Die Jahrzehnte der Globalisierung haben die Welt nicht größer, freier und friedlicher gemacht, sondern einen Universalismus des gegenseitigen Misstrauens und Hegemoniestrebens entstehen lassen (Das Scheitern der Globalisierung, Teil III)
Eine grenzenlos offene Welt führt zu einer verengten Welt
10. März 2026
Wenn es so etwas gibt, wie eine vorherrschende Meinung zum Gang der Welt, so ist sie in den vergangenen Jahren radikal umgeschlagen. Wurde bisher eine zunehmende Gemeinschaftlichkeit der Welt erwartet, so werden jetzt überall Gefahren, Bedrohungen und Feindschaften gesehen. Und es scheint nichts mehr zu geben, das diesen Gefahren gewachsen ist. Die Globalisierung erscheint nun als ein ständiger Belagerungszustand. So ist aus der offenen Welt ist eine enge Welt geworden.
Ein Bericht des Instituts für Demoskopie Allensbach über die Meinungsentwicklung in Deutschland zur Weltlage und den internationalen Beziehungen (publiziert in der FAZ vom 2.3.2026) bestätigt diesen Stimmungsumschwung. Zum Zeitpunkt der Allensbach-Umfrage hatte der Iran-Krieg noch nicht begonnen, inzwischen wird sich der Umschwung noch verstärkt haben. Die FAZ-Überschrift lautet „Eine Welt aus den Fugen“. Im FAZ-Artikel heißt es: „Die Umfragen des Instituts für Demographie Allensbach der letzten Jahre zeigen deutlich, bei wie vielen Menschen das Gefühl verloren gegangen ist, festen Grund unter den Füßen zu haben.“ Eine Frage des Allensbacher Instituts lautete: „Würden Sie sagen, die Weltlage ist sehr schwierig, es gibt zu viele bedrohliche Krisen in der Welt. Oder ist die Weltlage nicht so schwierig und bedrohlich?“ 90 Prozent der Befragten antworteten, sie hielten die Weltlage für sehr schwierig. Das waren neun Prozentpunkte mehr als vor neun Jahren, und 19 Prozentpunkte mehr als vor 18 Jahren. Eine andere Frage lautete: „Halten Sie das Leben jetzt in unserer Zeit für gefährlicher, als es noch vor 20 bis 30 Jahren war, oder für weniger gefährlich als damals, oder hat sich da nicht viel verändert?“ In der jetzigen Umfrage sagten 72 Prozent der Befragten, das Leben sei heute gefährlicher. Im Jahre 2011 waren nur 49 Prozent dieser Ansicht.
Der Verlust aller festen Bestände
Diese gestiegene Unsicherheit ist nicht nur ein psychologisches Problem. Wenn die Menschen von einem „Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren“ sprechen, geht es nicht nur um eine Veränderung der gefühlten Welt, sondern um eine veränderte äußere Realität. Die Unsicherheiten der heutigen Weltlage sind schon da – ganz unabhängig vom Willen und Bewusstsein der Menschen. Offenbar sind die Lösungen, die von den Regierenden in dieser Lage angeboten werden, nicht geeignet, eine vertrauenswürdige Stabilität herzustellen. Vom Bundeskanzler ist zu hören, dass Deutschland „die Sprache der Machtpolitik“ lernen müsse. Das Ganze wird erstaunlich salopp dahergesagt – als ob es keinen hohen Preis zu zahlen gibt, wenn nur noch eine krude „Macht“ das Maß aller Dinge ist. Man hört in diesen Tagen viel von der Fähigkeit zur (militärischen) „Abschreckung“. Aber wenn das der einzige Stoff ist, der die Welt zusammenhält, kommen keine größeren und dauerhaften Bindungen mehr zustande – weder bei Investitionsentscheidungen für Produktionsbetriebe und öffentliche Infrastrukturen, noch bei Entscheidungen für ein Berufsleben oder für die Generationenfolge einer Familie. Diese Schwäche kündigte sich schon in der vorhergehenden Phase der Globalisierung an. In ihrer „offenen Welt“ löste sich bereits alles Statische in immer mehr in „Ströme“ auf: in Verkehrsströme, in Informationsströme, in Migrationsströme und so weiter. Und jetzt zeigt sich, was das Endprodukt dieser Endwicklung ist: Die ursprünglich faszinierenden Ströme haben sich auf unheimliche Weise in einen zerstörerischen, gewalttätigen Strom verwandelt. Es gibt keine verlässlichen Bestände mehr. Selbst mit einer immer höheren Verschuldung gelingt es nicht, gelingt es nicht, das bestehende materielle und geistige Niveau zu halten. Das Land kann sich nicht gegen die Macht der Erosion zu behaupten. Und das ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern eine alltägliche, vielfältige Erfahrung, die sich nicht mehr wegdiskutieren lässt.
