Hegels Knecht

Die gegenwärtige Krise in Deutschland und anderen Ländern des „globalen Westens“ zeigt einen gravierenden Bedeutungsverlust der Arbeit. Umso wichtiger ist es, die konstitutive Rolle wiederzuentdecken, die der Arbeit in der Moderne zukommt. (Die Arbeit der Moderne, Teil II)

Hegels Knecht

28. August 2026

Es ist zur Gewohnheit geworden, dass man bei Krisen der Arbeit an den Verlust an den Verlust von Arbeitsplätzen und eine zunehmende Arbeitslosigkeit dachte. Die Hauptgefahr schien zu sein, dass dem „die Arbeit ausgeht“ – dass menschlichen Arbeitsverrichtungen durch Maschinen ersetzt wurden. Von einer Verdrängung von Lohnarbeit durch Kapital, von „lebendiger Arbeit“ durch vergangene „tote Arbeit“ war die Rede. Dafür gab es durchaus einige Anhaltspunkte in der Realität.

Doch die heutige Krise ist anders. Sie ist fundamentaler: Es gibt eigentlich viel zu tun, aber die Arbeit bleibt ungetan liegen. Überall hört man die Mitteilung: „Haben wir nicht“ „Kriegen wir nicht rein“ „Wir können keine Aufträge mehr annehmen“. Das Arbeitsproblem besteht also darin, dass die Betriebe (oder auch die staatlichen Infrastrukturen) kein Personal finden, keinen Nachwuchs für die Belegschaft. Und auch keine Nachfolger für die Unternehmensinhaber. Es gibt offenbar ein Problem bei der Arbeitsmotivation. Für grundlegende Tätigkeiten fehlt das Arbeitsmotiv. Das Land hat nicht nur eine Wachstumskrise, sondern schon die einfache Reproduktion gelingt nicht mehr. Das ist eine viel tiefere Krise als die Wegrationalisierung von Arbeit. Sie betrifft die Substanz der Arbeit. Und das gilt für die Arbeit im erweiterten Sinn: Auch die Motivation zu Investitionen, und sei es nur zur Erhaltung der Betriebsvermögen und zur Fortführung der Unternehmen schwächelt. Und noch in einem anderen Sinn ist die Krise eine erweiterte Krise: Die Reproduktionskrise betrifft nicht nur die Wirtschaft, sondern auch den Staat. Das zeigt sich in Deutschland am Verfall der früher so stark entwickelten und gepflegten Infrastruktur. Diese „Arbeit des Staates“ gelingt nicht mehr. Wir haben also eine Reproduktionskrise auf breiter Front.

Zu dieser Krise gehört, dass sie bisher gar nicht adäquat wahrgenommen und beim Namen genannt wird. Es gibt eine erstaunliche Gleichgültigkeit, mit der sie hingenommen wird. Man beschäftigt sich lieber mit „Innovationen“ und „Zukunftsinvestitionen“, und meint, dass sich damit die viel näherliegenden und drängenderen Probleme überspielen lassen. Das bedeutet, dass man die nüchterne, prosaische Betrachtung der gegebenen Realitäten durch „Erzählungen“ und „Haltungen“ – also durch eine gesteigerte Subjektivität, entweder als kollektives „Wir“ oder als individuelles „Ich“.

Und noch ein Merkmal gehört zu dieser Krise: die Hilflosigkeit, mit der man vor Problemen steht, die nun schon etliche Jahre und sogar Jahrzehnte spürbar sind. Manche Klagen sind schon zigmal wiederholt worden, aber man hat sich dann immer wieder auf die gleichen „Lösungen“ eingelassen, die einen „kühnen“ Eindruck machten, aber wenig zumuteten und notorisch erfolglos waren. Man denke an die Versuche, die Wirtschaft immer stärker auf den Export zu bauen, und den Export auf immer hochwertigere Produkte. Oder an die Versuche, das Bildungssystem immer stärker auf die freie Wahl und Selbstorganisation der Schüler zu bauen und auf mehr „Flexibilität“ bei den Prüfungsleistungen. Man denke an die gar nicht so edle Idee, man könnte das, was man den Bürgern an Arbeit nicht mehr zumuten mag, durch den Import von Migranten ersetzen. Und nun steht man bei all diesen Scheinauswegen vor den enttäuschenden Resultaten. Man steht hilflos davor und man pflegt auch diese Hilflosigkeit: Man mag sich nicht von den liebgewonnenen Lösungen, die so wohlklingend und zugleich so bequem sind, verabschieden.

Denn wenn man sich von diesen Lösungen verabschieden würde, würde dort etwas Unbequemeres, etwas Widerständigeres und auch etwas Monotoneres warten: die Art von Arbeit, die sich in der Ära der Moderne entwickelt hat. Und die so eine Bedeutung errungen hat, die sie in früheren Epochen der Geschichte niemals hatte. Doch in unserer Gegenwart kann diese Arbeit nicht mehr als Errungenschaft gesehen werden. Die Fähigkeit, dieser Arbeit Würde abzugewinnen, ist einem beträchtlichen Teil der Gesellschaft abhandengekommen. Doch nun machen sich die Folgen dieser Krise des Arbeitsmotivs im Land bemerkbar. Die leichten Lösungen erweisen sich als Scheinlösungen. Und in dem Maße, wie sich diese Erkenntnis durchsetzt, wird die Arbeit, wie sie sich mit der Moderne entwickelt hat, wieder interessant. Insbesondere wird auch die Motivation dieser Arbeit wieder interessant: Sie liegt in der Gegenständlichkeit der Arbeit. Und man kann es noch genauer sagen: Sie liegt nicht einfach im Endergebnis der Arbeit – also im Ertrag. Vielmehr liegt sie in der Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten und Knappheiten dieser Welt. Dazu muss nicht eine ganz neue Arbeit erfunden werden, sondern es kann eine Wiederentdeckung und Rehabilitierung einer schon gemachten Entdeckung sein. Dazu soll die folgende kleine Auswahl von „klassischen“ Textpassagen anregen.

Unterteilt in drei Abschnitten:

  1. Der neue Rang der Arbeit
  2. Arbeit als Machtstreben?
  3. Hegels Knecht

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I. Der neue Rang der Arbeit

    Tocquevilles Kapitän – In seinem zweiteiligen Buch „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/1840), in dem der französische Staatsphilosoph Alexis de Tocqueville die Beobachtungen einer mehrwöchigen Reise durch die noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika sehr anschaulich und nachdenklich darstellte, findet sich folgende Passage über den Ehrbegriff der Amerikaner:

    „In Amerika wird der kriegerische Mut wenig geschätzt; der Mut, den man am besten kennt und am höchsten achtet, besteht darin, der Wut des Ozeans zu trotzen, um schnellstens im Hafen zu sein, die Nöte der Wüste ohne Klagen zu erdulden und die Einsamkeit, die grausamer ist als alles Elend; der Mut, der für den plötzlichen Zusammenbruch eines mühevoll erworbenen Vermögens Unempfindlichkeit verleiht und neue Kraft eingibt, wieder von vorne anzufangen. Dieser Mut ist es, der für die Erhaltung und Prosperität des amerikanischen Staates besonders notwendig ist und der von ihm besonders geehrt und gefeiert wird. Ohne ihn wäre man ehrlos.“

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    John Miltons Wendung des „Verlorenen Paradieses“ – Die Verbindung von Arbeit und Ehre ist keine Selbstverständlichkeit. Über Jahrhunderte galt die Tätigkeit von Bauern, Handwerkern oder Händlern als niederwertige Tätigkeit. Doch mit der Neuzeit änderte sich das. Zugleich gab es auch Verschiebungen im religiösen Verhältnis zu Gott und Welt. Die Bewährung in der Welt konnte nun als Bewährung vor Gott gesehen werden, und das hatte auch Folgen für den Wert und die Würde, die der Arbeit abgewonnen werden konnten. Dies kann man an einem Text zeigen, der der alttestamentarischen Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies eine neue, innerweltlich aktive Wendung gibt. Es ist das epische Gedicht „Paradise lost“ des englischen Dichters John Milton und wurde 1667 veröffentlicht. Hier eine Textpassage, die auch von Max Weber in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904) zitiert wird:

    „Sie wandten sich und sah´n des Paradieses

    Östlichen Teil, – noch jüngst ihr sel´ger Sitz –

    Von Flammengluten furchtbar überwallt,

    Die Pforte selbst von riesigen Gestalten,

    Mit Feuerwaffen in der Hand, umschart.

    Sie fühlten langsam Tränen niederperlen, –

    Jedoch sie trockneten die Wangen bald;

    Vor ihnen lag die große weite Welt,

    Wo sie den Ruheplatz sich wählen konnten,

    Die Vorsehung des Herrn als Führerin.

    Sie wanderten mit langsam, zagem Schritt

    Und Hand in Hand aus Eden ihres Weges.“

    „Vor ihnen lag die große weite Welt“ – Hier nimmt die Vertreibung aus dem Paradies sichtlich eine neue Wendung. Es eröffnet sich ein eigener aktiver Bewährungsraum für die Menschheit. Zwar ist dieser Raum nicht von den Menschen selbst geschaffen, sondern von Gott gegeben. Aber er eröffnet die Möglichkeit einer religiös motivierten Vita activa, die transzendental und innerweltlich zugleich ist. Der neu gegebene Raum ist dabei kein neues Paradies, sondern ein mühevoller Zivilisations-Raum. Er muss den Knappheiten der Natur abgerungen werden. Er muss verborgene Naturkräfte entdecken, freisetzen, umgruppieren, steigern. Er bedeutet „Arbeit“ im weiten, bürgerlichen Wortsinn.

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    John Locke über Arbeit und Eigentum – Ein Zeitgenosse von Milton, der englische Philosoph John Locke (1632-1704) sah in der Arbeit eine Legitimation von Eigentum, insofern die Arbeit etwas ist, das dem Naturzustand beigemischt und hinzugefügt wird. Die entscheidende Passage in seinem Werk „Über die Regierung“ (1689) lautet:

    „Die Arbeit seines Körpers und das Werk seiner Hände, so können wir sagen, sind im eigentlichen Sinne sein. Was immer also jenem Zustand entrück, den die Natur vorgesehen und in dem sie es belassen hat, hat er mit seiner Arbeit gemischt und hat ihm etwas hinzugefügt, was sein eigen ist – folglich zu seinem Eigentum gemacht.“

    Lockes Schrift „Über die Regierung“ hatte erheblichen Einfluss im Zusammenhang mit der englischen Revolution von 1688/89. Die Passage ist auch deshalb interessant, weil ein anderer Philosoph, Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), in seiner Schrift „Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ (1755) zu einem völlig gegenteiligen Schluss kam und die Institution des Eigentums als Willkürakt und Ursache für eine schädliche Spaltung unter den Menschen ansah. Allerdings reflektiert er nicht die Rolle der Arbeit, die ja das zentrale Argument bei John Locke war. Die Passage bei Rousseau lautet:

    „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen `Dies gehört mir´ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: `Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemand gehört´.“        

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    II. Arbeit als Machtstreben?

      „Industrie“ und „Arbeit“ – Das Wort „Industrie“ ist ursprünglich sehr eng mit dem Wort „Arbeit“ verwoben. Erst im Zusammenhang mit der industriellen Revolution und dem Einsatz großer Maschinerie und entsprechender Fabrikanlagen scheidet es sich deutlicher von der „Arbeit“. „Industrie“ meint mehr die ganze, vor allem auch gegenständliche Fabrikwelt, während „Arbeit“ die menschliche Tätigkeit bezeichnet. Der Duden schreibt zum Wort „Industrie“:

      „Das Fremdwort tritt im Deutschen im 18. Jahrhundert zuerst in seiner eigentlichen (der Herkunft des Wortes entsprechenden) Bedeutung `Fleiß, Betriebsamkeit´ auf. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wird es dann speziell im Sinne von `Gewerbefleiß, Gewerbe´ verwendet, wodurch die gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufkommende, heute allein gültige Bedeutung „gewerbliche Fabrikation, Produktion materieller Güter´ vorbereitet ist. Das Wort ist in allen Bedeutungen aus französisch „industrie“ entlehnt, das seinerseits auf lateinisch „industria“ `Fleiß, Betriebsamkeit´ beruht.“      

      Und nun ist bemerkenswert, wie in unserer Gegenwart das Wort „Industrie“ häufig schon als solches negativ konnotiert ist. Es genügt, das Wort „Agrarindustrie“ auszusprechen, und schon wird darunter etwas Gefährliches und Schädliches verstanden. Der Einsatz großer Maschinerie und der Anbau von Lebensmitteln in großen Massen und Serien gelten als anrüchig – weil sie angeblich aus bloßer Geldgier erfolgen und dem Gegenstand der Arbeit, den Werkzeugen und Produktionsfaktoren (z.B. dem Boden) angeblich keine Wertschätzung entgegenbringen. Dass eine erhöhte Produktivität, die Knappheiten bei der Nahrungsgewinnung mildert, und sich von daher ökonomisch nicht nur als höhere Wertschöpfung darstellt, sondern auch als sparsamer Umgang mit den knappen Gütern „Boden“ oder „Wasser“ wird gar nicht in Erwägung gezogen. In ähnlicher Weise sind „die Atomindustrie“, „die Autoindustrie“ zu Unworten geworden. 

