eine solche Grenzverschiebung wurde die Ukraine das Schandmal behalten, nur ein Produkt westlicher Roll-back-Politik zu sein. Und offenbar sieht die neue US-Regierung, die einen Abschied von einer expansiven Weltpolitik angekündigt hat, hier einen Prüfstein ihrer Glaubwürdigkeit. Leider scheint ein solcher Abschied in Europa nicht die Politik zu bestimmen. Die sogenannte „Koalition der Willigen“ scheint Europas Rolle dadurch profilieren zu wollen, dass man – verbal und finanziell – zur Kriegsverlängerung beiträgt.

Trennungsaufgaben (2): Die Grönland-Krise

Berthold Kohler führt „Trumps Griff nach Grönland“ als Beleg für den imperialistischen Geist an, der sowohl Russland als auch die USA kennzeichnet. Zu dieser Besetzungs-Story gehört, dass das idyllische Bild einer Insel gezeichnet wird, die mit spärlicher Besiedlung und lokalen Aktivitäten bisher ein friedliches Dasein abseits aller größeren Interessen pflegte. Und dies Stückchen Erde und Eis namens Grönland will Trump sich also unter den Nagel reißen? Nichts an diesem Bild ist wahr. Es ändert sich sofort, wenn man den Blick auf die Gesamtregion der Arktis erweitert. Denn dann wird Grönland als Teil einer Weltregion sichtbar, die – auch begünstigt durch Klimaveränderungen – zunehmend für die Handelsschifffahrt, für Militärstützpunkte und Kriegsschiffe, für Rohstoff-Gewinnung und Naturschutz-Gebiete interessant wird. Am 26.1.2026 brachte der Nachrichtensender „ntv“ einen britischen Film aus dem Jahr 2024 unter dem Titel „Aufrüstung in der Arktis – Wettkampf der Großmächte“. Der deutsche Titel ist etwas reißerisch, aber der Film ist interessant: Weltpolitik, Weltwirtschaft und Weltzivilisation sind in der Region schon am Werk. Grönland, in durchaus strategischer Lage, ist darauf unter dänischer Verwaltung offenbar schlecht vorbereitet. Dänemark hat auch nicht die erforderlichen Mittel, um bei der anstehenden dynamischen Entwicklung mitzuhalten. Die Grönland-Initiative der USA zielt offenbar darauf, dass hier kein Machtvakuum entsteht und zu einseitigen Ansprüchen und Übergriffen einlädt. Die Aufgabe besteht also nicht darin, die gesamte Arktis-Region für den Westen zu erobern, sondern die Voraussetzungen für eine Koexistenz verschiedener Akteure zu schaffen. In der FAZ vom 26.1.2026 kann man nachlesen, dass eine Lösung gefunden wurde, die den USA Stützpunkte auf Grönland zusichert. Aber man kann dort auch lesen, dass es Frankreich und Deutschland waren, die ihre bewaffneten „Erkundungsteams“ auf Grönland landen ließen, ohne auf eine Absprache in den NATO-Gremien zu warten. So demonstrierten sie vor aller Welt, zu welchen Alleingängen das Feindbild USA manche Regierung in Europa treibt – ohne dass diese Regierungen ernsthaft die Mittel und die Willenskraft haben, um in der Arktis Russland und China Paroli zu bieten.

Trennungsaufgaben (3): Die Palästina-Krise

In dem hier zitierten Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gibt es eine merkwürdige Leerstelle: Israel und der Angriff auf seine Existenz, der unter Berufung auf „Palästina“ vor unseren Augen stattfindet, wird an keiner Stelle erwähnt. Dabei ist das der Brennpunkt in der Welt, in der sich die USA seit dem Machtwechsel zu Trump am stärksten engagiert und exponiert haben. Sie sind in ihrem festen Beistand für Israel auch nicht dadurch abhalten lassen, dass mit jedem neuen militärischen Schritt der israelischen Regierung im Gazastreifen der Chor der Bedenkenträger in Europa immer lauter wurde. Inzwischen sind die Ankläger wieder stiller geworden. Denn es hat sich herausgestellt, dass an diesem Brennpunkt nur eine massive militärische Antwort den monströsen Anspruch, im Namen „Palästinas“ das israelische Volk von der Landkarte des Nahen Ostens zu wischen, abgewehrt werden kann. Dieser Anspruch ist nicht koexistenzfähig – erst recht nicht, wenn man ihm den Status eines eigenen Staates verleiht. Aber die Existenz eines wehrhaften Staates Israel ist sehr wohl koexistenzfähig mit der arabisch-islamischen Staatenwelt. Da liegt die Trennungsaufgabe: Die arabisch-islamische Welt darf ihr Schicksal nicht weiter an den Mythos „Palästina“ binden. Warum schweigt Berthold Kohler zur Israel-Politik von „Trumps Amerika“? Weil diese Politik nicht in sein Feindbild passt? Oder hält er diese Israel-Politik auch für „imperialistisch“ – und traut sich jetzt nur nicht, das in seinem Leitartikel zu schreiben?