Die verführerische Leichtigkeit der Globalisierung
Dabei hatte die Globalisierung eigentlich mit einem rosigen Zukunftsversprechen begonnen. Die globalisierte Welt sollteeine „offene“ Landschaft sein, die sich friedlich-einladend vor der ganzen Menschheit ausbreitete, und die für jeden einzelnen Menschen erreichbar sein sollte. Das hatte etwas Verführerisches. „Modern sein“ schien zu bedeuten, dass man sich eine ganz neue Zukunft erfinden könnte, die sich von der Vergangenheit so radikal unterschied, dass man alles Bestehende frohgemut zum alten Eisen werfen konnte. So konnte die Erzählung von der „Großen Transformation“ in einem beträchtlichen Teil der Welt – in dem es eigentlich bedeutende historische Errungenschaften gab – für bare Münze genommen werden und in erstaunlich kurzer Zeit zur dominierenden Macht aufsteigen.
Um einen Eindruck von dieser verführerischen Erleichterung der Welt zu vermitteln, soll hier aus einem Buch zitiert werden, das in den USA im Jahr 2007 erschienen ist. Die deutsche Übersetzung erschien 2008 unter dem Titel “Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts“. Der Autor, Thomas L. Friedman, ist Kolumnist der New York Times, und „einer der weltweit angesehensten Journalisten“, wie der Klappentext des Buchs verrät. Wir notieren am Rande, dass es unter den Millionen Journalisten, die es weltweit gibt, offenbar möglich ist, den Titel eines „weltweit angesehensten Journalisten“ zu bekommen. Und wir notieren auch, dass man nicht Historiker oder Geograph sein muss, um eine „kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts“ zu schreiben und mit der These „Die Welt ist flach“ auch eine sehr „kurze“ Version der Erdgeographie zu vertreten. Friedman schreibt zum Titel seines Buches in der Einleitung:
„Meiner Erfahrung nach hilft die einfache Vorstellung von einer flachen Welt, eine Vorstellung davon zu vermitteln, dass sich heute mehr Menschen als je zuvor einschalten und vernetzen, dass sie konkurrieren, kommunizieren und kooperieren können, und zwar gleichberechtigt.“
Und ein paar Sätze weiter heißt es in der Einleitung:
„Mein Thema sind Kräfte der einebnenden `Angleichung´, die dem einzelnen so weitreichende Möglichkeiten der Beteiligung geben wie nie zuvor, und zwar schnell, nachhaltig und kostengünstig. Diese Einebnung von Macht- und Möglichkeitshierarchien ist eine Folge davon, dass eine große Zahl von Menschen heute die Mittel und Fähigkeiten besitzt, miteinander zu kommunizieren, zu konkurrieren und kooperieren. Meiner Ansicht nach ist diese Einebnung des Spielfelds das zentrale Ereignis der Gegenwart.“
Man sieht hier, worin die verführerische Leichtigkeit besteht, mit der die Globalisierung gestartet ist. Und wie die These von der „einebnenden Angleichung“ eine urbane Mittelschicht anspricht, die es gewohnt ist, „kommunikativ“ im weitesten Sinne tätig zu sein und dabei mit Hilfe der elektronischen Medien und Netzwerken weltweit unterwegs zu sein.
Aber wir wissen auch, dass dies globale Spielfeld alles andere als „flach“ ist: Es weist ein extremes Gefälle zwischen Sendern und Empfängern, Beeinflussern und Beeinflussten. Und sie weist eine ausgesprochen steile, dünne Spitze von dominanten Plattformen und Tech-Giganten aus.