      Hier ist eine Kulturkritik an der Industrie virulent geworden, die schon länger in bestimmten Milieus zirkulierte. Sie stellte die Industrie als eine einzige monströse „große Maschine“ (Lewis Mumford) dar. Ganz ähnlich wurde das moderne System der Großstädte zu dem „Babylon“-Bild eines gigantischen Gebäudeblocks zusammengezogen (zum Beispiel in dem Film „Metropolis“ aus den 1920er Jahren). So zieht sich durch das 20. Jahrhundert eine Technikkritik, die der Arbeit im industriellen Zeitalter einen „strukturellen Totalitarismus“, unterstellt. Lange Zeit hatte diese Technikkritik nur im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften einen gewissen Einfluss (Hans Linde sprach 1972 von der „Sachabstinenz unserer gegenwärtigen Soziologie“). Inzwischen hat sie sich auch in den Kernbereichen von Staat und Wirtschaft ausgebreitet – unter „grünem“ Vorzeichen.  

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      Eine Fundamentalkritik der Arbeit: Die „Dialektik der Aufklärung“ – Hier soll an eine Schrift erinnert werden, in der der Denkweg schon angelegt ist, auf dem heute gegen „die Industrie“ mobilgemacht wird. Es geht um die Schrift „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1947. In der Aufklärung, so Horkheimer/Adorno, sei ganz wesentlich Unterdrückung enthalten, und diese Logik der Unterdrückung setze einen geschichtlichen Prozess in Gang, der in den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts münde. Die Autoren verwischen dabei den Unterschied zwischen Natur-Bearbeitung und Natur-Beherrschung. Für sie ist alles nur noch Beherrschung – nur noch eine Frage der Macht und des rein subjektiven Willens. Damit wird der Unterschied zwischen Totalitarismus und Bürgerlicher Ordnung zum Verschwinden gebracht. Horkheimer/Adorno schreiben: „Unter den gegebenen Verhältnissen werden die Glücksgüter selbst zu Elementen des Unglücks…Der Fortschritt schlägt in den Rückschritt um.“ Diese Radikalkritik wirft alles in einen Topf. Die Autoren wittern hinter jedem Gut das Böse. Das gilt auch für die Arbeit, die die „Glücksgüter“ herstellt. Auch die Arbeit kann nur zu einem „Element des Unglücks“ werden. Man höre nur folgenden Satz: „Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur umso tiefer in den Naturzwang hinein. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation verlaufen.“ „Die Bahn der europäischen Zivilisation“ – Hier wird der Stab über die ganze Geschichte der Moderne gebrochen. Was führen die Autoren sie in ihrer „Dialektik“ als Beleg für ihr Urteil an? Auf welche Realität nehmen sie Bezug, die es ihnen erlaubt, von so hoher Warte ihr Todesurteil zu sprechen?

      Es gibt diese Realität gar nicht. Es gibt nur das reine Sprechen. Es ist nur ihre eigene Sprachwillkür, die mit Kettenworten und Wortketten alles in Bann zu schlagen versucht.

      Naturzwang, so behauptet dieser Satz, wird „gebrochen“. Der Naturzwang wird nicht bearbeitet, sondern gebrochen. Die Autoren müssen sich nicht mit bestimmten Arbeitsgängen, Techniken, Handgriffen, stofflichen Eigenschaften und Energien befassen. Sie bewegen sich nur zwischen „Zwang“ und „Brechen“ und wieder „Zwang“. Da gibt es kein Entrinnen. Aber das ist auch nicht erstaunlich, denn die Autoren haben ja nichts anderes in ihre „Bahn der europäischen Zivilisation“ eingestellt. Alles in einer kruden Machtlogik gefangen. Es gibt nur ein Brechen oder Gebrochen-Werden. Auch die Horkheimer-Adorno-Vorstellung von Zivilisation kennt nichts anderes. Es fehlt eine Größe, die strukturell etwas anderes ist als „Brechen und Gebrochen-Werden“. Das könnte die Arbeit sein, wenn man sie als konstitutive Größe für die Ära der Moderne versteht. Doch diesen Weg haben sich Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verstellt. So wie sie schon die Aufklärung ihrer Machtlogik subsumieren, tun sie das auch mit der Arbeit. Der wird in ein völlig aussichtsloses Szenario versetzt. Hier gibt es keinen Spielraum für Selbstbehauptung. Für eine Bearbeitung von Knappheiten und Widrigkeiten. Die Welt der Arbeit ist nur ein Rad im Getriebe der „großen“ Dialektik des Brechens und Gebrochen-Werdens. Hoch thronen die Verkünder letzter Wahrheiten. Von dort kann man nur mit großer Geste den Untergang der ganzen Zivilisation ausgerufen.

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      Kann sich jeder „seine Arbeit erfinden“? – Die „Dialektik der Aufklärung“ ist eine allzu finstere Vision der Moderne. Sie ist nur eine „Erzählung“, die den Wahrheitskriterien der Geschichtswissenschaft nicht unterliegt. Sie ist immun gegen Widerlegungen. Es gibt aber auch eine zweite Erzählung, die ebenso auf eine Subsumierung der Arbeit hinausläuft. Sie kommt nicht allzu finster daher, sondern allzu hell, bunt und leichtfüßig. Sie will die Arbeit zu einer frei wählbaren, subjektiven Konstruktion ummodeln. Sie ist nichts, was aus einer Konfrontation mit viel größeren, mächtigeren, rätselhaften Gegebenheiten hervorgeht. Und die dieser Grundkonstellation nie entkommt, sondern nur relative Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheitsgrade gestattet. Nein, die sonnige Erzählung macht aus der Arbeit eine „Erfindung“. Und aus der Arbeitswelt eine Welt, in die Menschen sich „selbst verwirklichen“, indem sie sich immer wieder neu ihre Arbeit erfinden. Deshalb ist diese Erzählung der erbitterte Feind des „Objektiven“. Dessen Existenz bestreitet sie auf das Lebhafteste mit allen nur denkbaren Windungen. Aus der Tatsache, dass die objektive Welt aufgrund ihrer Unendlichkeit durch endliche Wesen wie die Menschen nie umfassend und abschließend erkannt werden kann, leitet sie ab, dass es diese Objektivität nicht gibt und die Menschen sich mit ihr auseinandersetzen müssen, ohne sie je vollständig und abschließend erkennen zu können.

      Diese sonnige Erzählung von der Selbstverwirklichung und einer großzügigen Natur, die alles gibt, wenn man sie nur Natur sein lässt, ist für das Denken unserer Gegenwart vielleicht relevanter als die Dunkelgeschichte vom Brechen und Gebrochen-Werden der Zivilisation. Zumindest war diese Erzählung in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sehr einflussreich. Das war meistens verbunden mit einer Hochkonjunktur des Wortes „Kultur“, die eine neue Gestaltbarkeit der Welt durch das menschliche Subjekt signalisierte. Diese Konjunktur könnte aber ihren Zenit schon überschritten haben, weil sich inzwischen die Widrigkeiten der objektiven Gegebenheiten dieser Welt bemerkbar machen.

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      Doch eine ausführlichere Auseinandersetzung soll in einem anderen Text erfolgen. In diesem Text soll noch einmal auf das 19. Jahrhundert, das ein Jahrhundert der Vertiefung und Entfaltung der Arbeit war, zurückgekommen werden. Hier kann gezeigt werden, dass diese starke Rolle der Arbeit keineswegs mit der Vorstellung eines gewaltsamen „Brechens“ von Natur verbunden war, sondern mit einer neuen Aufmerksamkeit für das Objektive. Und mit einer tieferen und komplexeren Auseinandersetzung mit dem Objektiven. Dazu soll im Folgenden an eine Denkfigur erinnert werden, die eine ganz andere, positive Logik der Arbeit enthält.

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      III. Hegels Knecht

        Es geht um Georg Wilhelm Friedrich Hegels „Phänomenologie des Geistes“ (1807) und das darin enthaltene Kapitel über „Herr und Knecht“. Bei Hegel werden Herr und Knecht nicht zu einem Ausbeutungsverhältnis kurzgeschlossen, sondern jede der beiden Seiten – „Herr“ und „Knecht“ – steht für ein eigenes, spezifisches Verhältnis. So ergeben sich zwei eigenständige geschichtliche Entwicklungsperspektiven: Die Auseinandersetzung, die der „Herr“ führt, ist eine Auseinandersetzung mit seinesgleichen, ein „Kampf auf Leben und Tod“. Es ist ein heroischer Kampf, aber auch ein kurzer Kampf, der sich nur im Binnenverhältnis „Herr contra  Herr“ abspielt. Der Knecht hingegen, so Hegels Denkfigur, bringt nicht den Mut zu diesem Kampf auf und ist deshalb auf die “niedere“ Auseinandersetzung mit den Dingen verwiesen, auf die gegenständliche Arbeit. Aber dies Verhältnis zur dinglichen Welt erweist sich auf die Dauer als größer und reichhaltiger als das Herr-gegen-Herr-Verhältnis. Das scheinbar „niedere“ Verhältnis erweist sich als das weiterführende Verhältnis.

        Dass Hegel hier dem Knecht eine weiterführende Rolle in der Geschichte des Geistes einräumt, ist bemerkenswert und zeigt, wie hier schon eine Vorahnung der industriellen Welterweiterung des 19. Jahrhunderts im Spiel ist. Die Figur des „Knechts“ passt auf die industriell-produktiven Klassen (Bürgertum und Arbeiterschaft) des ersten Jahrhunderts großindustrieller Basis in Wirtschaft (Produktionsbetriebe) und Staat (Infrastrukturen von Verkehr, Energie, Wasser…). Mit dieser Figur hat sich die Gegenständlichkeit der Welt in einem Maße entfaltet wie in keinem Jahrhundert zuvor.

        Wichtig ist, dass Hegels Denkfigur nicht auf den Gegensatz zwischen arm und reich, zwischen Besitzenden und Besitzlosen verkürzt wird (wie es Karl Marx und später Alexandre Kojève taten). Bei Hegel ist der „Knecht“ nicht nur der Proletarier, sondern auch der Bürger. Er steht für das bürgerliche Weltverhältnis. Hingegen steht der „Herr“ für das aristokratische Weltverhältnis, das die Mühen (auch die „Entfremdung“ und „Verdinglichung“) der Auseinandersetzung mit der gegenständlichen Welt nicht kennt. Hegels Denkfigur erfasst den geschichtlichen Aufstieg eines „industriellen Geistes“ – der eine Gemeinsamkeit von Bürgertum und die Arbeiterschaft bildet. Sie erfasst die öffnende, erweiternde Rolle der gegenständlichen Tätigkeit – einen historisch neuen Rang der Arbeit.

        Da liegt die Pointe, wenn man die moderne Zivilisation in der Figur des „Knechts“ denkt: Sie ist dann nicht mit einer Position dominanter, willkürlich „brechender“ Macht verbunden, sondern mit einer Position relativer Schwäche, die zur Anpassung an die äußeren Verhältnisse zwingt. So wird ein positiver Begriff der Industrie möglich – dem die Hybris eines weltbeherrschenden „global engineering“ fremd ist. Aber wo ist diese Denkfigur heute noch präsent? Wo wird mit ihrer Hilfe ein realistischer, differenzierter und maßvoller Begriff der Industrie gebildet?  

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        Der neue Rang der Arbeit in der Ära der Moderne – Es soll hier nicht behauptet werden, dass damit das ganze Hegelsche System insgesamt auf die Figur des Knechts hinausläuft. Seine – aus einem Ausweichen geborene Hinwendung zur Arbeit ist bei Hegel nur ein Durchgangsstadium in einem Weg zur großen Synthese des Weltgeistes. Doch eine solche Synthese ist gar nicht nötig, um den neuen Rang der Arbeit zu begründen. Sie ist dem neuen Rang letztlich sogar abträglich.

