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Die Motivationskrise 

Warum findet Deutschland nicht aus der Krise heraus? Weil es dauerhaft mit härteren Bedingungen konfrontiert ist, die mit dem Streben nach „Wohlstand“ nicht zu bewältigen sind. Das Land braucht ein stärkeres Motiv.

Gerd Held, 19. Dezember 2025

Am Ende des Jahres 2025 kann eine redliche Bilanz der Regierungstätigkeit nur verheerend ausfallen. Der neue Kanzler war mit dem doppelten Versprechen gestartet, schon in den ersten 100 Tagen eine fühlbare Wende im Land herbeizuführen und dabei nicht vom trügerischen Mittel zusätzlicher Staatsschulden Gebrauch zu machen. Doch dann griff seine Koalition aus CDU/CSU und SPD zu einer beispiellosen Neuverschuldung, während das 100 Tage-Versprechen sich nicht einmal ansatzweise erfüllte. So nahm die Regierung Zuflucht zu einem neuen Versprechen: Ein „Herbst der Reformen“ wurde angekündigt. Doch der Herbst ging ins Land und größere Reformen wurden nicht beschlossen. Dabei waren die Substanzverluste in Wirtschaft und Staat nicht mehr zu übersehen und wurden immer bedrohlicher. Die versprochene „Wende“ rückte in eine immer weitere Ferne. Und die Regierung, die sich als „Macher“ hatte wählen lassen, predigte nun die Tugend der „Geduld“. Die in Aussicht gestellte ganz neue „Zukunft“ verlor jede Verbindung mit der Gegenwart dieses Landes. Schon am 17. Oktober war in einem Leitartikel der FAZ unter der Überschrift „Etwas ist faul“ zu lesen: „Die Koalition ist mit dem Anspruch angetreten, den Realitäten ins Auge zu blicken. Wo tut sie das?“ Und im Dezember zeigte dann das beschlossene „Rentenpaket“, dass diese Regierung sogar das glatte Gegenteil einer Sanierung des Landes betreibt. Das beschlossene Paket schreibt unfinanzierbare Versorgungsansprüche auf viele Jahre weiter fort. Es folgt also dem Kurs, der schon beim Start der neuen Regierung mit der gigantischen Neuverschuldung eingeschlagen wurde. Diese Schuldenpolitik suggeriert eine falsche Leichtigkeit: Es erweckt den Eindruck, das Land könne sich harte Einschnitte ersparen, weil da irgendwo eine großzügigere Zeit wartete, die ein großes neues Wachstum bereithielt, aus dem nicht nur die alten Schulden, sondern auch neue Wohlstandsgewinne finanziert werden könne. So seien die Schulden im Grunde nur eine Brücke in diese Zukunft. Auf dieser rein spekulativen Grundlage zog der Bundeskanzler auf einer Pressekonferenz am 11.Dezember folgende Bilanz: „Wir beschließen ein arbeitsintensives und erfolgreiches Jahr 2025“. Man kann sich mit Recht über die Dreistigkeit einer solchen Schönfärbung der eigenen Bilanz empören. Aber man kann sie auch in einen größeren Rahmen stellen und als Offenbarung einer fundamentalen Leerstelle verstehen: In diesem Lande regiert ein fundamentales Unvermögen, den Ernst der Lage wahrzunehmen und diesem Ernst gerecht zu werden.  