Die Selektivität des „Mainstream“
Mainstream“ bedeutet in wörtlicher Übersetzung „Hauptstrom“, und tatsächlich bildet sich in einer Welt, die sich Ströme aufgelöst hat, so etwas wie ein dominierender Strom. Die globalisierte Welt umfasst auf der einen Seite eine unvorstellbare Menge von Informationen, von denen viele sich auch in rascher Veränderung befinden. Diese Menge ist als solche auf Friedmans „Spielfeld“ gar nicht darstellbar und erst recht nicht von den Empfängern aufnehmbar. Es muss also eine extreme Selektion geschehen – eine Hierarchisierung von Informationen, ohne dass deren Kriterien von irgendeiner Stelle aus transparent werden können. Selbst diejenigen, die eine Information an prominenter Stelle platzieren, wissen keineswegs, wen oder was sie im gleichen Moment verdrängen. Es regiert oft nur eine vage Sympathie oder Antipathie. Zum Teil ist es ein willkürliches „Setzen“ einer Information und ihrer Interpretation, zum Teil ist es ein „Folgen“, das sich dem Auffälligen und Aufdringlichen opportunistisch anpasst. So entsteht eine „Hauptströmung“, die keinen festen, transparenten Kriterien folgt, die aber auch keine übergreifende Ideologie braucht. So erklärt sich, dass zum Beispiel einzelne Unglücke oder Skandale in den Vordergrund treten. Oder es werden „positive Beispiele“ und „wohlmeinende Stimmen auf der Straße“ herausgesucht. Ohne dass die Repräsentativität oder sachliche Relevanz irgendwie gesichert wäre. Das gleiche gilt für die Frage, welches Thema in einer Sendung an erster, zweiter oder letzter Stelle steht. Jede „Tageschau“ und jedes durchlaufende „Meldungsband“ bei Nachrichtensendern ein Dokument dieser extremen und zugleich blinden Hierarchiebildung in einer globalisierten Welt. mit ihrem wabernden „Hauptstrom“
Man muss dabei im Augen haben, dass die Globalisierung nicht nur aus Informationsströmen besteht und in kommunikativen Netzwerken geschieht. Die Globalisierung der Welt bedeutet nicht nur, dass eine unendlich große Menge von Informationen in einen Topf geworfen werden, und dann die oben beschriebene blinde Hierarchiebildung zu einem wabernden „Mainstream“ stattfindet. Das gleiche geschieht bei Gütern, Dienstleistungen, Finanzen, Rechtsnormen und natürlich auch bei den Menschen mit ihren Eigenschaften und Rollen.
Die Unterscheidungen der klassischen Moderne
Wenn man sich das klar macht, ergibt sich ganz von selbst die Frage: Wie hat man die vielen Dinge, die ja auch schon vorher – zumindest in modernen Zeiten – „unendlich viele“ waren, eigentlich früher bewältigt? Und da stößt man auf etwas, was früher da war, und was durch den Versuch mit dem „Globalisieren“ ausgeschaltet hat: Früher gab es fundamentale Unterscheidungen, die zu jeweils spezifischen Institutionen und getrennten Ordnungsbereichen führten. Eine dieser fundamentalen Unterscheidungen war die Trennung von Staat und Wirtschaft. Und eine zweite war die Trennung von Inneren Angelegenheiten und äußeren Angelegenheiten von „Ländern“ – also von souveränen territorialen Grundeinheiten. Es würde hier zu weit führen, das nun ausführlich darzustellen. Aber zwei Tatsachen sind hier wichtig: Erstens bedeutet „Globalisieren“, dass sowohl die Unterscheidung zwischen Staat und Wirtschaft als auch die Unterscheidung zwischen „Innen“ und „Außen“ ausgeschaltet wird. Beide Ausschaltungen sind geschichtlich parallel erfolgt. Es ist bezeichnend, dass in dem Buch „Die Welt ist flach“ Phänomene beschrieben werden, die Staat und Wirtschaft gewissermaßen „überfliegen“. Zweitens ist die Globalisierung nicht zur Macht gekommen, weil sich die beiden Unterscheidungen der klassischen Moderne in einer Krise befunden hätten oder gar gescheitert wären. Die Krisen des 19. Und 20. Jahrhunderts sind ihm Rahmen der klassischen Ordnung der Moderne überwunden worden. Das gilt insbesondere auch für eine Weltordnung, die auf der Souveränität territorial verfasster Nationalstaaten beruhte, und die nach dem 2. Weltkrieg in der Charta der Vereinten Nationen ihren Ausdruck fand.