        Man kann diesen neuen viel wirksamer und nachhaltiger begründen, wenn man von einem nicht zu überschreitenden Gegenüber von endlichen Menschen in einer unendlich größeren, mächtigeren, unberechenbaren Welt ausgeht. Eine solche Konstellation kann nicht „überwunden“ werden. Es gibt hier keinen definitiven „Sieg“ der menschlichen Subjektivität über die Objektivität der Welt – wenn „Objektivität“ in dem ursprünglichen Wortsinn des „ob-jectum“ (das Entgegen-Geworfene) verstanden wird. Diese Auseinandersetzung stellt sich immer wieder neu. Es gibt nur relative und provisorisch Erfolge. Das ist eigentlich eine sehr plausible Annahme über die Grundsituation, in die wir gestellt sind. Aber zu dieser Annahme gehört auch, dass die Auseinandersetzung die Geburtsstätte einer relativ stabilen Zwischenwelt ist. Sie bildet sich aus Elementen und Wirkungen beider Seiten. So ist und bleibt auch die in der Moderne so stark entwickelte Arbeit stets aus subjektiven und objektiven Zutaten gebildet und von beiden Seiten bestimmt. Dieser Doppelcharakter prägt auch die Institutionen der Wirtschaft und des Staates. Und die moderne Zivilisation. Vielleicht liegt hier eine plausible Unterscheidung zwischen der Konstituierung von Zivilisationen und Kulturen: Die Kulturen können sehr vielfältig sein – weil sie einseitige Setzungen sind. Hingegen muss eine Zivilisation aus der Auseinandersetzung subjektiver und objektiver Kräfte hervorgehen. Sie muss sich im Feuer dieser Auseinandersetzung bewähren.

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        Eine neue Dimension der Geschichte – Die Argumentation, die „Hegels Knecht“ zugrunde liegt, ist in einer Hinsicht wirklich bahnbrechend: Sie geht nicht davon aus, dass der Gang der Geschichte aus dem „sozialen“ Binnenverhältnis der Menschen zu verstehen und zu gestalten ist. Sie bringt das Außenverhältnis der Menschen zu der sie umgebenden Welt ins Spiel. Und sie nimmt dabei in Kauf, dass dies „Entfremdungen“ und „Verdinglichungen“ des Menschen bedeutet. Die umgebende Welt ist kein Garten, in dem die Menschen nur etwas schon fertig und reichlich Vorliegendes pflücken müssen. Und doch geht Hegel davon aus, dass eine tiefere Hinwendung des Menschen zur Außenwelt, eine neue Reichweite und einen neuen Reichtum eröffnet, die unvergleichlich größer sind als das, was bisherige Zeitalter zu bieten hatten. Die Arbeit – verstanden als Hinwendung und tätige Auseinandersetzung mit der gegenständlichen Welt – eröffnet eine neue Dimension. Gewiss gab es immer Arbeit, aber sie hatte nicht die starke Aufmerksamkeit und Dynamik, die sie in der Ära der Moderne bekommt. Würde ein Wesen von einem fremden Stern, der die irdischen Dinge über Jahrhunderte und Jahrtausende übersehen könnte, die Veränderungen zu beschreiben versuchen, so würde er sicher die immense Vermehrung und Entfaltung der Dinge und Anlagen hervorheben, die aus Arbeitsprozessen hervorgegangen sind und weiterhin hervorgehen. Und die auf die Menschen und die Natur zurückwirken und sie überformen. Das ist die Signatur der Moderne, und sie ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, die sich irgendwie „von selbst“ ergibt. In früheren Zeitaltern, in denen man in der Arbeit nur banale Verrichtungen für einfältige Menschen sehen konnte, und ihr deshalb einen niedrigen Rang einräumte, blieb diese ganze Dimension verschlossen.  

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        Die Arbeitskrise, die gegenwärtig in etlichen Ländern des angeblich „hochentwickelten“ Westens zu beobachten ist, ist deshalb ernst zu nehmen. Sie zeigt, dass ein einmal erreichter hoher Stand der modernen Zivilisation kein Selbstläufer ist, sondern dass er verloren gehen kann. Die Krise zeigt, dass er von Entwicklungen verdrängt werden kann, die zunächst leichter erscheinen – weil sie den Menschen nicht jene Entfremdungen und Verdinglichungen abverlangen, die untrennbar mit der „großen Arbeit“ der Moderne verbunden waren. Nun ist die Arbeitskrise da, die Leichtigkeit hat sich als Täuschung erwiesen. Doch mit einer bloßen Ernüchterung ist es nicht getan. Es gilt, das Arbeitsmotiv der Moderne zu rehabilitieren.  

        Was ist ein langes Arbeitsleben wert?

        Bei der Reform der Altersversorgung in Deutschland ist nicht eine „vorzeitige“ Rente das Problem, sondern der verzögerte Beginn und die immer häufigeren Unterbrechungen der Berufstätigkeit. (Die Arbeit der Moderne, Teil I)  

        Was ist ein langes Arbeitsleben wert?

        22. August 2026

        Der Streit um eine Reform der Altersversorgung in Deutschland hat sich auf einen Punkt zugespitzt: Die Streichung des Rechts auf einen um zwei Jahre vorgezogenen, abzugsfreien Renteneintritt nach einem 45jährigen Arbeitsleben. Mehrere Landesregierungen drohen mit Ablehnung im Bundesrat. Doch die Bundesregierung will die Streichung unbedingt durchdrücken. Der Konflikt ist auf den Herbst vertagt, aber er wird unvermeidlich kommen. Und das ist gut so, denn es geht um eine richtungsweisende Entscheidung für das Land: Werden lange und kontinuierliche Arbeitsbiographien weiterhin honoriert, oder sind sie in der Arbeitswelt der Zukunft vielleicht ein realitäts- und lebensfremdes Ziel – also im Grunde ein Auslaufmodell? Doch in der gegenwärtigen Krise zeigt sich, wie sehr die Selbstbehauptung des Landes von dem hohen Wert abhängig ist, der einem langen und kontinuierlichen Arbeitsleben beigemessen wird?

        Allerdings wollen diejenigen, die für eine Abschaffung der gegenwärtigen Regelung eintreten, von der besonderen Leistung, die ein 45jährigen Arbeitsleben heute darstellt, gar nicht sprechen. Sie sprechen von der „vorzeitigen Rente mit 63 Jahren“, als sei dies ein Geschenk, das leichtsinnig gewährt wurde, und dessen Streichung im Grunde längst überfällig ist. Dabei ist der Ausdruck „Rente mit 63 Jahren“ grob irreführend: Die Ermöglichung eines um 2 Jahre vorgezogenen Rentenbeginns nach 45 Beitragsjahren setzt die (im Namen des „demographischen Faktors“ eingeführte) schrittweise Erhöhung des regulären Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre nicht außer Kraft, sondern bezieht sich auf diese Erhöhung: Wer die Vorziehung des Rentenbeginns beantragt, erkennt auch für sich die Gültigkeit des erhöhten regulären Renteneintrittsalters an – nur von diesem erhöhten Eintrittsalter sollen die 2 Jahre abgezogen werden. Mit einfachen Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Was mit der Formel „65 minus 2 ist 63“ begann, ist heute bei „66,5 minus 2 ist 64,5“ angekommen. Und bald werden wir bei einem vorzeitigen Renteneintrittsalter „67 minus 2 ist 65“ angekommen sein. Es handelt sich also nicht um ein feststehendes Geschenk, das die allgemeinen Regeln der Rentenberechnung bricht, sondern nur um die Honorierung einer bestimmten Zeitdauer der Berufstätigkeit – nämlich um die Honorierung eines besonders langen Arbeitslebens ohne größere Unterbrechungen.  

        Der Wert eines langen Arbeitslebens in der heutigen Zeit

        Die politische Frage ist: Ist diese Honorierung legitim? Ist sie eventuell sogar angesichts der heutigen Probleme der Altersversorgung in Deutschland besonders geboten? Dass ist der Fall, wenn es bei den Beitragszahlern zur Rentenversicherung zunehmend einen späteren Beginn und zwischenzeitliche Unterbrechungen gibt. Wenn es also zunehmend Unterschreitungen der durchschnittlichen Beitragszeit der Rentenversicherten gibt. Dann ist ein früh beginnende und unterbrechungsfreie Berufsbiographie besonders wertvoll. Und die Zahl „45 Beitragsjahre“ ist keine Selbstverständlichkeit, sondern gerade in unserer Zeit eine honorierungswürdige Leistung. Und es wäre ein kompletter Widersinn, bei einer Reform der Altersvorsorge ausgerechnet die Haftung zu nehmen, die diese Leistung erbracht haben. Doch genau das geschieht im Reformpaket der Bundesregierung. Man will ausgerechnet die, die schon außergewöhnlich lange gearbeitet haben, zu einer noch längeren Arbeit zwingen. Deshalb ist der Zorn so groß. Und deshalb ist dieser Zorn ganz im Sinn einer auf Arbeit begründeten Altersversorgung.

        Wenn „Arbeit“ und „Leben“ sich zunehmen trennen

        Das Hauptproblem der Altersversorgung in Deutschland ist heute nicht ein besonders frühes Ausscheiden am Ende des Arbeitslebens, sondern die Tendenz, dies Arbeitsleben immer später zu beginnen und auch vermehrt Auszeiten von der Arbeit zu nehmen. Hier geht es nicht um das demographische Problem zahlenmäßig ungleicher Generationen, sondern das Problem eines veränderten Arbeitsverhaltens. Wenn „Arbeit“ und „Leben“ zunehmend als zwei Welten empfunden werden, und wenn das „wahre Leben“ zunehmend außerhalb der Arbeit gesehen wird, löst sich das „Arbeitsleben“ als grundlegendes Merkmal der modernen Zivilisation auf. Das neue Merkmal heißt dann „Work-Life-Balance“: Wo Arbeit und Leben keinen inneren Zusammenhang mehr bilden, können sie nur noch in ein äußerliches „Gleichgewicht“ gebracht werden. Es ist klar, dass dann die Neigung stärker wird, den Beginn der Berufstätigkeit hinauszuzögern und auch zwischenzeitlich eine Auszeit „zum leben“ – verstanden als „nicht arbeiten“ – zu nehmen. Das führt zu einem Schrumpfen und zu einer wachsenden Unregelmäßigkeit der Beitragszahlungen in die Altersversorgung. Das ist nicht nur ein theoretischer Zusammenhang, sondern macht sich ganz praktisch in der Produktivität der Wirtschaftsbetriebe und in der Aufrechterhaltung der staatlichen Infrastrukturen bemerkbar: In Deutschland fehlen in vielen Berufen Beschäftigte, die früh ins Arbeitsleben eintreten und dort dauerhaft und verlässlich ihre Leistung erbringen. Auf der Grundlage einer fundamentalen Spaltung zwischen „Arbeit“ und „Leben“ kann sich keine moderne Nation auf Dauer behaupten. Und das betrifft auch die Altersversorgung. Eine Reform der Sozialsysteme, die der Entwertung der Arbeit nichts entgegensetzt, ist Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.

        Wo „beitragsfreie Zeiten“ geduldet und sogar gefördert werden

        Blicken wir also dorthin, wo in unserem Land „beitragsfreie Jahre“ geduldet werden, ohne dass dafür am Ende der Berufstätigkeit zusätzliche beitragspflichtige Jahre hinzugefügt werden.  

