Die Globalisierung hat zu einer haltlosen Welt geführt, weil sie keine verantwortungsfähigen Träger bieten kann. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA ist eine richtungsweisende Korrektur. (Das Scheitern der Globalisierung, Teil II)
Auf der Suche nach der verlorenen Stabilität
20. Februar 2026
Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass in dem Land, das vor kurzem noch als einzig verbleibende Supermacht in der Ära der Globalisierung galt, nun eine Regierungsmehrheit entstanden ist, die von diesem Anspruch Abstand nimmt. Die USA betonen wieder stärker den Unterschied zwischen ihren inneren und äußeren Angelegenheiten, und sie räumen der inneren Sanierung und Entwicklung Priorität vor der Außenpolitik und Außenwirtschaft ein. Damit ist ja die Schieflage berührt, die mit der Globalisierung entstanden war: Dass die Staaten ihr Heil in einer Verstärkung der wirtschaftlichen und politischen Außenbeziehungen suchen. Und dass sie glauben, das Problem der Überdehnung von Geltungs- und Machtansprüchen ignorieren zu können. Deshalb soll hier ein Dokument näher betrachtet werden, in dem wirklich eine Linie der Korrektur formuliert wird: die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA.
Die neue „Nationale Sicherheitsstrategie“ der USA
Im Dezember 2025 präsentierte die US-Regierung eine neue „Nationale Sicherheitsstrategie“. Es geht hier also um eine Veränderung bei der Großmacht, die gestärkt und als „Sieger“ aus den Ereignissen von 1989 hervorzugehen schien. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie bricht mit dieser Deutung. Schon vorher gab es in der amerikanischen Politik einige Anzeichen für ein wachsendes Unbehagen in der Rolle des Welthegemons. Mit der neuen Sicherheitsstrategie wird mit dieser nun ausdrücklich gebrochen. In dem publizierten Text heißt es:
„Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die Eliten der amerikanischen Außenpolitik davon überzeugt, dass eine dauernde Vorherrschaft der USA über die ganze Welt im besten Interesse unseres Landes sei…Die Angelegenheiten anderer Länder gehen uns jedoch nur dann etwas an, wenn ihre Aktivitäten unsere Interessen direkt bedrohen.“
(zitiert aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 9.12.2025, wo auch längeren Passagen aus dem Europa-Kapitel der Strategie publiziert wurden)
Was „strategische Stabilisierung“ für das Verhältnis der USA zu Russland und zu Europa bedeutet
Die internationalen Interessen der USA werden also enger definiert. Zugleich wird mit dem Wort „strategische Stabilisierung“ ein Leitbegriff für die Ordnung einer Welt eingeführt, deren multipolarer Charakter nun anerkannt wird. Es ist ein schwächerer Begriff als „strategische Partnerschaft“. Der Stabilisierungs-Begriff findet insbesondere Anwendung im Verhältnis zu Russland, zu Europa und zum eurasischen Raum insgesamt.
„Die Gestaltung der europäischen Beziehungen zu Russland wird erhebliches diplomatisches Engagement der USA erfordern, sowohl zur Wiederherstellung von Bedingungen strategischer Stabilität im eurasischen Raum als auch zur Verringerung eines Konflikts zwischen Russland und europäischen Staaten. Es ist ein Kerninteresse der Vereinigten Staaten, eine zügige Beendigung der Feindseligkeiten in der Ukraine zu verhandeln, um die europäischen Volkswirtschaften zu stabilisieren, eine unbeabsichtigte Eskalation oder Ausweitung des Krieges zu verhindern, die strategische Stabilität mit Russland wiederherzustellen und den Wiederaufbau der Ukraine nach den Kampfhandlungen zu ermöglichen, sodass sie als funktionsfähiger Staat überleben kann.“
Die US-Regierung sieht einen zivilisatorischen Niedergang Europas
Im Europa-Kapitel des Dokuments wird ein gravierender Bedeutungsverlust und fundamentaler Niedergang diagnostiziert. Damit wird nicht ein neues „Feindbild Europa“ entworfen, sondern eher einer Sorge Ausdruck verliehen:
„Kontinentaleuropa hat an seinem Anteil am weltweiten BIP verloren – von 25 Prozent im Jahr 1990 auf 14 Prozent heute -, teilweise aufgrund nationaler und transnationaler Regulierungen, die Kreativität und Fleiß untergraben. Der wirtschaftliche Niedergang wird jedoch von der realen und noch düsteren Aussicht auf den zivilisatorischen Untergang überschattet…Wir wollen, dass Europa europäisch bleibt, sein zivilisatorisches Selbstbewusstsein wiedererlangt und seine fehlgeleitete Fokussierung auf überbordende Regulierung aufgibt.“
Auf der Prioritätenliste für die Europa-Politik lauten die drei ersten Punkte:
- „Die Voraussetzungen für Stabilität in Europa und für strategische Stabilität im Verhältnis zu Russland wiederherstellen.“
- „Europa in die Lage versetzen, auf eigenen Füßen zu stehen und als Verband gleichgesinnter souveräner Nationen zu handeln, einschließlich der Übernahme der Hauptverantwortung für seine eigene Verteidigung, ohne von einer generischen Macht dominiert zu werden.“
- „Den Widerstand gegen den derzeitigen Kurs Europas innerhalb der europäischen Staaten stärken.“
Die hier zitierten Textabschnitte belegen, dass die neue Sicherheitsstrategie keineswegs das Ziel verfolgt, ein schwaches und abhängiges Europa herbeizuführen. Eher ist es ein Aufruf an die Staaten Europas, ihr „zivilisatorisches Selbstbewusstsein“ wiederentdecken. Es wird aber auch deutlich, dass die US-Regierung nicht glaubt, dass dies Selbstbewusstsein dadurch gefördert wird, dass in Europa eine Russland-Feindschaft aufgebaut wird.
