Nach „Putins Russland“ ist nun auch „Trumps Amerika“ in Europa zum Inbegriff des Bösen geworden. Doch im Namen welcher Weltordnung wird dies Urteil eigentlich gefällt? (Das Scheitern der Globalisierung, Teil 1)
Das neue Feindbild: die Großmächte
28. Januar 2026
Seit einiger Zeit zeichnet sich in der Weltpolitik und in der Weltökonomie eine neue Konstellation ab. Wir wissen nicht genau, wie diese Konstellation aussehen wird, und in wieweit es gelingen wird, zu einer stabilisierenden Ordnung dieser Konstellation zu kommen. Sicher ist, dass die große Erzählung von einer sich immer weiter angleichenden und demokratisierenden „Globalisierung“ und von einem „Sieg des Westens“ nicht haltbar ist. In der heutigen multipolaren Welt nehmen die Unterschiede zu. Nun gibt es das gängige Vorurteil, dass eine solche Welt zwangsläufig eine Welt verschärfter Konfrontationen sein muss. Dass bei jedem Konflikt ein „Flächenbrand“ droht. Und dass zu solchen Eskalationen besonders die Großmächte neigen.
Doch genau das gilt für die neue Konstellation nicht. Und auch der Generalverdacht gegen die Großmächte scheint nicht den Tatsachen gerecht zu werden. Dort, wo diese Mächte gegenwärtig ihr großes militärisches Potential einsetzen, zielt das offenbar nicht auf Eroberung von Territorien, sondern auf die Errichtung von realistischen und haltbaren Grenzen. Das gilt für die Ukraine, wo Russland die Versuche Kiews im Namen der Maidan-Revolution, alles Russische aus der Ukraine zu vertreiben, zunichte machen konnte und nun eine Abtretung von Teilgebieten und eine stabile Grenze gegen weitere Versuche eines Roll Back durchsetzen kann. Das gilt auch für das Bündnis der USA mit Israel, das sich gegen einen beginnenden Angriffskrieg, der den Gazastreifen als Aufmarschgebiet benutzte, erfolgreich abwehren konnte und nun dem weiteren Missbrauch des Gazastreifens vorbauen kann. Aber in beiden Konflikten haben militärische Erfolge weder Russland noch die USA dazu verführt, ihre Kriegsziele zu erweitern. Russland agiert innerhalb einer Perspektive der Koexistenz mit Europa, die USA und Israel agieren innerhalb einer Perspektive der Koexistenz mit der arabisch-islamischen Welt.
Das bedeutet, dass die Welt nach dem Ende der großen Erzählung vom globalen „Immer-enger-vereint“ nicht in neue Eroberungskriege stürzt, sondern vielmehr um stabile Trennungslinien ringt. Auf dieser Basis scheinen sich die Großmächte – so zeigen es die USA und Russland – leichter verständigen zu können als manche mittleren und kleinen Mächte. Könnte es also sein, dass die Großmächte unserer Gegenwart einen weiteren Blick haben? Dass sie um die Grenzen ihrer Macht wissen, weil sie in ihrer jüngeren Geschichte die Gefahren einer Überdehnung ihres Einflussgebiets kennengelernt haben? Auch tiefere geographische Gründe können gerade große Territorialstaaten dazu veranlassen, eher auf ihre Binnenentwicklung zu setzen als auf ihre weitere Expansion. Es liegt ihnen näher, sich den anspruchsvollen Aufgaben im eigenen Land zuzuwenden, als ihr Heil in einer Ausdehnung ihrer äußeren Angelegenheiten zu suchen.
Doch zur Wahrheit gehört auch, dass dies keine völlig eindeutigen Tendenzen sind. Die historische Chance, dass die multipolare Welt jetzt zu einer Weltordnung der stabilen Koexistenz entwickelt, kann verpasst werden. Umso wichtiger ist es, diese Chance möglichst klar zu erfassen Dabei geht es nicht darum, das Ziel der Koexistenz in den schönsten Farben auszumalen, sondern die realen Faktoren herauszuarbeiten, die in diese Richtung wirken. Und es geht auch darum, dem Ressentiment entgegenzutreten, das dem Feindbild der Großmächte zugrunde liegt.