        1. Einen verzögerten Beginn der Berufsbiographie gibt es bei denjenigen, die lange Bildungsgänge haben, insbesondere an den Hochschulen. Ihre Zahl ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte stark gewachsen, sodass heute weit mehr als die Hälfte eines Jahrgangs eine Hochschulausbildung absolviert. Gewachsen ist auch die Zahl der Studienfach-Wechsler und der Studienabbrecher. Auch die Zahl derer, die nach einem erfolgreichen Abschluss zögern oder sich sogar weigern, eine entsprechende Berufstätigkeit aufzunehmen. Sie bekommen trotzdem für ihre Hochschulzeit Rentenpunkte. Man hat richtigerweise in den 1990er Jahren die für die Rente anrechenbare Studienzeit begrenzt, aber es bleibt eine Bevorzugung gegenüber denen, die „nur“ eine Facharbeiter-Lehre absolviert haben. Inzwischen beginnt die Berufstätigkeit eines erheblichen Teils der Akademiker nicht vor dem 30. Lebensjahr. Dennoch wird ihr Renteneintritt nicht etwa verzögert, bis sie auch 45 Arbeitsjahre als Beitragszahler zur Rentenkasse aufzuweisen haben. Es gilt als völlig normal, dass sie bei Erreichen des allgemein geltenden Renteneintrittsalters aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Das kann man durchaus einen „vorzeitigen“ Rentenantritt (ohne Abzüge) nennen. Dieser Vorzug wurde früher politisch damit begründet, dass die Zukunft unseres Landes von einer hohen und ständig zunehmenden Akademiker-Zahl abhinge. Heute ist ein solcher Vorzug mehr als fragwürdig, denn in vielen Branchen ist inzwischen nicht der Akademiker-Mangel, sondern der Facharbeiter-Mangel existenzbedrohend.
        2. Nicht nur der verzögerte Beginn der Berufsbiographien, sondern auch die immer häufigeren Unterbrechungen müssen hier erwähnt werden. Insbesondere im Arbeitsleben der gehobenen Mittelschicht gibt es das Bedürfnis nach Unterbrechung oder Verkürzung der Arbeitszeit unter Berufung auf die „Work-Life-Balance“. Der Zuwachs der Akademiker ist zu einem erheblichen Teil nicht in den klassischen Berufen Ingenieur, Arzt, Lehrer, Architekt, etc. zu verzeichnen, sondern in „kulturellen“ Berufsfeldern im Kunst- und Medien-Betrieb. Dort sind unregelmäßige und befristete Arbeitsverhältnisse verbreitet, oft als Selbstständige. Minimale Arbeitszeiten und Einkünfte können (zum Beispiel über die staatlich bezuschusste Künstlersozialversicherung) zur Anrechnung als Beitragsjahre führen.
        3. Ein ganz anderer, noch krasserer Fall ist mit der Altersversorgung der Beamten zu verzeichnen. Die Beamten-Pensionen sind im Verhältnis zum vorherigen Einkommen viel höher und die Krankenversicherung viel großzügiger. Aber für den Zugang zu dieser üppigen Altersversorgung werden nicht etwa mehrere Jahrzehnte der Berufstätigkeit im Beamtenverhältnis gebraucht, sondern es genügen oft weniger als 10 Jahre. Wenn es dabei nur um Tätigkeiten mit hohen Gefahren für Leib und Leben oder Aufgaben mit besonders hohen Ansprüchen an die Dienstreue ginge, wäre das gerechtfertigt. Aber das ist keineswegs bei der Mehrheit der Beamten der Fall. In Deutschland werden Berufstätigkeiten verbeamtet, die anderswo im Angestelltenverhältnis erledigt werden. Und hier gibt es ein bemerkenswertes Detail: „Im öffentlichen Dienst werden in Ostdeutschland viele Jobs, die in Westdeutschland Beamte innehaben, von Angestellten erledigt“ sagt Johannes Geyer, Rentenfachmann am DIW (zitiert in dem Artikel „Und plötzlich bröckelt der Rentenkompromiss“ von Julia Löhr in der FAZ vom 4.8.2026). Wenn also in einem Land ein ganz unverhältnismäßig großer Beamten-Sektor besteht, wird dadurch eine ganz eigene Welt der Altersversorgung installiert. Zwischen Beitragsjahren und Pensionsleistungen gelten dann viel günstigere Regeln – und diese „zweite Normalität“ scheint jetzt von jeglicher Reformanstrengung ausgenommen zu sein.
        4. Und noch ein großer Bereich wirkt von außen in die gesetzliche Rentenversicherung hinein und kann erheblich zur Entwertung des Arbeitslebens beitragen: der Bereich, den man früher „Sozialhilfe“ genannt hat, dann „Hartz IV“, dann „Bürgergeld“ und heute „Grundsicherung“. Wenn die Leistungen, die hier gewährt werden, zu großzügig sind, und wenn die Bedingungen, die daran geknüpft sind, zu großzügig sind, wird das ganze Verhältnis von Arbeitsleben und Altersversorgung ausgehebelt. So sind die Leistungen, die heute unter dem Titel „Grundsicherung“ gewährt werden (und die sich kaum von den Leistungen des vorherigen „Bürgergelds“ unterscheiden) oft höher, als mancher Arbeiter nach einem langen Arbeitsleben bekommt, dass liegt unter anderem daran, dass neben den Lebensmitteln auch Wohnungskosten, Heizkosten, Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel bezahlt werden. Und bei den Wohnungskosten werden die jeweils vorliegenden Wohnungsmieten und Heizungsrechnungen (und also auch direkt deren Erhöhungen) bezahlt. Kein Arbeitslohn und keine Rente kann so per Kostenerstattung funktionieren. So sind, insbesondere in den großen Städten, große Ungerechtigkeiten zwischen den Beziehern von Altersrenten auf Grundlage ihrer Beitragszahlungen und den Beziehern von „Grundsicherung“ entstanden. Eine „Rentenreform“, die ausgerechnet die Menschen im Lande, die ein besonders langes Arbeitsleben vorweisen können, zu zwei zusätzlichen Arbeitsjahren zwingen will, ist eine Schande.

        Insgesamt muss man also feststellen, dass die Regierenden im Lande eine „große Reform“ der Altersversorgung veranstalten wollen, ohne der zunehmenden Arbeitsferne im Lande etwas entgegenzusetzen. Auf diese Baustelle möchten sie sich nicht begeben. Dazu fehlt ihnen offenbar sowohl die Weitsicht und als auch der Mut. Stattdessen wollen sie die lange Arbeitenden noch länger arbeiten lassen. Und da wollen sie jetzt „Entschlossenheit“ beweisen. Es ist ein regelrechter Eifer zu beobachten, diesen völlig verfehlten Punkt ihrer Reform mit höheren moralischen Weihen zu versehen. Sie reden sich um Kopf und Kragen.

        Die Mär von der Umverteilung „Jung zu Alt und Arm zu Reich“

        Am 3.8.2026 plädierte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in der „Rheinischen Post“ nachdrücklich für die Streichung der „vorzeitigen Rente“. Das Geld aus der so verlängerten Lebensarbeitszeit werde zur Finanzierung der Reform der Altersversorgung unbedingt gebraucht. Und Fratzschers Begründung ging noch weiter: Er behauptete, die aktuelle Regelung bedeute eine „Umverteilung von Jung zu Alt und auch von Arm zu Reich“. Demnach wären also diejenigen, die nach einem 45jährigen Arbeitsleben 2 Jahre früher in Rente gehen, gewissermaßen die Ausbeuter der Jungen und Armen. Das ist eine abenteuerliche Behauptung, die offensichtlich zu einer moralischen Diffamierung und Erpressung derer dient, die ihr Arbeitsleben früh begonnen und ohne große Unterbrechungen haben. Der aktuelle Rechtsanspruch der „Alten“ und „Reichen“ ist ja kein „Privileg“, sondern beruht auf einer besonderen Leistung. Mitnichten greifen sie in die Tasche der „Jungen“ und „Armen“. Den Gruppen, die heute ihre Arbeitsbiographie später beginnen und häufiger unterbrechen, steht es ja frei, es denen gleichzutun, die heute eine 45jährige Beitragszeit aufweisen können. Fratzscher kann nur deshalb von einer „Umverteilung“ von Jung zu Alt und von Arm zu Reich sprechen, weil er die zugrundeliegende Arbeitsleistung vollkommen ausblendet.

        Und er ist nicht der einzige. Auch die von der Bundesregierung beauftragte Rentenkommission hat ausdrücklich verneint, dass „Aspekte der Lebensleistung“ einen abschlagsfreien vorzeitigen Rentenbeginn rechtfertigen können. Die Kommission begründet das damit, dass dann „vor allem Besserverdienende, Gesündere und Männer davon profitieren, Menschen mit niedrigeren Einkommen, weniger stabilen Erwerbsverläufen sowie Frauen dagegen nur selten“, wie Julia Löhr in dem oben zitierten Artikel in der FAZ vom 4.8.2026 berichtet. Löhr zitiert aus dem Kommissionsbericht: „Die Abschlagsfreiheit führt faktisch zu höheren Renten zu Lasten der Versichertengemeinschaft.“ Dies „faktisch“ verbirgt eine Manipulation der Fakten: Es ist nicht die Abschlagsfreiheit, die zu „zusätzlichen“ Lasten für die Versichertengemeinschaft führt, sondern eine überdurchschnittlich lange und kontinuierliche Arbeitsbiographie, die zum Vorteil der Versichertengemeinschaft war. Obendrein zeichnet die Darstellung, dass vor allem „Menschen mit niedrigen Einkommen“ die Benachteiligten wären, ein falsches Bild: Ein spät begonnenes und häufig unterbrochenes Berufsleben ist heute zu einem großen Teil in den gehobenen Mittelschichten anzutreffen. Solche Berufsbiographien sind kein Schicksal, sondern eine Wahl im Sinne der Work-Life-Balance.

        Wenn Facharbeiter auf einmal zu „Reichen“ werden

        Umso weniger wird von denen gesprochen, die am häufigsten ein 45jähriges Arbeitsleben erreichen: von den Facharbeitern und Fachangestellten. Es gehört schon eine große manipulative Energie dazu, diese Schicht als „Reiche“ und „Privilegierte“ darzustellen. Aber so wird es versucht. In einem Gastbeitrag in der FAZ vom 7.8.2026 schreiben Axel Börsch-Supan (ein ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik) und Franz Ruland (1992-2005 Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger): „…alle, die für die Beibehaltung der Rente für besonders langjährig Versicherte eintreten, sollten einsehen, dass sie damit fordern, dass Versicherte mit den höchsten Renten weiterhin privilegiert werden auf Kosten der Solidargemeinschaft.“ Hier werden aus den Versicherten mit einem überdurchschnittlich langen Arbeitsleben kurzerhand „die Versicherten mit den höchsten Renten“ gemacht. Führende „Rentenexperten“ erwecken den Eindruck, hier ginge es um Privilegien für Menschen, die eh schon „die höchsten Renten“ hätten. In Wahrheit geht es um nicht mehr und nicht weniger als eine Berücksichtigung besonders langer Versicherungszeiten. Eine 45-jährige Versicherungszeit kommt zustande, wenn sie in jungem Alter begonnen wurde und ohne größere Unterbrechungen verlief. Die Lohnhöhe und die davon abhängige Rentenhöhe spielt dabei keine Rolle. Die Bedingung „45 Beitragsjahre“ gilt für alle Lohn- und Gehaltsniveaus. Und die Tatsache, dass hier – auf Grund des früheren Beginns – oft Menschen Berücksichtigung finden, die eine Facharbeiter-Lehre gemacht haben oder die ihr Berufsleben gar „nur“ als angelernte Arbeitskraft begonnen haben, zeigt die Dreistigkeit der Erzählung von den „Privilegierten“ mit den „höchsten Renten“. Hier wird nur mit dem gängigen Feindbild der „Reichen“ Stimmung gemacht.

        Doch im Schlusssatz ihres Beitrags flutscht den Autoren doch noch ein Sätzchen heraus, das ihr eigentliches Anliegen verrät. Börsch-Supan und Franke schreiben: „Zu diesen Ungerechtigkeiten kommt der Widersinn, dass wir in Zeiten, in denen Facharbeiter dringend gesucht werden, diese für viel Geld vorzeitig in Rente gehen zu lassen, im Osten wie im Westen.“ Hier geht es also gar nicht um einen hehren Kampf gegen irgendwelche „reichen Rentner“, sondern um … die Facharbeiter. Sie werden „dringend gesucht“. Und deshalb müssen sie unbedingt zu einer weiteren Verlängerung ihres sowieso schon langen Arbeitslebens gezwungen werden. Man beachte die herrische Tonlage, mit dem hier über die Facharbeiter verfügt wird: „Wir lassen die Facharbeiter für viel Geld vorzeitig in Rente gehen“. Wir „lassen gehen“, schreiben die „Rentenexperten“. Und jetzt, so denken sie sich, lassen wir sie einfach nicht mehr gehen…

        Eine gespaltene Arbeitswelt

        Der jetzige Angriff auf die vorzeitige, abzugsfreie Rente nach 45 Arbeitsjahren findet in einer Gesamtlage statt, in der in großen Bereichen der Arbeitswelt ein später Beginn und lange Unterbrechungen geduldet werden. Wo bleibt die Forderung, dass die so entstehenden Fehlzeiten am Ende der Berufsbiographie nachgearbeitet werden? Nein, man hält es offenbar für normal, dass im Zuge der Work-Life-Balance die Beitragszeiten zur Altersversorgung generell sinken. Es wird also mit zweierlei Maß gemessen: Die Einen – mit einem langen Arbeitsleben – sollen länger arbeiten, weil diese lange Zeit angeblich immer noch nicht reicht. Die Anderen – mit einem kürzeren Arbeitsleben – gelten als Vertreter einer jungen und zukunftsweisenden „neuen Arbeitskultur“, die viele Auszeiten und immer neue Selbstfindungs-Schleifen aufweist. Die „große Reform“ der Altersversorgung will den Einen mehr Arbeit auf, während sie von der Problematik der anderen nichts wissen will. So spaltet sie die Arbeitswelt. Und sie entwertet insgesamt die Bedeutung der Arbeit in diesem Land.