Die Tabuzonen der Politik

Das bedeutet freilich, dass man sich nicht zu lange bei der „Regierungskritik“ oder „Kanzlerkritik“ aufhalten sollte. Denn aus dieser Kritik sind gar keine näheren Erkenntnisse über den Ernst der Lage des Landes und über die Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind, zu gewinnen. Das ganze Land muss seine Erwartungen verändern und trotzdem seine Aktivität bewahren. Es muss also die Motive seines Handelns überprüfen. Sind sie ausreichend, um den härteren Realitäten, mit denen sich Wirtschaft und Staat konfrontiert sehen, gewachsen zu sein? Deshalb soll hier der Satz „In diesem Land regiert ein fundamentales Unvermögen“ so verstanden werden, dass es in Deutschland (und Europa) ein Motivationsproblemgibt. Das wird deutlich, wenn man den Streit um die Lösung der Rentenkrise näher betrachtet: In diesem Streit gab es ein großes, nie wirklich ausgesprochenes Tabu: Spürbare Einschnitte in die Rentenhöhe darf es in Deutschland nicht geben – koste es, was es wolle. Die absehbaren, großen Kostensteigerungen sollten durch neue Schulden, neue Lasten für die Steuerzahler und zusätzliche Beitragszahler aus der aktiven Bevölkerung bewältigt werden. Die Kritiker dieses Plans führten die zukünftigen Engpässe für die junge Generation an, aber damit kam gleich ein zweites Tabu ins Spiel: Denn diese jüngere Generation hält sich im Durchschnitt viel länger als frühere Generationen im Bildungssystem oder bei allen möglichen „Selbstverwirklichungen“ auf, bevor sie eine Berufstätigkeit in Vollzeit aufnimmt – wenn sie es denn überhaupt tut. Auch hier ist ein Wohlstands-Anspruch im Spiel, der unübersehbar den Ernst der Lage verschärft. Für die Zukunft dieses Landes ist dieser Anspruch nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Auch hier bei der jüngeren Generation müssten schon jetzt müssten spürbare Einschnitte vorgenommen werden. Aber der Irrsinn, dass für mehr als die Hälfte eines Jahrgangs höhere Bildungsgänge eröffnet werden, die sie den dringend benötigten Facharbeiter-Tätigkeiten entfremden, ist ein absolutes politisches Tabu in der „Bildungsrepublik“ Deutschland.  

Die Krise des Wohlstands-Motivs

Wichtig ist bei diesen Tabus, dass sie ein Indiz für eine Motivationskrise sind. Das Motiv des Wohlstands oder des „guten Lebens“ ist in Konflikt mit dem Motiv der Arbeit und der Bewährung im Berufsleben geraten. Ein solcher Konflikt kann eine Zeit lang im Gleichgewicht gehalten werden („work-life-balance“), aber das ändert sich, wenn eine Situation eintritt, die durch neue und dauerhafte Knappheiten und Widrigkeiten geprägt ist. Dann treten beide Motive – das Wohlstands-Motiv und das Arbeits-Motiv – in einen Konflikt. Das Wohlstandsmotiv reicht nicht mehr aus, um Arbeit zu motivieren. Es kann dann dazu kommen, dass eine Gesellschaft in eine niederdrückende Passivität verfällt. Die Wohlstandserwartungen reichen nicht, um sich auf ein stabiles Berufsleben einzulassen. Dann kann und muss man von einer Motivationskrise sprechen. Tatsächlich gibt es heute in Deutschland und anderen „entwickelten“ Ländern Anzeichen für eine solche Motivationskrise. Wichtig ist, die Tiefe dieser Krise zu begreifen. Sie kann nicht durch Umformulierungen und Umwertungen des Wohlstands behoben werden. Vielmehr muss das Motiv der Arbeit wiederentdeckt werden. Genauer: Arbeit darf nicht bloß als „Mittel zum Zweck“ des Wohlstandes angesehen werden, sondern die arbeitende Auseinandersetzung mit den Knappheiten und Widrigkeiten dieser Welt muss als wertvolle Aktivität und Quelle von Würde empfunden werden können. Aber wir haben etwas vorgegriffen. Wir müssen zunächst erörtern, worin der Ernst der Lage besteht und inwiefern sich hier die Knappheiten und Widrigkeiten der Welt mit neuer Schärfe und Hartnäckigkeit zeigen.

Der Ernst der Lage

Am gleichen 11.Dezember, an dem der Bundeskanzler seine Erfolgsbilanz verkündete, veröffentlichte das Münchener Wirtschaftsforschungs-Institut IFO eine Prognose, die aufhorchen lässt. Demnach droht in Deutschland eine Dauerstagnation bis weit in die 2030er Jahre. Die Frankfurter Allgemeine (12.12.2025) berichtete darüber in aller Deutlichkeit ganz vorne in ihrem Wirtschaftsteil: „Die Konjunkturforscher streichen darin nicht nur die Wachstumsprognosen für 2025 und 2026 zusammen, sie verabschieden sich auch von der Hoffnung, dass wirtschaftlich in diesem Land mittelfristig etwas aufwärtsgehen wird…Ohne große Reformagenda drohen Deutschland fünfzehn weitere Jahre des wirtschaftlichen Stillstandes oder sogar der Schrumpfung. Ein solches Szenario hat es für die Bundesrepublik noch nicht gegeben.“