Die Großmächte als Feindbild
Am 25.1.2026 erschien die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit einer Titelseite, auf der die dramatische Überschrift „Der Zerreißer“ prangte. Im Untertitel war zu lesen: „Donald Trump hat die Bande Amerikas zu Europa gekappt. Das ist eine zweite Zeitenwende. Doch die Europäer müssen nicht auf der Speisekarte der rivalisierenden Großmächte landen, wenn sie sich besinnen.“ So hat die Frankfurter Allgemeine also nach „Putins Russland“ einen zweiten Großfeind der Menschheit entdeckt: „Trumps Amerika“. Der Autor, Berthold Kohler, ist nicht irgendwer, sondern einer der Herausgeber der FAZ. Und die Beschwörung einer Lage, in der „wir“ von zwei Großfeinden umgeben sind, entspricht durchaus einer verbreiteten Stimmung in Deutschland und Europa. Es geht dabei nicht nur um zwei einzelne Großmächte, sondern es wird ein generelles Vorurteil gegen alles „Große“ mobilisiert. Wenn nämlich von einer „zweiten Zeitenwende“ und von einer „Speisekarte der rivalisierenden Großmächte“ die Rede ist, ist eine neue Weltordnung gemeint, die von Mächten beherrscht wird, die überall auf der Welt auf Gebiete zugreifen. Kohler zeichnet ein Weltgemälde der Willkür:
„Im kalten Krieg hatte Amerika Moskau davon abhalten wollen und können, die rote Linie in Europa zu überschreiten. Nun aber führt Russland seit vier Jahren in Europa einen Eroberungskrieg, der unter dem Motto stehen könnte „Make Russia great again“. Doch statt den russischen Imperialismus durch eine kompromisslose Unterstützung der Ukrainer aufzuhalten, gesteht Trump Putin das Recht zu, das er schließlich auch für Amerika in Anspruch nimmt: das Recht auf eine Einflusszone, in der nur der Wille der jeweiligen Großmacht zählt. Trumps Griff nach Grönland entspringt keinem anderen Geist als Putins Traum von Großrussland.“
Der Autor konstruiert hier das Bild eines gemeinsamen imperialistischen Grundcharakters der beiden Großmächte USA und Russland, den er an anderer Stelle auch in China erkannt haben will. Und dann bekommt die Anklage des Leitartikels eine bedeutsame Steigerung: Europa wird zum Ziel und Opfer der amerikanischen Großmacht-Politik erklärt. „Trumps Amerika“ ziele darauf, sich Europa gefügig zu machen und in Abhängigkeit zu bringen – so, wie auch „Putins Russland“ im Grunde auf die Zerstörung der Eigenständigkeit Europas ziele. So geht das mit dem neuen Feindbild „Großmacht“: In seinem Eifer kann der Autor nicht zwischen einer US-Kritik, die aus Sorge über den Niedergang Europas geäußert wird, und einer Feindschaft, die diesen Niedergang Europas herbeiführen will, unterscheiden. So aber ist es. Aus dem Text der US-Regierung zu ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (Das Kapitel „Europa“ ist dankenswerter Weise in der FAZ vom 9.12.2025 dokumentiert) geht das Motiv der Sorge deutlich hervor. Wie leicht wird das hier vom Tisch gewischt! Wie wichtig wäre da mehr Sorgfalt und Ruhe im Urteil. Und sollte bei dieser Gelegenheit nicht auch noch einmal prüfen, ob das Feindbild „Russland“ nicht ebenso verfehlt ist?
Große Mächte sind komplexe Gebilde
Das Weltbild, das die heutigen Großmächte unter Generalverdacht stellt, ist ein sehr plattes Weltbild. Die Russische Föderation und die Vereinigten Staaten von Amerika werden beide als bloße Willensgeschöpfe von „Putin“ oder „Trump“ präsentiert. Es sind eben „Autokratien“, soll man über Russland und die USA denken. Auch China wird so zum Willensgeschöpf „von Xi“. Und schon ist eine Schwarz-Weiß-Welt „Autokratie gegen Demokratie“ konstruiert. „Sie“ stehen auf der Seite des Bösen, während „wir“ die Seite des Guten für uns haben.