        Eine wichtige Entscheidung in Deutschland

        Das Recht, nach einem 45jährigen Arbeitsleben abzugsfrei zwei Jahre früher in Rente zu gehen, mag angesichts der Probleme in Deutschland als ein kleines Detail erscheinen. Aber mit einem Angriff auf dies Recht ist der Wert der Arbeit betroffen. Und damit ist der Kern der deutschen Krise berührt. Wer den Wert der Arbeit verteidigen will, muss die aktuelle Gesetzeslage verteidigen. Die Bundesregierung hat ein großes Geschütz aufgefahren. Sie hat erklärt, dass die ganze Reform der Altersversorgung und überhaupt die Reformpolitik in Deutschland scheitert, wenn sie in diesem Punkt nachgibt. Darauf kann man mit guten Argumenten antworten: Wenn die Streichung durchgesetzt wird, nimmt die Reformpolitik eine zerstörerische Wende. Sie entwertet die besondere Leistung eines langen Arbeitslebens. Glaubt man im Ernst, die Altersversorgung könnte in einem Land stabilisiert werden, in dem die Suche nach der Work-Life-Balance auf dem Vormarsch ist? Glaubt man, dass eine Nation, in der es immer weniger lange und kontinuierliche Arbeitsbiographien gibt, besonders reformbereit ist? Nein, wenn die Bundesregierung ausgerechnet an diesem Punkt ihre Stärke beweisen will, zeigt sie in Wahrheit eine Realitätsferne, die das Land dort schwach macht, wo es stark ist.  

        Es ist wichtig, dass all diejenigen, die jetzt „Nein“ gesagt haben, auch im Herbst bei diesem „Nein“ bleiben.

        Über die Selbstbehauptung  

        Eine Deutschland-Reform muss die elementare Tiefe der gegenwärtigen Krise erfassen. Zur Überwindung dieser Krise wird aber auch ein elementares Motiv gebraucht. (Zur Lage der Nation, Teil II)

        Über die Selbstbehauptung  

        20. Juli 2026

        Als der Bundeskanzler am Morgen des 2. Juli die Reform-Ergebnisse des Koalitionsausschusses präsentierte, sprach er von einem „großen Schritt nach vorne“. Und da dieser Kanzler offenbar glaubt, die Regierungskunst in modernen Zeiten bestehe darin, alles locker-leicht zu servieren, fügte er folgendes Sätzchen hinzu: „Wir wollen Deutschland wieder flottkriegen“. Das Papier mit den 34 beschlossenen Maßnahmen trägt dann auch die flotte Überschrift „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“. Es soll also um einen „Aufschwung“ gehen. Damit wiederholt die Überschrift jene Formel, mit der hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten immer Reform-Maßnahmen legitimiert wurden: das Versprechen neuer Wohlstands-Gewinne. Das war und ist die einzige Motivation, die sich die verschiedensten Regierungen in Deutschland (und anderen Ländern) vorstellen können. Eine andere Legitimation erscheint nicht nötig und auch nicht möglich. Ein stärkeres Motiv kommt in ihrer Vorstellung von einer modernen Welt nicht vor. Wenn also Einschnitte notwendig sind, muss umso mehr eine baldige neue Prosperität in Aussicht gestellt werden. Doch gibt es kein Naturgesetz, nach dem jederzeit eine solche Prosperität zur Verfügung steht.

        Was also kann das Motiv eines Landes sein, dessen objektive Lage eine solche Prosperität nicht zu bieten hat? Wenn die Lage dauerhaft restriktiv ist, müssen Einschnitte Teil einer dauerhaft harten Anpassung sein, die nicht durch neue Zugewinne versüßt werden kann. Gibt es für diese Lage ein Motiv, das die Tätigkeit einer Nation dauerhaft tragen kann? Oder müssen moderne Nationen dann zwangsläufig in erbitterte innere Bürgerkriege, äußere Erbfeindschaften oder eine stumpfe Apathie versinken? Das wäre zu befürchten, wenn eine Nation nur das Wohlstands-Motiv kennt. Dann würde diese Nation nicht nur auf einen Engpass ihrer äußeren Daseinsbedingungen zulaufen, sondern auch auf einen Engpass ihrer eigenen Handlungsfähigkeit.

        Die deutsche Krise ist eine Reproduktionskrise

        Deutschland droht der Verlust einer grundlegenden Fähigkeit: die Fähigkeit, die Substanz seiner Wirtschaft und seines Staatswesens aus eigenen Mitteln zu reproduzieren. Das ist ja der Gehalt der Krisenmeldungen aus den Unternehmen in grundlegenden Branchen des Landes. Die ganze Unternehmens-Landschaft ist in ihrer Existenz bedroht. Die Erträge reichen nicht, um ihren erreichten Entwicklungsstand auf dem gleichen Niveau weiterzuführen. Es geht also um etwas Elementareres als um „Wachstum“. In dieser Krise steht nicht eine erweiterte Reproduktion zur Debatte, sondern es muss die einfache Reproduktion sichergestellt werden. Oder, populär ausgedrückt, geht es darum, „den Laden am Laufen zu halten“.  Das ist einerseits ein Problem der erwirtschafteten Erträge, aber andererseits auch ein Problem des Generationswechsels in den Belegschaften und in der Unternehmensführung. Die sachliche und menschliche Substanz der Produktionsbetriebe in Industrie, Handwerk, Landwirtschaft und grundlegenden Dienstleistungen ist betroffen.

        Aber es geht nicht nur um ein Wirtschaftsproblem. Ein zweiter großer Krisenbereich kommt hinzu. Es ist kein Zufall, dass jetzt auch auf Seiten des Staates ein Substanzverlust festgestellt wird: Die Bürger stehen fassungslos vor immer neuen Meldungen von maroden Brücken, Straßen, Schienen, Leitungen, Gebäuden. Wie konnte das geschehen? Offenbar ist die laufende Bestandspflege, die dem natürlichen Verschleiß und Verfall entgegengesetzt werden muss, immer mehr ins Hintertreffen geraten. Und auch bei den menschenbezogenen sozialen Infrastrukturen gibt es diesen elementaren Verfall: Dem Bildungswesen gelingt – bei einem großen Teil der Schüler – die Vermittlung von Lesen, Schreiben und Rechnen nicht mehr. Auch hier geht es nicht um ein fehlendes „Wachstum“ des Bildungsniveaus, sondern um die Reproduktion grundlegender Fähigkeiten. Die immer höhere finanzielle Verschuldung des Landes löst zu Recht große Besorgnis aus. Und darunter entwickelt sich eine noch tiefergehende materielle Verschuldung, die die Substanz der sachlichen und menschlichen Bestände untergräbt. Die Produktivität der Betriebe und die Tragleistung der Infrastrukturen ist existenziell getroffen. Erschrocken müssen die Menschen feststellen, dass an vielen Stellen die Normalität des Landes nicht mehr verlässlich gelingt.  

        Die Leistung der „Normalen“

        Am 11.7.2026 stand auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein bemerkenswerter Leitartikel von Jasper von Altenbockum. Der Titel lautete „Wir Normalos“. Er soll hier etwas ausführlicher zitiert werden:

        „Sehr viele Menschen können für sich beanspruchen, alles richtig gemacht zu haben im Leben. In der Schule waren sie vielleicht nicht die Besten, aber sie fanden es in Ordnung, dass es Noten gab. Dass es im Sport Gewinner und Verlierer gab. Dass Leistung zählte, nicht Work-Life-Balance. Ferienarbeit war normal. Nach der Schule: Berufsausbildung und Lehrjahre, die keine Herrenjahre sind. Pünktlichkeit war selbstverständlich, Krankmachen unter der Würde. Freiwilliges Jahr, Bundeswehr oder gleich ein Studium. Auch im Studium wurde nebenher Geld verdient.“

        „Es ging ganz normal weiter: Nach dem Studium der Beruf, eine Familie wurde gegründet, Kinder großgezogen. Eine glückliche Ehe, keine Scheidung, eine intakte Familie, nicht nur an Weihnachten im Gottesdienst. Beide Eltern arbeiteten. Die Kinder gingen in einen Verein, spielten Fußball, spielten ein Musikinstrument. In der Schule war es für die Kinder nicht immer einfach, aber am Ende haben sie alle Mittlere Reife, Abitur und danach eine Berufsausbildung gemacht. Das alles kostete das Doppelte und Dreifache, was das Kindergeld einbrachte. Aber weil beide Eltern arbeiteten, reichte es auch fürs Eigenheim.“   

        „Rente, Pflege, Arbeitslosen- und Krankenversicherung: In alle Kassen wurde über Jahrzehnte Monat für Monat eingezahlt; wenn man es zusammenzählt, waren es gut und gerne eine Million Euro. Beansprucht hatte man das Geld kaum. Rente und Pflege eines Tages, ja. Aber sonst? Ein Gefühl der Ungerechtigkeit schlich sich ein, wenn andere die Leistungen mehr als nötig in Anspruch nahmen, obwohl sie nichts oder nur wenig eingezahlt hatten. Und dafür auch noch in Schutz genommen wurden.“

        „So sieht das Leben der Leute aus, von denen es heißt: Sie stehen früh auf, arbeiten hart ihr Leben lang und `halten den Laden zusammen´…In den Debatten aber, in der Zeitung, im Radio, im Internet, in Büchern und in den Wahlkämpfen kam dieser Bürger, der alles richtig gemacht hatte, immer weniger vor. Wann hatte er schon mal eine Geschichte, eine Sendung, einen Podcast über Alltag und Sorgen einer ganz normalen Ehe, einer ganz normalen Familie mit Kindern gelesen, gesehen, gehört? Zu langweilig?“

        Wie wichtig und wohltuend ist es, dass diese Wahrheit einmal – auf der Titelseite einer großen deutschen Zeitung – aufgeschrieben wurde. Und der Autor trifft sehr gut den entscheidenden Punkt: Die tägliche Aufrechterhaltung des Normalen ist eine große und keineswegs selbstverständliche Leistung, die täglich neu erbracht werden muss. Die Arbeitswelt der Normalos ist keine bequeme Welt, in der sich die Arbeit gleichsam „von selber“ macht, weil sich die Arbeitsgänge wiederholen. Dieser Punkt kann gar nicht scharf genug herausgearbeitet werden: Es ist eine große Leistung, wenn eine bestimmte Arbeit – unter wechselnden, oft widrigen Bedingungen – immer mit der gleichen Sorgfalt und Zuverlässigkeit wiederholt wird. Wenn die Arbeitenden Wind und Wetter trotzen, oder wenn sie ihre „gleichförmige“ Tätigkeit unabhängig von ihren persönlichen Befindlichkeiten verrichten. Es gibt Tage, wo die Arbeit recht leicht von der Hand geht, und dann wieder Tage, wo die gleiche Arbeit wie eine große Wand vor einem steht. Diese Tatsache macht die Kontinuität der Arbeit – also das „Den-Laden-Zusammenhalten“ – zu einer gigantischen Leistung, die Tag für Tag, jahrein, jahraus millionenfach erbracht wird. Die Arbeit, die hier verrichtet wird, bezieht ihre Würde nicht aus einer besonderen, nur ihr gehörenden Einzigartigkeit. Die Würde ist kein „Distinktions-Gewinn“ gegenüber anderen Menschen, sondern erwächst aus der elementaren Auseinandersetzung mit den Knappheiten und Widrigkeiten dieser Welt, denen sich die „Normalos“ in ihrem Arbeitsleben stellen.          