Keine Selbstbehauptung ohne Rückzug
Insgesamt ist die neue Sicherheitsstrategie ein Dokument des Rückzugs der USA von einer globalen Interventionspolitik. Sie fasst die Sicherheitsinteressen der USA enger, auch wenn es übertrieben wäre, das als „Isolationismus“ zu bezeichnen. In dem Dokument gibt es nicht mehr die großen Feindbilder und antagonistischen Vorherrschaftskämpfe, wie man sie in Deutschland oder seitens der EU – zum Beispiel unter dem Titel „Demokratie gegen Autokratie“ – noch beschwört. Vielmehr zeichnet sich in der US-Sicherheitsstrategie eine Ordnung der Welt ab, in der territorial verfasste, selbstverantwortliche Nationalstaaten die Träger sind. Dabei sind große Unterschiede in den politischen, wirtschaftlichen und zivilisatorischen Grundlagen der Länder kein Hindernis. Das gilt auch für Unterschiede in Gewicht und Reichweite der außenpolitischen Verbindungen. Entscheidend ist, dass die Unterschiede nicht eine Koexistenz ausschließen. Dass sie eine „strategische Stabilisierung“ ermöglichen, wie die Formulierung der US-Regierung es formuliert. Eine solche Formulierung setzt ja die Erwartung voraus, dass auch die Großmächte Russland und China gute Gründe für eine Stabilisierung haben, die nicht bloß ein Zwischenspiel ist.
Kein Rückzug ohne Selbstbehauptung
Es geht um die Möglichkeit einer Welt, in der nicht der Zwang zu einer Wahl zwischen „Hegemonie oder Abhängigkeit“ besteht. Diese Möglichkeit besteht dauerhaft nur dann, wenn es in der modernen Welt tiefere Gründe für einen Vorrang der Binnenentwicklung der einzelnen Staaten und Volkswirtschaften gibt. Dass also Entwicklungsprobleme nicht dadurch gelöst werden können, dass vorrangig auf die Außenbeziehungen gesetzt wird. Dass eine Auslagerung der Probleme also nicht weiterhilft. Ein Primat der Binnenentwicklung bedeutet nicht, dass es keine Außenbeziehungen mehr gibt. Es bedeutet nur, dass den Entwicklungsproblemen eines Landes nicht ausgewichen wird, indem man die Schuld auf mächtige äußere Feinde schiebt oder sie äußeren „guten Mächten“ überlässt. Ein solcher Vorrang der Binnenentwicklung ist in der heutigen Welt keine Frage des Willens und der Haltung. Vielmehr gibt es reale Triebkräfte in diese Richtung: Der Problemexport, der mit der Globalisierung verbunden war, hat große Lücken in der Binnenentwicklung der USA hinterlassen, die deren Fähigkeit der Selbstbehauptung erheblich geschwächt haben. Ähnliches lässt sich auch für einzelne europäische Staaten sagen, insbesondere für die etwas größeren Staaten, die lange Zeit auf Globalisierungs-Dividenden hofften und dafür auf eine zunehmende Machtkonzentration bei der EU setzten. Die Lücken in der Binnenentwicklung der einzelnen Staaten, die dabei entstanden sind, werden nun immer deutlicher. Auch in Europa gibt es also gute Gründe, dass die Selbstbehauptung und Selbstverantwortung der einzelnen Staaten wieder in den Vordergrund treten.
„Feindbild Europa“ oder „Feindbild USA“?
Zwei Monate nach der Publikation der Sicherheitsstrategie versetzte die „Grönland-Affäre“ die Öffentlichkeit in Alarmzustand. Am 16.2.2026 konnte man im Kommentar auf der Titelseite der „Frankfurter Allgemeinen“ folgende Sätze lesen: „Trumps militärische Drohung gegen Dänemark war so ein Schritt über den Rubikon. Seither kann sich keiner der Verbündeten noch sicher sein, dass Amerika nicht eines Tages vom Beschützer zum Angreifer wird.“ Das ist eigentlich eine ungeheuerliche Aussage. Die USA sollen fähig und willens sein, einen Angriffskrieg gegen Europa zu führen. Was für eine Wende in der Wahrnehmung der Welt: Aus dem Hoffnungsbild eines globalen Zusammenwachsens ist nun das Schreckensgemälde eines überall lauernden kriegerischen Zusammenstoßens geworden. Alte Freunde werden im Handumdrehen zum Gegenstand finsterster Verdächtigungen. Und es sind nicht die Amerikaner, die ein „Feindbild Europa“ entwickelt haben, sondern die Europäer, die nun offenbar bei einem „Feindbild USA“ angekommen sind.