Der blinde Fleck der „Machtpolitik“

Wenn man die Aufgaben in den hier angeführten drei Krisen also genauer betrachtet, erscheinen die Positionen der neuen USA-Politik, aber auch die Positionen Russlands durchaus plausibel. Aber wenn die sogenannte „Zeitenwende“ als Wende zu einem neuen „Imperialismus“ gedeutet wird, bedeutet das: Jede Ordnung verflüssigt sich und in der Welt gilt nur noch das Recht des Stärkeren. Damit wird die gegebene multipolare Welt nicht geordnet, sondern in einen ständigen Alarmzustand versetzt. Doch bei dieser Deutung ist eine sehr krude Vorstellung von Macht am Werk. Die Ungleichheiten der multipolaren Welt sollen zu einem simplen Entweder-Oder führen: entweder „Sieg oder Niederlage“. Der Sieg führt zur absoluten Herrschaft, die Niederlage in die vollständige Abhängigkeit. Diese Vorstellung ist verheerend, weil sie die Welt unter ein Zwangsgesetz stellt, das alle zum Großen und Größten treibt. Nur wer zu den Großen gehört, kann sich selbst behaupten. Und nur, wer unter den Großen dann die Position des Größten erringt, ist sicher vor Knechtschaft. Diese Vorstellung ist zugleich naiv, weil sie keine Ahnung davon hat, dass es in dieser Welt viele Dinge gibt, die nur im kleinen Maßstab zu erschließen und zu bearbeiten sind. Genauso wie es bei der Unternehmensgrößen je nach Branche und Produkt sehr unterschiedliche typische Größenverteilungen gibt, die in der Sache und nicht in der Macht begründet sind, so gilt das auch für Staaten. Deshalb gibt es mittlere und sogar kleine Staaten, die sich sehr gut neben großen Staaten behaupten. Und es liegt durchaus im Eigeninteresse der großen Staaten, sich diese Staaten nicht einzuverleiben. Es gibt ganze Weltregionen, in denen es keine Tendenz zum Großstaat gibt – da können die Verkehrs- und Kommunikations-Verbindungen noch so weiträumig sein. Es gibt eben viele andere moderne Dinge, für die es sehr umständlich wäre, sie mit „Größe“ zu bearbeiten. 

„Europa“ als alternative Großmacht?

In dem zitierten Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen kommen solche Erwägungen nicht vor. Deshalb gibt es hier nur eine Lösung: Europa muss sich seinerseits zu einer Großmacht formieren. Kohler schreibt:

„Zu sehr haben sich die Europäer, und hier insbesondere Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und technologisch von Mächten abhängig gemacht, die nicht zögern, diese Abhängigkeiten zu nutzen, um politischen Druck auszuüben. Zu diesem Kreis zählt nun auch Trumps Amerika, weswegen es berechtigt ist, von der zweiten Zeitenwende zu sprechen. Zu wenig haben sich die in der EU versammelten Europäer bisher darum bemüht, aus ihrer Vereinigung eine Macht zu machen, die Trump, Putin und Xi Paroli bieten könnte… Doch Europa hat es immer noch in der Hand, ob es einer von vielen Bällen im `great game´ zwischen Amerika, China und Russland sein will oder ein Mitspieler, den man nicht ignorieren oder gar erpressen kann. Nur dann kann Europa auch ein Anwalt der regelbasierten Ordnung sein und ein Partner für alle in der Welt, die sich nicht der Herrschaft der jeweils nächsten Großmacht unterwerfen wollen.“  

Die Möglichkeit einer Weltordnung, in der die unterschiedlichsten Staatengrößen ihren Platz zur Selbstbehauptung und Koexistenz finden, kommt hier gar nicht vor. Stattdessen wird ein utopisches Traumbild „Europa“ entworfen, das alles in einem ist: Morgens ist man eine zentralisierte Großmacht, die den anderen Großmächten „Paroli bietet“. Und am Nachmittag lädt man die ganze Welt zur Party ein. Beides natürlich ganz „regelbasiert“…

An dieser Stelle müssen wir die Auseinandersetzung mit dem Feindbild „Großmächte“ verlassen. Stattdessen muss es konstruktiv um die Suche nach einer tragfähigen Ordnung in einer multipolaren Welt gehen. Dabei darf die Tatsache nicht ignoriert werden, dass die multipolare Welt kein Nebeneinander von Gleichen ist, sondern unvermeidlich fundamentale Ungleichgewichte und Asymmetrien enthält. Es geht also darum, die Frage nach einer angemessenen Ordnung wirklich als offene Frage zu stellen und unterschiedliche Antworten nicht von vornherein nach Gut und Böse zu sortieren.