        Ein Leserbrief

        Der Altenbockum-Leitartikel hat eine Menge zustimmender Leserbriefe bekommen. Oft findet sich darin ein „endlich!“: Endlich wird eine Realität beschrieben, die in der medialen Welt der Gegenwart keine angemessene Aufmerksamkeit mehr findet. Doch an dieser Stelle soll aus einem Leserbrief zitiert werden, der den Leitartikel als „soziologisch falsch und politisch gefährlich“ eingestuft sehen möchte. Er ist in der FAZ vom 17.Juli (Seite 6) abgedruckt worden. Dort kann man folgendes lesen:

        „Das von ihm (gemeint ist Jasper von Altenbockum, GH) konstruierte homogene Milieu der Normalos gibt es in der Realität überhaupt nicht. Diese vermeintliche Schnittmenge ist eine Fiktion. Es ist anmaßend und übergriffig, im Namen einer schweigenden Mehrheit zu argumentieren und für sich zu beanspruchen, zu wissen, was „normal“ ist. In einem modernen, längst internationalen Arbeitsmarkt sind disruptive Berufskarrieren, Brüche im Lebenslauf und unkonventionelle Lebensentwürfe kein Ausdruck von Schwäche, sondern feste Realität. Auch Menschen in diesen Biographien halten das System aufrecht.“

        In seinem Eifer, „disruptive“ Berufskarrieren, „Brüche“ im Lebenslauf und „unkonventionelle“ Lebensentwürfe zu verteidigen, merkt der Autor gar nicht, dass er selber die heutige Welt auf einen neuen Generalnenner bringen will. Wenn er nämlich von einem „modernen, längst internationalen Arbeitsmarkt“ schreibt, will er die Bezeichnung „modern“ nur für einen „internationalen“ Arbeitsmarkt gelten lassen. Da würde man gerne wissen, wo und für welche Menschengruppen solche Weltmärkte der Arbeit bestehen. Man würde auch gerne wissen, wie die „disruptiven Berufskarrieren“ und „Brüche im Lebenslauf“ es schaffen, das System „aufrechtzuerhalten“. Denn der Leserbrief liefert eigentlich nur Negativ-Beschreibungen: „disruptiv“, „Brüche“, „unkonventionell“. Wie daraus eine neue „feste Realität“ werden soll, bleibt ein Rätsel.  

        Hingegen schreibt Jasper von Altenbockum wirklich von einer Festigkeit, wenn er von der Erarbeitung des laufenden Lebensunterhalts und vom Aufbau eines bescheidenen Vermögens berichtet. Von den regelmäßigen Einzahlungen in Rentenkasse, Arbeitslosenversicherung, Kranken- und Pflegekasse und natürlich auch von den regelmäßigen Steuerzahlungen, ohne die es keine gemeinschaftlichen Fonds des Landes gäbe. Von unserem Leserbriefschreiber, der den FAZ-Autor als „politisch gefährlich“ eingestuft sehen will, erfährt man zu der Frage, wie eine Arbeitswelt voller „Brüche“ für die Kontinuität der öffentlichen Kassen sorgen soll, buchstäblich nichts.  

        Ist der Normalo ein „Feind der Freiheit“?

        Statt einer Antwort schaltet der Leserbrief auf ein sehr hehres Ziel um: die Freiheit. Das ist eine interessante Wendung in der Argumentation. Können die gebrochenen Arbeitsbiographien für sich das Ideal der Freiheit in Anspruch nehmen? Führen solche Arbeitsbiographien vielleicht zu einer zukünftigen größeren Freiheit? „Das ist das Gegenteil von liberalem Denken“ hält der zitierte Leserbrief dem FAZ-Autor vor, und fährt dann fort:  

        „Der freiheitliche Eigenantrieb zur Selbstverwirklichung in einem kapitalistischen System ist kein theoretisches Konstrukt, sondern gelebte Praxis. Er treibt Gründer, Kreative und Angestellte gleichermaßen an…Freiheit bedeutet das Gegenteil von Konformitätsdruck. Freiheit ist das absolute Gegenteil von „Normalos“. Wer die Freiheit verteidigen will, muss das Individuum und sein Recht auf Differenz in den Mittelpunkt stellen…“  

        So wird der „Normalo“ also zum Feind der Freiheit erklärt. Die Sache, um die es geht, wird dabei allerdings verschoben. Von dem konkreten Aussteigen aus einer kontinuierlichen Berufsbiographie ist gar nicht mehr die Rede. Der Leserbriefschreiber will auf einmal nur noch etwas von „Konformitätsdruck“ wissen, und vom „Recht des Individuums auf Differenz“. So wird derjenige, der eine kontinuierliche Berufsbiographie und Lebensleistung vorzuweisen hat, ein gefährlicher, die Freiheit bedrohender „Konformist“.

        Die „Option Exit“

        Das, was in dem Leserbrief so pompös als „Recht auf Differenz“ reklamiert wird, ist in Wirklichkeit ein sehr fragwürdiges Recht: das Recht auf jederzeitigen Ausstieg. Ein Grundrecht auf die „Option Exit“ also. Das ist ja tatsächlich heute das Merkmal eines Teils der Arbeits- und Unternehmenswelt. Es gibt unzählige „kreative“ Projekte und Gründungen, denen es aber nicht gelingt, zu dauerhaft tragfähigen Berufstätigkeiten und Unternehmen zu werden. Das Scheitern führt aber nicht dazu, nun wieder einen Normalo-Berufsweg einzuschlagen. Die Aussicht, sich seine Arbeit „selbst erfinden“ zu können, und damit auf einfachem Weg eine Selbstbestätigung zu bekommen, ist zu verlockend. Also wird nochmal die „Neustart“-Taste gedrückt. Bei den nächsten Schwierigkeiten kann man ja wieder die „Option Exit“ wählen. Es ist klar, dass ein ganzes Land nicht nach diesem „Recht auf Differenz“ funktionieren kann. Wenn dort, wo sich die Schwierigkeiten dieser Welt bemerkbar machen, immer die „Option Exit“ gezogen werden kann, kann von Selbstbehauptung nicht die Rede sein.       

        Was Selbstbehauptung von „Selbstverwirklichung“ unterscheidet

        Es ist interessant, welches Motiv der Leserbrief aufbietet. An einer Stelle der oben zitierten Passage heißt es: „Der freiheitliche Eigenantrieb der Selbstverwirklichung“. Das Motiv der Freiheit wird also im Selbstbezug der Menschen gesucht. Ein „Selbst“ soll „sich“ verwirklichen. Doch damit fehlt dem Verwirklichen der Weltbezug, und damit das äußere Motiv, das in der Ära der Moderne einen ganz neuen Umfang bekommt. Es muss aus einer viel größeren Sphäre erwachsen, als es die Sphäre des „Selbst“ ist. Diese größere Sphäre bildet sich in der gegenständlichen Auseinandersetzung mit der Welt. Dieser tätige Bezug auf eine ungleich größere, fremde Macht lässt „Selbstbehauptung“ zu einem viel größeren Unternehmen werden als „Selbstverwirklichung“. Zu einem ständigen, niemals abschließbaren Unternehmen. Wenn es nur um die Verwirklichung des „Selbst“ der Menschen geht, können weder die Wirtschaft noch der Staat die Größe erreichen, die sie in der Ära der Moderne bekommen haben. Diese Größe kann auch nicht dauerhaft gegen die Kräfte des Verfalls behauptet und unter wechselnden Bedingungen reproduziert werden. Da der Begriff „Selbstbehauptung“ auch ein „Selbst“ enthält, kann er vielleicht missverstanden werden. Aber das „Sich-Behaupten“ zielt auf ein fortbestehendes größeres Feld, das weder von den Menschen in Dienst genommen werden kann, noch ihrer Herrschaft unterworfen werden kann. Selbstbehauptung bedeutet, in einer Auseinandersetzung zu bestehen, die man aber nie definitiv beenden kann. Dies Motiv ist darauf abgestellt, immer wieder neue Konfrontationen eingehen zu müssen. Insofern ist es ein dauerhaftes Motiv.  

        Die Würde der „Normalos“

        Die Stärke der „Normalos“ ist nur in dieser Grundkonstellation zu verstehen. Ihr scheinbar bequemes, immergleiches Dasein ist eine jeden Tag aufs Neue erbrachte Leistung unter wechselhaften und oft widrigen Umständen. Die Moral der Normalos erträgt die Größe einer im Grunde fremden, äußeren Welt, weil sie die Fähigkeit hat, der täglichen Auseinandersetzung mit dieser Welt Würde abzugewinnen. Der FAZ-Leitartikel sieht also etwas, das der Leserbrief gar nicht sehen will: Dass nämlich das menschliche „Selbst“ zu endlichen Lebewesen gehört, die einer unendlich viel größeren Macht gegenübergestellt sind, die immer wieder neue Knappheiten, Widrigkeiten, Gefahren und Geheimnisse aufweist. Und die für diese Gegenüberstellung keine „Option Exit“ haben. Die Menschen können nicht existieren, ohne sich der ungleichen Auseinandersetzung mit den übermächtigen äußeren Bedingungen ihrer Existenz zu stellen. Sie müssen sich in die Sphäre begeben, in der diese Konfrontation stattfindet. Sie müssen sich in ihr behaupten. Dazu müssen sie sich an diese äußere Macht und ihre Bedingungen anpassen. Sie müssen sich ihr auch anverwandeln. Das alles bedeutet „Selbstbehauptung“. Der Weltbezug der Menschen bedeutet insofern eine ständige, niemals endende Auseinandersetzung. Aus dieser Auseinandersetzung können aber relativ stabile institutionelle und zivilisatorische Strukturen entstehen. Und die „Normalität“, die sich so im Alltagsleben, am Arbeitsplatz, in Wohnung und Garten, im Straßenverkehr, beim Einkauf, an der Schule, beim Sport, im Nachtleben, auf Reisen bildet, ist nie allein „menschengemacht“. Sie wird immer wieder von neuen „Gegebenheiten“ bestimmt. Das Motiv der Selbstbehauptung ist dem gewachsen, während es für das Motiv „Selbstverwirklichung“ (oder auch „Selbstbestimmung“) in dieser Grundkonstellation gar keinen Raum gibt.

        Was der gegenwärtigen Reformpolitik fehlt

        Der Normalo-Leitartikel in der „Frankfurter Allgemeinen“ ist im Grunde der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der deutschen Krise. Ein Schlüssel auch zu einem tieferen Verständnis, warum die Reformpolitik sich schon wieder festgefahren hat. Der Befund des Leitartikels ist ziemlich klar: Wenn die Leistungen eines Großteils der Deutschen, die das Land „am Laufen halten“, im Lande nicht zählen, ist der Verfall dieses Landes vorprogrammiert. Wenn die Menschen, die dies Am-Laufen-Halten über Jahre und Jahrzehnte geschafft haben, mit Geringschätzung und sogar Verachtung behandelt werden, wird die Bildung einer dauerhaften Mehrheit für eine große Deutschland-Reform bereits im Ansatz verhindert. Die gegenwärtige „Reformdebatte“ hängt völlig in der Luft. Sie ergeht sich in großen Zukunfts-Versprechen, aber sie ist blind für die täglichen Leistungen und Leistungsträger, die schon da sind. Sie will die Menschen mit „Innovationen“, „Zukunftsindustrien“ und einer ganz neuen Prosperität motivieren. Aber das sind im Grunde Ausflüchte, weil man sich das viel realere Normalo-Motiv durch eigene Arroganz verstellt hat. Für die Normalos ist ihr Arbeitsleben Anlass für Stolz. Sie können der Arbeitswelt Würde abgewinnen – und nicht nur dem, was dabei als Ertrag „hinten herauskommt“. Sie sind zu Hause, egal, ob Geduld oder Beschleunigung gefragt ist. Sie können viel unnötiges Gedöns liegen lassen und ein entscheidendes Detail stundenlang mit Genauigkeit und Sorgfalt bearbeiten. Sie müssen ihr Tun nicht unbedingt ins Schaufenster stellen, sondern beeindrucken als stille und sichere Kraft im Land.

        Mit anderen Worten: Sie haben eigentlich alles, was die gegenwärtige Reformpolitik nicht hat.

        Die Lage der Nation

        Die Grundaufstellung unseres Landes, die sich in den vergangenen Jahrzehnten herausgebildet hat, ist nicht mehr haltbar. Nur aus dieser Einsicht kann die Kraft zu einer durchgreifenden Deutschland-Reform geschöpft werden.  