Bisher schien die deutsche Volkswirtschaft gleichsam wie von selbst immer wieder auf einen Wachstumspfad zurückzufinden. Man konnte mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von ein bis zwei Prozent im Jahr rechnen. Die Unternehmensinvestitionen waren intakt, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten wuchs und die Steuereinnahmen stiegen. Der FAZ-Artikel berichtet, dass sich die Wirtschaftsforscher nun entschieden haben, „nicht mehr auf die Rückkehr dieses Szenarios zu setzen“. Damit ziehen sie eine Konsequenz aus dem Rückgang bei fundamentalen Wirtschaftsdaten. Die FAZ zitiert den leitenden Autor der Prognose: „Die deutsche Wirtschaft verliert an Dynamik, weil das Arbeitskräftepotenzial, die Unternehmensinvestitionen und das Produktivitätswachstum zurückgehen.“ Das sind realistische und tiefreifende Aussagen zum Ernst der wirtschaftlichen Lage in Deutschland.

Lösungsvorschläge, die nicht auf der Höhe der Probleme sind

Allerdings sind diese Aussagen in ihren Konsequenzen doch nicht ganz zu Ende gedacht. Eigentlich müsste man bei so restriktiven Bedingungen darüber nachdenken, wie man Wohlstandserwartungen reduziert, ohne in Passivität zu verfallen. Man müsste über Alternativen zum Wohlstandsmotiv nachdenken. Aber so weit geht der Realismus noch nicht. Insgeheim scheint hierzulande doch noch die Hoffnung zu bestehen, dass da irgendwo eine neue Dynamik, ein neuer Produktivitätsschub und ein neues Wachstum wartet, der mit Mut und Optimismus entdeckt werden will. Dabei berühren die Autoren des FAZ-Artikels an einer Stelle das Schlüsselproblem: „Eine offene Frage bleibt, inwiefern umfassende Wirtschaftsreformen, die erst einmal auch finanzielle Einschnitte bedeuten würden, von einer Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen würden.“ Aber sie machen die Frage gleich wieder zu: „Eine Allensbach-Studie vor wenigen Woche wächst Zweifel daran. Strukturell gelten vor allem ältere Wähler als weniger reformfreudig.“ Wenn die Krise des Wohlstandsmotivs auf den Gegensatz „jung gegen alt“ gebracht wird, wird die Lösung wieder auf die Mühlen des „Zukunftsoptimismus“ gelenkt.  

Und noch ein zweiter, genauso irreführender Gegensatz wird auf derselben Seite der FAZ vom 12.Dezember ins Spiel gebracht. Der Autor Gerald Braunberger, einer der FAZ-Herausgeber, will dem Ernst der Lage gerecht werden und die Gefahr einer Dauerstagnation abwenden. Er fordert eine „energische Wirtschaftspolitik“, lehnt staatliche Subventionen ab und fordert eine „Verbesserung der Angebotsbedingungen“. Aber in einer Situation, in der die deutsche Wirtschaft unter Abschaltung von wichtigen Energieträgern, Technologie-Verboten in ehemaligen Musterbranchen und Facharbeits-Diskriminierung im Bildungssystem leidet, fügt Braunberger eine weitere Vereinseitigung des Angebots hinzu: Deutschland soll sich nicht um seine „alteingesessenen“ Industrien kümmern, sondern auf „produktivitätssteigernde moderne Hochtechnologien“ setzen: „Die Diskussionen um den Zustand der deutschen Wirtschaft drehen sich sehr stark um die Schwächeanfälle alteingesessener Industrien, obgleich das eigentliche Defizit im Nachholbedarf bei produktivitätssteigernden modernen Hochtechnologien besteht … In Deutschland und in Europa müssen die Menschen lernen, neue Technologien nicht zunächst intuitiv abzulehnen und furchtsam zu regulieren. Sie müssen als Voraussetzungen für neue wirtschaftliche Möglichkeiten und als Wohlstandsquelle aufgefasst werden.“ Das muss man so verstehen, dass Braunberger das Schicksal der deutschen Wirtschaft an die „Hochtechnologie“ binden will. Das bedeutet eine gravierende Verengung der Perspektive. Das, was auf der gleichen FAZ-Seite als Krise fast aller Branchen und aller technischen Niveaus abgebildet wird, wird in diesem Kommentar gar nicht in seinem ganzen Ausmaß ernstgenommen.   