Aber die großen Länder dieser Welt sind sehr komplexe Gebilde und stellen hohe Anforderungen an die Regierungskunst. Raum ist nicht einfach ein Verbündeter der Macht, sondern oft ein widerständiger Gegenpart. Seit einiger Zeit haben sowohl Russland als auch die USA die Erfahrung machen müssen, dass ihre Macht begrenzt ist. Beide sind bei ihren Versuchen, eine weltweite Politik des „regime change“ zu betreiben, gescheitert. Beide haben die Erfahrung gemacht, dass sich auch angebliche „Supermächte“ in eine territoriale Ordnung der Welt fügen müssen. Man kann also davon ausgehen, dass das Wissen über die Gefahr einer „Überdehnung“ der Macht heute zur Staatsräson der Großmächte gehört. Das bedeutet, dass sie in der heutigen Weltlage nicht mehr mit Eroberungsfragen beschäftigt sind, sondern mit Trennungsfragen. Das gilt für das Verhältnis zwischen den Großmächten, aber auch für das Verhältnis der Großmächte zu mittleren Mächten. Statt willkürlicher Grenzverletzungen geht es um haltbare Grenzen, die den Gegebenheiten Rechnung tragen. Nach dem Ende der großen Globalisierungs-Erzählung ist die neue Aufmerksamkeit für Trennungsfragen eine Voraussetzung für das Entstehen eine Weltordnung stabiler Koexistenz.
Trennungsaufgaben (1): Die Ukraine-Krise
In dem oben zitierten Leitartikel-Passage schreibt Berthold Kohler von der „roten Linie“, die die USA nach dem zweiten Weltkrieg in Europa gegen einen kommunistischen Vormarsch zogen – um dann zu behaupten, in der Ukraine wäre „Putins Russland“ nun erneut zum Vormarsch angetreten. Dabei übergeht er, dass es jetzt um eine ganz andere rote Linie geht, die auf Kosten Russlands weit nach Osten verlagert wurde. Diese Verlagerung geschah im Gefolge der Umwälzungen von 1989, die zu einem historischen „Sieg des Westens“ überhöht wurden und damit zur Legitimation eines immer weitergehenden „roll back“ und „regime change“ im Osten benutzt wurden. Es war eine Zeit, in der die USA sich als einzige verbleibende Supermacht sahen und vom Überdehnungsproblem nichts wissen wollten. Das ging so weit, dass in der Ukraine im Gefolge der sogenannten „Maidan-Revolution“ eine gewaltsame Austreibung aller russischen Elemente stattfand. Die Antwort war die militärische Intervention Russlands. Das war eigentlich als Akt der Selbstbehauptung durchaus plausibel. Es musste keineswegs bedeuten, dass mit dieser Intervention ein russischer Eroberungsfeldzug gen Westen begonnen hatte. Aber für diejenigen, die den Vormarsch des Westens als Normalität und ihr „Völkerrecht“ ansahen, war das ein „russischer Angriffskrieg“. Und dann malte man gleich noch eine maximale Bedrohung an die Wand: Russland sei angetreten, um ganz Europa zu erobern. Mit diesem Feindbild konnte völlig verdrängt werden, dass seit der Vertreibung alles Russischen durch die Maidan-Revolution eine Bringeschuld der Ukraine besteht. Diese Zerstörung einer tragenden Säule der alten Ukraine kann keineswegs hingenommen werden. Aber da offenbar eine Wiederherstellung einer Koexistenz der „westlichen“ und der „russischen“ Seite innerhalb der heutigen Ukraine nicht möglich ist, kann die Lösung nur in einer Trennung bestehen und diese muss territorial gesichert sein: durch einen Anschluss der Gebiete an Russland, die sich dem Zerstörungswerk der Majdan-Revolutionäre widersetzt haben. Ohne eine solche Grenzverschiebung wurde die Ukraine das Schandmal behalten, nur ein Produkt westlicher Roll-back-Politik zu sein. Und offenbar sieht die neue US-Regierung, die einen Abschied von einer expansiven Weltpolitik angekündigt hat, hier einen Prüfstein ihrer Glaubwürdigkeit. Leider scheint ein solcher Abschied in Europa nicht die Politik zu bestimmen. Die sogenannte „Koalition der Willigen“ scheint Europas Rolle dadurch profilieren zu wollen, dass man – verbal und finanziell – zur Kriegsverlängerung beiträgt.