        Die Lage der Nation

        12. Mai 2026

         Der vergangene 8. Mai wird vielleicht einmal in die Geschichtsbücher dieses Landes eingehen. Denn an diesem Tag hat in Deutschland ein politischer Aufstand stattgefunden: Der Bundesrat, die parlamentarische Vertretung der Bundesländer, hat die vom Bundestag beschlossene „1000-Euro-Entlastungsprämie“ zu Fall gebracht. Nicht weil diese Prämie, wie der Name suggerierte, das Land von den gestiegenen Energiekosten entlastete, sondern weil sie die Tätigkeit der Unternehmen und die Tätigkeit des Staates und der öffentlichen Infrastrukturen, insbesondere auch der Kommunen, noch zusätzlich belastete. Die „Entlastungprämie“ war eine plumpe Täuschung: Sie setzte darauf, dass die Bürger nur in ihre Brieftasche schauen, und sich um die Lage der wirtschaftlichen Unternehmen und der staatlichen Institutionen nicht kümmern. Die Täuschung ging nicht auf. Es war nicht schwer, einfach nachzurechnen, dass die in Aussicht gestellte „Steuerbefreiung“ für jede gezahlte Prämie keineswegs die 1000,- Euro ersetzten, sondern nur ein Bruchteil. Die Betriebe der Unternehmen und die Infrastrukturen des Staates, die schon unter extremem Kostendruck standen, wurden zusätzlich belastet. Der schäbige Versuch, den Kostendruck der Bürger auf die Betriebe und Infrastrukturen abzuwälzen, für den sich unseligerweise eine Bundestagsmehrheit fand, wurde durchschaut und scheiterte. Es ist bemerkenswert, dass sich diese Erkenntnis binnen weniger Tage durchsetzte, und dass dann auch nicht erst ein großes Palaver stattfand, sondern ein glattes, kaltes „Nein“ im Bundesrat diesem üblen Spiel ein Ende setzte. War dies ein Akt der Empörung? Sah man große Straßenproteste? Waren hier „Wutbürger“ am Werk? Oh nein, hier wurde etwas Stilleres, aber Gewichtigeres sichtbar: eine tiefe Erbitterung über eine Regierung, die den Ernst der Lage dieses Landes nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Und es wurde auch die politische Konstellation sichtbar, in der sich ein Wandel zum Besseren vollziehen könnte: Nicht Volkstribunen und charismatische Führer waren am Werk, sondern Institutionen, die näher an der Realität gebaut sind, traten Institutionen gegenüber, die offenbar so etwas wie eine zwingende Lage gar nicht kennen.

        Gegebenheiten, die Anpassung erfordern

        Es greift zu kurz, nun in eine Abrechnung mit der Regierung einzutreten und nach der „Schuld“ von bestimmten Personen oder Parteien zu fragen. Weiterführend ist es, beim Ernst der Lage zu verharren und sich näher mit dem zu befassen, was mit dem Begriff der „Lage“ erfasst wird. Und was bei einer Betrachtung der Lage erstmal zurückgestellt werden muss. Wenn ein Bericht zur Lage vorgelegt wird, geht es nicht um das, was erstrebenswert ist. Eine Lage muss „festgestellt“ werden. Von der Lage zu sprechen lohnt sich nur, wenn man sich für die Gegebenheiten interessiert. Gegebenheiten kann man nicht einfach ändern und „überwinden“. Hier ist „Wir schaffen das“ eine dumme Parole. Eine Lage setzt den Zielen Grenzen und zwingt zur Anpassung. In der Affäre um die 1000-Euro-Entlastungsprämie hat sich eine erschreckende Neigung in der deutschen Politik gezeigt: Man will immer gleich mit dem Erstrebenswerten beginnen. Man glaubt, das sei ein Zeichen von „Mut“ und von „Zuversicht“. Viele Reformvorhaben der Regierung werden in Worte gefasst, die „aktivierend“ wirken sollen. Man denke an „Baubooster“, „Gründeroffensive“, „Herbst der Reformen“… Auch ausgesprochen große, weltumspannende Ziele – siehe „Klimarettung“ – können so beschlossen werden, ohne sich mit möglichen Restriktionen durch einen gegebenen Stand der Technik zu befassen. Die „Energiewende“ wurde mit einem Zukunftsdatum versehen („CO2-frei bis 2045“), ohne dass ein Stand der Technik absehbar wäre, der dies Ziel erfüllen könnte, ohne die Zuverlässigkeit oder die Bezahlbarkeit einzubüßen. Bei dieser Wende ist eine bestimmte Lage – ein bestimmter historischer Stand der Produktivität und der Tragleistung von Infrastrukturen – gar nicht ernsthaft berücksichtigt worden. Man kann von einer „aktivistischen“ Grundeinstellung sprechen, bei der sich die neue schwarz-rote Bundesregierung nicht wesentlich von ihrer Vorgänger-Regierung unterscheidet. Und dieser Aktivismus, der Gegebenheiten, die Anpassungen erfordern, systematisch vernachlässigt, ist auch in der Wirtschaft, in der Finanzwelt, im Dienstleistungs-Sektor, in Wissenschaft und Kunst verbreitet. Das kann man beklagen. Doch wichtiger ist, das Gegengewicht zu dieser Tendenz ins Auge zu fassen. Das ist der Ernst der Lage, und glücklicherweise kommt dieser Ernst, ob die Menschen es wollen oder nicht.

        Die Lage tritt wieder in den Vordergrund

        Es gehört zu den Merkmalen unserer Zeit, dass die Veränderungen stärker auf Seiten der Lage stattfinden als auf Seiten des aktiven Eingreifens. Die Restriktionen machen sich stärker bemerkbar als die Reichweite und Wirksamkeit des menschlichen Tuns. Zumindest gilt das für die Weltregionen, die schon vor längerer Zeit in die Ära der Neuzeit eingetreten sind. Bei diesen Ländern könnte das wachsende Gewicht der Restriktionen das ganze 21. Jahrhundert prägen. Jedes Land hat dabei seine spezifischen Ausprägungen. Blicken wir auf Deutschland:

        Ein Bereich, in dem eine neue, restriktivere Lage für Deutschland deutlich spürbar ist, ist die Weltmarktposition der deutschen Wirtschaft. Die starke Export-Orientierung und die hohen Überschüsse, die jahrzehntelang große Verteilungs-Spielräume eröffneten, sind nicht mehr haltbar. Sie kehren auch nicht zurück, weil andere Länder – insbesondere die Schwellenländer – aufgeholt haben. Ob ein solcher Vorsprung sich irgendwann einmal wieder einstellen wird, ist sehr zweifelhaft. Wird dieser Rückgang durch eine stärkere politisch-militärische Rolle kompensiert, eventuell durch ein größeres Gewicht der EU? Dem steht eine multipolaren Welt entgegen, in der das relative Gewicht der europäischen Länder eher abnehmen als zunehmen wird. Man muss also für die Zukunft mit einer Verengung der Spielräume Deutschlands in der Welt rechnen.  

        Aber es gibt auch eine Verengung der Spielräume in der inneren Entwicklung des Landes, die ebenfalls mit allgemeineren, dauerhafteren Veränderungen zusammenhängen. Sie werden also nicht durch eine zu zögerliche oder zerstrittene Politik verursacht. Die Produktivitätszuwächse sinken und die Produktivität geht teilweise sogar zurück. Beobachter sprechen von einer „säkularen Stagnation“. Auf vielen Gebieten gibt es weniger Innovationen und kaum Innovationen, die einen umfassenden Zivilisations-Schub auslösen können. Das gilt für die Produktivität der Betriebe, aber auch für die Leistungsfähigkeit der Infrastrukturen. Obwohl die Digitalisierung schon einige Jahrzehnte läuft, ist ein stärkeres Produktivitätswachstum bisher nicht feststellbar. Hinzukommt, dass sich die Erwartung, durch Dienstleistungen, Kultur und Medien würden sich Felder grenzenlosen Wachstums eröffnen, nicht erfüllt hat. Es hat sich gezeigt, dass „Kreativität“ nicht künstlich beschleunigt werden kann und die Menschen sich ihre Arbeit nicht einfach selber „erfinden“ können. Die Widerspenstigkeit des Fortschritts wird also bleiben und sogar noch stärker die entwickelten Länder dieser Welt, darunter Deutschland, prägen. Das aber bedeutet, dass die Zeiten, in denen eine „gehobene“ Mittelschicht immer weiter wächst, vorbei sind. Deutschland kann es sich nicht mehr leisten, mehr als die Hälfte eines Jahrgangs in höhere Bildungsgänge ohne seriöse berufliche Perspektive zu schicken. Das wird zu einer Anpassung der gegenwärtigen Vorstellungen von einem „gelungenen Leben“ zwingen.

        Die Nation als Bilanzraum

        Diese äußeren und inneren Entwicklungen, die hier nur kurz angedeutet werden können, bedeuten keinen katastrophalen Zusammenbruch und Untergang des Landes. Aber es bedeutet ein neues Gewicht des Gegebenen und daher erhebliche Anpassungszwänge. Das Ausmaß dieser Restriktionen und notwendigen Anpassungen können nicht global bestimmt werden. Die Bedingungen und Entwicklungsstände auf der Erde sind zu unterschiedlich, um zunächst einen weltweiten „Weltplan“ aufzustellen, von dem einzelne Aufgaben für die Länder „abgeleitet“ werden. Andererseits können sie auch nicht von jedem „einzelnen Menschen“ ausgehen, der nur für sich Lage und Anpassungen bestimmt. Eine seriöse Bilanz und ein belastbares Maß der Anpassungen kann nur in jener mittleren Sphäre gezogen werden, in der sich nationale Staaten und Ökonomien bilden. Nur hier gibt es eine Zusammenführung von Faktoren, die sowohl hinreichend allgemeingültig als auch hinreichend spezifisch sind, um die Lage aussagekräftig und vertrauenswürdig zu erfassen. Nur in diesem Rahmen kann auch die Aufgabe gelöst werden, Aussagen und Festlegungen zeitlich zu befristen und immer wieder zu korrigieren. In den modernen Verfassungsstaaten hat sich die gute Tradition ausgebildet, dass – im Zusammenhang mit der Vorlage des Staatshaushalts – die Regierung im Parlament einen Bericht „zur Lage der Nation“ präsentiert. Die Erörterung dieses Berichts und eine Entschließung zum ihm ist das „Königsrecht“ des Parlaments (also der gesetzgebenden Gewalt im Lande). So betrachtet ist die Bezugnahme auf das „Nationale“ in modernen Zeiten nicht die Bekräftigung einer bestimmten völkischen Identität, sondern eine Rechenschaftspflicht über die Lage – die nur in einem bestimmten Bilanzraum und einer bestimmten Bilanzzeit aussagekräftig ist. Nur durch diese institutionelle Begrenzung und Befristung kann beurteilt werden, welche Anpassungen im Land notwendig sind und welche Spielräume es gibt, um Erstrebenswertes zu realisieren.

        Die Kraft zu einer Deutschland-Reform

        Wenn man sich die Schlüsselrolle klarmacht, die eine sorgfältige Feststellung und Erörterung der Lage der Nation hat, wird deutlich, woher die gegenwärtige Reformkrise in Deutschland kommt. Die Reform-Diskussion ist ja völlig zerfahren. Wo es um Anpassungen im Lande geht, fehlt ihr das Zwingende. Immer wieder treten alle möglichen globalen Krisen und ebenso viele globale Hoffnungen dazwischen. Der Kanzler setzt darauf, als „Außenkanzler“ zu punkten und medienwirksam den Eindruck zu erwecken, dass es dem Land hilft, wenn er dort draußen „eine gute Figur“ macht. Zugleich verliert sich die deutsche Politik in allen möglichen Einzelschicksalen. Gewalttaten, Schulversagen, Arbeitsunlust – alles wird psychologisiert. Aber auch die Versuche, positive Zukunftsaussichten zu konkretisieren, kennen nur Einzelheiten: Es werden alle möglichen „mutmachenden“ Projekte und immer neue „Gründer“ präsentiert. Sie werden medial als „Vorbilder“ ins Schaufenster gestellt, ohne dass deren Verallgemeinerbarkeit und deren Lebensfähigkeit aus eigenen Mitteln erwiesen wäre. So wird die mittlere Sphäre, die die Lage einer Nation eigentlich ausmacht, systematisch verfehlt. Hier – bei den Existenzfragen von Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen, Kommunen, Privathaushalten – liegt eigentlich der Hebel, mit dem eine grundlegende Reformpolitik wirklich Druck aufbauen könnte. Für einen kurzen Moment ist dieser Hebel beim „Nein“ des Bundesrats zur „1000-Euro-Entlastungsprämie“ der Bundesregierung sichtbar geworden. Für einen Moment wurde sichtbar, was der Maßstab für wirkliche Reformen ist und was nicht. Nur eine schonungslose Feststellung der sehr begrenzten Möglichkeiten, die die Lage bietet, kann jetzt den notwendigen Druck aufbauen, den eine harte Anpassungs-Reform braucht. Nur eine solche Deutschland-Bilanz kann das heillos zerfahrene Hin und Her zwischen Reformvorschlagen und Reformverwerfen durchkreuzen. Der Lage der Nation entgeht man nicht durch die Beschwörung von „Zukunft“. Gegen ihre Wahrheit gibt es auch keine Brandmauer.