Das deutsche Exportmodell ist nicht zu retten

Der Lösungsvorschlag „Hightech“ ist der Versuch, das bisherige deutsche Modell fortzusetzen, das darin bestand, durch Vorsprünge und Alleinstellungs-Merkmale auf dem Weltmarkt große Überschüsse zu erzielen, aus denen dann großzügig Zuwendungen an die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen verteilt werden konnten. Der Kommentar von Gerald Braunberger für eine Hoffnung, die der Bericht in der gleichen Ausgabe der FAZ gerade in Frage stellt, wenn er von einer historisch neuen Tiefe der Krise spricht. Die Lösung „Hightech“ bedeutet eine krasse Verengung des Hoffnungsträgers, denn die früheren deutschen Vorsprünge umfassten ja Produktionsverfahren und Produkte auf verschiedenen technischen Niveaus – man denke an die Automobilindustrie, den Maschinenbau und die chemische Industrie. Überhaupt ist die Situation auf dem Weltmarkt dadurch gekennzeichnet, dass der „globale Westen“ immer mehr technologische Alleinstellungsmerkmale verliert. Insofern gibt es eine prinzipielle Krise des deutschen Export-Überschuss-Modells. Eine exportbasierte „Angebotspolitik“ stößt zunehmend an Grenzen. Die Angebotsbedingungen haben sich so stark verändert, dass keine noch so „energische Politik“ hier neue Räume erobern kann.

Das Wohlstandsmotiv verliert seine tragende Kraft

Überhaupt geht es in Deutschland und vielen anderen Ländern nicht einfach um ein „Politiker-Versagen“. Der neue Ernst der Lage trifft die Erwartungen im Lande. Oder genauer: Das bisher regierende Grundmotiv im Land, das Wohlstandsmotiv, verliert einen Großteil seiner Kraft. Das liegt zum einen darin, dass es unvermeidlich Abstriche und Einschnitte bei den erreichbaren Wohlstands-Gütern und Wohlstands-Dienstleistungen gibt. Ein solcher Rückbau der Ansprüche in einem ganzen Land ist sicher nicht leicht zu ertragen. Aber es gibt noch einen tieferen Verlust: Über viele Jahrzehnte war das Wohlstandsmotiv mit dem Arbeitsmotiv verbunden. Zwar wurden die Arbeitswelt und das Arbeitsleben schon seit längerem immer weniger als eigenständiger Ort von Stolz und Würde angesehen. Immer mehr wurde die Arbeit als bloßes „Mittel zum Zweck“ angesehen. Teilweise ging das soweit, dass die Arbeit nur noch als „notwendiges Übel“ angesehen wurde. Aber dennoch gab es noch einen Rückbezug von Wohlstand auf Arbeit. So war der Wohlstand immer noch „verdienter Wohlstand“. In der jetzigen Lage, in der massive substantielle Verluste – ins besondere am Industriestandort Deutschland – stattfinden, droht ein völliger Verlust dieses Rückbezugs. Es fehlt dann überhaupt die Erfahrung eines produktiv tätigen Lebens. Die Menschen werden immer mehr zu passiven Zuschauern der Dinge. Der Wohlstand kann dann nicht mehr Ausdruck von eigener Kraft und Selbstbehauptung sein. Das Land steht also nicht nur vor Wohlstandsverlusten, sondern es steht vor einem großen Loch, was die Motive das Daseins betrifft.

Auf der Suche nach einem tragenden Motiv

Es geht hier nicht um ein deutsches Sonderproblem. In vielen Ländern des „globalen Westens“ gibt es eine ähnliche Problemlage: Nach der Loslösung von einem eigenständigen Arbeitsmotiv ist das Wohlstandmotiv am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. In vielen Ländern ist das Wohlstandsmotiv nicht mehr stark genug, um einen Selbstbehauptungswillen dieser Länder zu begründen. Ohne Zweifel ist das ein Endpunkt. Aber es ist nicht der Endpunkt der Geschichte und auch nicht der Endpunkt der modernen Zivilisation als einer immens aktiven Zivilisation. Es eröffnet sich eine Phase der Unsicherheit, in der die Suche nach tragfähigen Motiven nicht mehr aufgeschoben werden kann. Doch schon die Suchrichtung ist umstritten. Geht es um die Entdeckung fundamental neuer Motive? Oder geht es um eine (Wieder-)Entdeckung von bereits etablierten modernen Motiven, die nur verdrängt und verschüttet wurden?         

(erschienen am 21.12.2025 bei „Tichys Einblick Online“)