Trennungsaufgaben (2): Die Grönland-Krise
Berthold Kohler führt „Trumps Griff nach Grönland“ als Beleg für den imperialistischen Geist an, der sowohl Russland als auch die USA kennzeichnet. Zu dieser Besetzungs-Story gehört, dass das idyllische Bild einer Insel gezeichnet wird, die mit spärlicher Besiedlung und lokalen Aktivitäten bisher ein friedliches Dasein abseits aller größeren Interessen pflegte. Und dies Stückchen Erde und Eis namens Grönland will Trump sich also unter den Nagel reißen? Nichts an diesem Bild ist wahr. Es ändert sich sofort, wenn man den Blick auf die Gesamtregion der Arktis erweitert. Denn dann wird Grönland als Teil einer Weltregion sichtbar, die – auch begünstigt durch Klimaveränderungen – zunehmend für die Handelsschifffahrt, für Militärstützpunkte und Kriegsschiffe, für Rohstoff-Gewinnung und Naturschutz-Gebiete interessant wird. Am 26.1.2026 brachte der Nachrichtensender „ntv“ einen britischen Film aus dem Jahr 2024 unter dem Titel „Aufrüstung in der Arktis – Wettkampf der Großmächte“. Der deutsche Titel ist etwas reißerisch, aber der Film ist interessant: Weltpolitik, Weltwirtschaft und Weltzivilisation sind in der Region schon am Werk. Grönland, in durchaus strategischer Lage, ist darauf unter dänischer Verwaltung offenbar schlecht vorbereitet. Dänemark hat auch nicht die erforderlichen Mittel, um bei der anstehenden dynamischen Entwicklung mitzuhalten. Die Grönland-Initiative der USA zielt offenbar darauf, dass hier kein Machtvakuum entsteht und zu einseitigen Ansprüchen und Übergriffen einlädt. Die Aufgabe besteht also nicht darin, die gesamte Arktis-Region für den Westen zu erobern, sondern die Voraussetzungen für eine Koexistenz verschiedener Akteure zu schaffen. In der FAZ vom 26.1.2026 kann man nachlesen, dass eine Lösung gefunden wurde, die den USA Stützpunkte auf Grönland zusichert. Aber man kann dort auch lesen, dass es Frankreich und Deutschland waren, die ihre bewaffneten „Erkundungsteams“ auf Grönland landen ließen, ohne auf eine Absprache in den NATO-Gremien zu warten. So demonstrierten sie vor aller Welt, zu welchen Alleingängen das Feindbild USA manche Regierung in Europa treibt – ohne dass diese Regierungen ernsthaft die Mittel und die Willenskraft haben, um in der Arktis Russland und China Paroli zu bieten.
Trennungsaufgaben (3): Die Palästina-Krise
In dem hier zitierten Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gibt es eine merkwürdige Leerstelle: Israel und der Angriff auf seine Existenz, der unter Berufung auf „Palästina“ vor unseren Augen stattfindet, wird an keiner Stelle erwähnt. Dabei ist das der Brennpunkt in der Welt, in der sich die USA seit dem Machtwechsel zu Trump am stärksten engagiert und exponiert haben. Sie sind in ihrem festen Beistand für Israel auch nicht dadurch abhalten lassen, dass mit jedem neuen militärischen Schritt der israelischen Regierung im Gazastreifen der Chor der Bedenkenträger in Europa immer lauter wurde. Inzwischen sind die Ankläger wieder stiller geworden. Denn es hat sich herausgestellt, dass an diesem Brennpunkt nur eine massive militärische Antwort den monströsen Anspruch, im Namen „Palästinas“ das israelische Volk von der Landkarte des Nahen Ostens zu wischen, abgewehrt werden kann. Dieser Anspruch ist nicht koexistenzfähig – erst recht nicht, wenn man ihm den Status eines eigenen Staates verleiht. Aber die Existenz eines wehrhaften Staates Israel ist sehr wohl koexistenzfähig mit der arabisch-islamischen Staatenwelt. Da liegt die Trennungsaufgabe: Die arabisch-islamische Welt darf ihr Schicksal nicht weiter an den Mythos „Palästina“ binden. Warum schweigt Berthold Kohler zur Israel-Politik von „Trumps Amerika“? Weil diese Politik nicht in sein Feindbild passt? Oder hält er diese Israel-Politik auch für „imperialistisch“ – und traut sich jetzt nur nicht, das in seinem Leitartikel zu schreiben?