Die Stabilität der Weltordnung beruht auf der Souveränität ihrer Staaten
Im Artikel 2 der Charta heißt es im Absatz 2: „Die Organisation beruht auf dem Grundsatz der souveränen Gleichheit aller ihrer Mitglieder“. Der Grundsatz der „souveränen Gleichheit“ ist eine bedeutende Errungenschaft. Es gibt eine deutliche Unterscheidung zwischen den inneren und äußeren Angelegenheiten der Staaten und Volkswirtschaften. Die Souveränität schafft einen Innenraum, der vor Einmischung von außen geschützt ist. Die Gleichheit schafft einen Außenraum der Koexistenz, der die Freiheit zur Kooperation bietet, und der zugleich Übergriffe und Vormundschaften ausschließt. Das hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Koexistenz von sehr gegensätzlichen politischen und wirtschaftlichen Doktrinen und Systemen ermöglicht. Auch von sehr unterschiedlichen Entwicklungswegen und Entwicklungsständen. So konnten auf dieser Grundlage die zahlreichen jungen Staaten, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts von kolonialen Abhängigkeiten befreiten und ihre Unabhängigkeit erklärten, in der klassisch modernen Weltordnung ihren Platz werden.
Die Entwertung der souveränen Grundbausteine
Doch im Zuge der Globalisierung wurden nun die bisherigen Träger der Weltordnung entwertet und entmachtet. Im Völkerrecht fand eine substanzielle Gewichtsverschiebung statt.
Zum einen rückten „Weltgüter“ und „Weltprojekte“ in den Vordergrund. Im Namen von gemeinsamen Ziel-Definitionen von „Klimaschutz“ oder „kultureller Vielfalt“ wurden den einzelnen Staaten Verpflichtungen auferlegt, die mit Kontrollen und Sanktionen verbunden sein waren. Zum anderen wurde das Völkerrecht individualisiert. Die einzelnen Menschen wurden Rechtssubjekte und konnte diese Rechte gegenüber den Staaten geltend machen. Dazu gehörte zum Beispiel ein universelles Recht jedes Menschen auf gesundheitliche Versorgung oder auf eine zuverlässige Wasserversorgung. Auch ein Grundrecht auf Migration wurde installiert. Damit wurden völkerrechtliche Ansprüche in die Welt gesetzt, die auf die staatlichen und wirtschaftlichen Mittel und Entwicklungsstände der Mitgliedsländer keine Rücksicht nahmen. Diese globalisierende Erweiterung der Rechtsansprüche führte nicht zu einer stabileren Weltordnung, sondern zu einer Art Schwebezustand unerfüllter und unerfüllbarer Ansprüche. Alles musste immer wieder neu ausgehandelt werden. Nichts genügte mehr. Die abwertende Dynamik der „Großen Transformation“ zerstörte die Aufmerksamkeit und den gegenseitigen Respekt, die die Koexistenz souveräner Staaten früher ausgezeichnet hatte. Und dann war die Globalisierung so weit gediehen, dass neue „Weltfeinde“ beschworen wurden und „Erbfeindschaften“ wiederbelebt wurden. Im Zuge der sogenannten „Zeitenwende“ wurde eine neue Weltordnung der Konfrontation verkündet – der Konfrontation zwischen „Autokratien“ und „Demokratien“. Russland wurde zum Inbegriff des Bösen, mit dem eine Koexistenz nun völlig unvorstellbar schien. Die „Zeitenwende“ bedeutete, dass eine neue Weltordnung nur auf der eigenen Stärke und der Schwäche des gefährlichen Anderen beruhen kann. Mit einem Wort: Es kann nur eine Weltordnung der Hegemonien geben. Und da solche Hegemonien nicht stabil sind, läuft es auf ein dauerndes, rastloses Hegemoniestreben hinaus. Solange die Weltordnung der Globalisierung noch nicht überwunden ist, kann es kein neues Vertrauen entstehen und das Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben, wird nicht geringer werden.
Man kann die heutige Zeit als eine Zeit beschreiben, in der die Faszination der Globalisierung schon stark erschüttert ist, aber in der ihre Mechanismen und Vorstellungen noch weiterwirken. Und in der auch die Alternative einer territorialen Weltordnung noch nicht ganz klar ist. Welche älteren zivilisatorischen und institutionellen Entwicklungslinien sind weiterhin wirksam, damit ihre Ordnungskraft wiederentdeckt und rehabilitiert werden kann. Es wird noch einen längeren Zeitraum geben, in dem hegemoniale und territoriale Ordnungselemente nebeneinander bestehen und miteinander um Einfluss ringen werden. Nichts ist schon entschieden.