Der blinde Fleck der „Machtpolitik“
Wenn man die Aufgaben in den hier angeführten drei Krisen also genauer betrachtet, erscheinen die Positionen der neuen USA-Politik, aber auch die Positionen Russlands durchaus plausibel. Aber wenn die sogenannte „Zeitenwende“ als Wende zu einem neuen „Imperialismus“ gedeutet wird, bedeutet das: Jede Ordnung verflüssigt sich und in der Welt gilt nur noch das Recht des Stärkeren. Damit wird die gegebene multipolare Welt nicht geordnet, sondern in einen ständigen Alarmzustand versetzt. Doch bei dieser Deutung ist eine sehr krude Vorstellung von Macht am Werk. Die Ungleichheiten der multipolaren Welt sollen zu einem simplen Entweder-Oder führen: entweder „Sieg oder Niederlage“. Der Sieg führt zur absoluten Herrschaft, die Niederlage in die vollständige Abhängigkeit. Diese Vorstellung ist verheerend, weil sie die Welt unter ein Zwangsgesetz stellt, das alle zum Großen und Größten treibt. Nur wer zu den Großen gehört, kann sich selbst behaupten. Und nur, wer unter den Großen dann die Position des Größten erringt, ist sicher vor Knechtschaft. Diese Vorstellung ist zugleich naiv, weil sie keine Ahnung davon hat, dass es in dieser Welt viele Dinge gibt, die nur im kleinen Maßstab zu erschließen und zu bearbeiten sind. Genauso wie es bei der Unternehmensgrößen je nach Branche und Produkt sehr unterschiedliche typische Größenverteilungen gibt, die in der Sache und nicht in der Macht begründet sind, so gilt das auch für Staaten. Deshalb gibt es mittlere und sogar kleine Staaten, die sich sehr gut neben großen Staaten behaupten. Und es liegt durchaus im Eigeninteresse der großen Staaten, sich diese Staaten nicht einzuverleiben. Es gibt ganze Weltregionen, in denen es keine Tendenz zum Großstaat gibt – da können die Verkehrs- und Kommunikations-Verbindungen noch so weiträumig sein. Es gibt eben viele andere moderne Dinge, für die es sehr umständlich wäre, sie mit „Größe“ zu bearbeiten.
„Europa“ als alternative Großmacht?
In dem zitierten Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen kommen solche Erwägungen nicht vor. Deshalb gibt es hier nur eine Lösung: Europa muss sich seinerseits zu einer Großmacht formieren. Kohler schreibt:
„Zu sehr haben sich die Europäer, und hier insbesondere Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und technologisch von Mächten abhängig gemacht, die nicht zögern, diese Abhängigkeiten zu nutzen, um politischen Druck auszuüben. Zu diesem Kreis zählt nun auch Trumps Amerika, weswegen es berechtigt ist, von der zweiten Zeitenwende zu sprechen. Zu wenig haben sich die in der EU versammelten Europäer bisher darum bemüht, aus ihrer Vereinigung eine Macht zu machen, die Trump, Putin und Xi Paroli bieten könnte… Doch Europa hat es immer noch in der Hand, ob es einer von vielen Bällen im `great game´ zwischen Amerika, China und Russland sein will oder ein Mitspieler, den man nicht ignorieren oder gar erpressen kann. Nur dann kann Europa auch ein Anwalt der regelbasierten Ordnung sein und ein Partner für alle in der Welt, die sich nicht der Herrschaft der jeweils nächsten Großmacht unterwerfen wollen.“
Die Möglichkeit einer Weltordnung, in der die unterschiedlichsten Staatengrößen ihren Platz zur Selbstbehauptung und Koexistenz finden, kommt hier gar nicht vor. Stattdessen wird ein utopisches Traumbild „Europa“ entworfen, das alles in einem ist: Morgens ist man eine zentralisierte Großmacht, die den anderen Großmächten „Paroli bietet“. Und am Nachmittag lädt man die ganze Welt zur Party ein. Beides natürlich ganz „regelbasiert“…
An dieser Stelle müssen wir die Auseinandersetzung mit dem Feindbild „Großmächte“ verlassen. Stattdessen muss es konstruktiv um die Suche nach einer tragfähigen Ordnung in einer multipolaren Welt gehen. Dabei darf die Tatsache nicht ignoriert werden, dass die multipolare Welt kein Nebeneinander von Gleichen ist, sondern unvermeidlich fundamentale Ungleichgewichte und Asymmetrien enthält. Es geht also darum, die Frage nach einer angemessenen Ordnung wirklich als offene Frage zu stellen und unterschiedliche Antworten nicht von vornherein nach Gut und Böse zu sortieren.