        (erschienen am 16.5.2026 in meiner Kolumne bei „Tichys Einblick online“)

        Hegemonie-Krieg oder Trennungs-Krieg?

        In der Konfrontation, die mit dem Wort „Irankrieg“ umschrieben wird, wirken zwei grundverschiedene politische Beweggründe. Einer davon ist ein guter Grund, der andere ist es nicht. (Das Scheitern der Globalisierung, Teil IV)

        Hegemonie-Krieg oder Trennungs-Krieg?

        25. April 2026

        Der „Irankrieg“ dauert an, und es fällt schwer, sich ein Ende vorzustellen. Es fällt auch schwer, diesen Krieg überhaupt zu beurteilen. Er ist nicht ein völlig sinnloser Krieg, aber es ist ein unklarer Krieg, bei dem nicht zu erkennen ist, an welchem Punkt die gegnerischen Parteien aus dem Krieg wieder herausfinden könnten. Das gilt weniger für die rein militärische Konfrontation, aber umso mehr für die politische Rhetorik mit ihren globalen Zielen und Zerstörungs-Drohungen. Auf diesem Feld ist der Eindruck entstanden, der Krieg müsse mit einem umfassenden Sieg einer Seite ausgehen, und bei dem die andere Seite ihre bisherige Regierungsform und Daseinsweise aufgeben muss. Es müsse also um einen „Regimewechsel“ (auch im weiten, kulturellen Sinn des Begriffs „Regime“) gehen. Zugleich wird der Eindruck erweckt, es gehe hier um eine „neue Weltordnung“, um neue „Großräume“ der Macht, um eine neue Ära der „Geopolitik“. Das ist nicht ganz frei erfunden, denn der Krieg hat schon zu Blockaden und Zerstörungen in einer der wichtigsten Energie-Regionen der Welt geführt. Zugleich stehen sich hier kulturelle Mächte gegenüber, die globale, historische und religiöse Geltungsansprüche erheben. Der Iran und seine Außenposten treten als Vertreter des einzig wahren Islam auf. Der US-Präsident versteigt sich zu der Drohung, im Iran die Zivilisation „in die Steinzeit zu bomben“. Andere Stimmen wollen Israel die Rolle eines „Hegemons im Nahen Osten“ nahelegen. Namhafte europäische Regierungschefs gehen mit der Losung „Nicht unser Krieg“ auf Distanz zum Kriegsgeschehen, um aber dann „nach Ende der Kriegshandlungen“ die Führungsrolle bei Schiffskonvois durch die Meerenge von Hormus für sich zu beanspruchen.

        Man kann also mit Recht feststellen, dass mit dem Phänomen „Irankrieg“ die verschiedensten Ansprüche auf Vorherrschaft aufmarschiert sind. Insofern findet hier ein hegemonialer Krieg statt. 

        Ein Krieg, der auf Koexistenz gerichtet ist

        Doch damit ist das Phänomen „Irankrieg“ nicht vollständig beschrieben. Man sollte sich durch die politische Rhetorik nicht zu sehr beeindrucken lassen. Die Realitäten dieses Krieges müssen keineswegs zwangsläufig auf das Besetzen von Territorien und das Fabrizieren von Hegemonien hinauslaufen. Es gibt nicht nur vielfältige Abstufungen und Kompromisslinien militärischer Einsätze, sondern der Krieg kann auch ganz andere Ziele und Wesenszüge haben. Er kann auf das Brechen von Blockaden und Erpressungsversuchen zielen – und damit auf ein stabiles Nebeneinander von Staaten, deren Eigenständigkeit nicht in Frage gestellt wird, sondern verteidigt wird. So scheint sich der „Irankrieg“ immer stärker auf die Meerenge von Hormus zu konzentrieren. Er kann sich damit auf eine stabile Koexistenz aller Anrainerstaaten und auf die Durchsetzung der freien Befahrbarkeit des persischen Golfs für den internationalen Schiffsverkehr konzentrieren. Die Freiheit der Passage durch diese Meerenge ist für die Versorgung vieler Weltregionen mit Erdöl und Erdgas unverzichtbar. Eine Koexistenz-Lösung an dieser Stelle ist dringend notwendig und im Eigeninteresse aller Beteiligten. Allerdings hatten sich die Dinge in der Vergangenheit nicht in diese Richtung entwickelt. Die Nuklear- und Raketen-Aufrüstung der Teheraner Regierung und die Radikalisierung der mit ihr verbündeten Revolutionskräfte in anderen Ländern (Hizbollah, Hamas und Huthi) zielte unübersehbar auf eine gewaltsame Umwälzung der Verhältnisse im Nahen Osten. Zugleich bekam dieser Krieg durch den Versuch des Iran, die Erdöl- und Erdgas-Wirtschaft der Region zu beschädigen und zu blockieren, den Charakter einer weltweiten Erpressung. Viele Länder, darunter entwickelte Regionen der Weltwirtschaft, Schwellenländer und Entwicklungsländer wurden in ihrer Energiegrundlage, aber auch in ihrer Nahrungsmittel-Produktion bedroht und erpresst. Zum anderen ist die absolute Vernichtungs-Markierung, die vom Iran gegen Israel vorgenommen wird, ein Anschlag auf die Völkergemeinschaft als Ganzes. Niemand kann davon ausgehen, dass sich diese Vernichtungsdrohung von selbst erledigen wird.        

        Insofern war eine massive militärische Operation geboten. Aber der Zweck und das Ausmaß dieser Operation musste und muss sich an dem Ziel eines stabilen Nebeneinanders orientieren. Er muss die Verbindungen zertrennen, die zu Hebeln der Erpressung geworden sind. Es geht also um einen Trennungs-Krieg, und er muss als solcher nicht nur militärisch, sondern auch politisch geführt werden.

        Ein Krieg, in dem zwei Kriege vermischt sind

        In der Beurteilung des „Irankrieges“ kommt es also auf eine Unterscheidung an, denn dieser Krieg besteht im Grunde aus zwei Kriegen: einem Hegemonie-Krieg und einem Trennungskrieg. Als Hegemonie-Krieg ist er ein gefährlicher Irrweg und bringt große, sinnlose Zerstörungen und Opfer. Als Trennungs-Krieg ist er notwendig und wegweisend für eine Koexistenz-Ordnung in einer multipolaren Welt.

        Im Iran-Krieg ist es keineswegs so, dass der Hegemonie-Krieg nur von Seiten des Iran geführt wird, während die USA gegen die hegemoniale Versuchung immun wären. Bei einer Kriegspartei, die über große Waffensysteme verfügt und damit über größere Entfernungen eine Überlegenheit der See- und Luftstreitkräfte herstellen kann, gibt es eine hegemoniale Versuchung. Aber zur militärischen Vernunft gehört auch, dass man eine dauerhafte Hegemonie nur durch Bodentruppen herstellen kann. Das aber ist militärisch ungleich schwerer. Und politisch ist es, in der modernen Ära mit ihrer territorialstaatlich begründeten Ordnung und Legitimation, kurzsichtig und kann zum Gegenteil von politischer Stabilität führen. Das gehört durchaus zum Erfahrungsschatz moderner Großmächte. Deshalb ist es verfehlt, den USA und überhaupt den Großmächten unserer Gegenwart eine gesetzmäßige Tendenz zu hegemonialen Kriegen zu unterstellen.     

        Die heilsame Wirkung des „Überdehnungsproblems“

        Es gibt auch systematische Gründe dafür, dass Hegemonial-Kriege an Bedeutung verlieren. Dabei spielt das sogenannte „Überdehnungsproblem“ eine Rolle: Je weiter ein Herrschaftsgebiet ausgedehnt wird, desto mehr wachsen die Widrigkeiten, die plötzlichen Ereignisse, die undurchschaubaren Entwicklungen. Eine hegemoniale Macht muss auf vielen verschiedenen Schauplätzen präsent sein. Die Aufgabe des Herrschens wird überkomplex. So ist es in letzter Instanz der Raum, der zum Gegengewicht der Macht wird. Dies Gegengewicht, das mit der zunehmenden Komplexität der Welt in der Ära der Moderne zusammenhängt, führte schon in früheren Jahrhunderten zu einer tendenziellen Auflösung der großen Reiche. In unserer Gegenwart hat es dazu geführt, dass die USA, die man im Gefolge der Ereignisse von 1989 noch als „einzig verbliebene Supermacht“ gesehen hat, inzwischen einen deutlichen Rückzug aus dieser Rolle vollzogen haben. Es darf auch bezweifelt werden, ob andere Mächte – also etwa Russland oder China – wirklich zu hegemonialen Weltmächten werden können. Die Welt ist dafür „zu groß“ geworden, und das Überdehnungsproblem besteht für jeden der „großen Drei“.

        Die Lösung der Hormus-Blockade als Prüfstein

        Aber führt das nicht nur zu einem endlosen Zustand gefährliche Instabilität? Das wäre der Fall, wenn die hohen Ansprüche an expansive Lösungen fortbestehen würden, und nur ihre „Umsetzung“ scheitert. Wenn aber die Staaten ihrer inneren Entwicklung Vorrang einräumen, wenn dadurch die Außenpolitik und Außenwirtschaft nicht mehr so sehr über Sein oder Nicht-Sein entscheidet, wie das die  „Globalisierung“ suggerierte, ändert sich die gesamte Konstellation. Es entsteht die Möglichkeit zu einer dauerhaften Koexistenz, die sich an einzelnen, sensiblen Punkten zu Allianzen zusammenfinden kann. Die Erfahrung der Irankrise könnte dazu beitragen. Es ist offensichtlich, dass diese Krise weltweite Folgen hat, bei denen keine der drei Großmächte USA, Russland, China im Alleingang viel gewinnen kann. Eher können sie aufgrund ihrer Übersicht und Reichweite das Interesse entwickeln, diesen Krisenherd gemeinsam aus der Welt zu schaffen. Ansätze dazu gibt es: Im Ringen um die Meerenge von Hormus sind andere Mächte schon offiziell oder inoffiziell beteiligt. Es wäre durchaus denkbar und eigentlich naheliegend, dass die drei Großmächte sich an dieser Stelle gemeinsam zu Garantiemächten des freien Seeverkehrs formieren. In der alten Logik „West gegen Ost“ oder „Süd gegen Nord“ ist diese Krise jedenfalls nicht zu lösen. Sie wäre viel zu sehr mit weitergehenden Gestaltungs-Ansprüchen und Ideologien belastet – und daher auch mit gegenseitigem Misstrauen. Eine Wiederbelebung der alten „Geopolitik“ wäre viel zu sehr mit dem machtpolitischen Fabrizieren von Großräumen beschäftigt. Sie würde viel zu viel hegemonialen Ballast mit sich führen.

        Eine kleine Veränderung vor Ort, ein großer Schritt für die Weltordnung

        Eine Allianz der „großen Drei“ müsste auf diesen Ballast verzichten, weil sie sich auf eine begrenzte Aufgabe bezieht, deren Lösung aber für eine große Zahl von Ländern und Regionen dieser Welt von Bedeutung ist. Eine solche Allianz braucht keine bombastischen Friedenserklärungen, sie muss an dieser sensiblen Nahtstelle der Welt nur ganz prosaisch für Ordnung zu sorgen. Es gibt begründete Zweifel, ob die Iran-Krise in der Gegenüberstellung USA – Iran lösbar ist. Und diese Zweifel wachsen, je mehr die massenmediale Darstellung sich in der täglichen Wiederholung des Duells „USA gegen Iran“ erschöpft. Das Grundproblem ist, dass es dieser Zweierbeziehung an konstruktiver Autorität fehlt. Die USA sind eine zu einseitige Großmacht, um eine Koexistenz in dieser Region glaubhaft garantieren zu können. Genauer: Um sie alleine garantieren können. Ganz unabhängig von der Person des US-Präsidenten sind die USA alleine nicht repräsentativ für die verschiedene Kräfte der heutigen Welt. Ein Zweckbündnis der „großen Drei“ wäre gewiss nicht in dem Sinne repräsentativ, dass damit alle Nationen dieser Welt beteiligt wären. Aber es wäre ein deutliches Zeichen, dass aus sehr unterschiedlichen Positionen und Entwicklungslinien dieser Welt eine Blockade gelöst wird.

        Der Ukraine-Krieg und der Prüfstein „Donbass“

        Es gibt in der heutigen Welt noch eine andere sensible Nahtstelle, an der ein ähnlich schlechte Vermischung von Hegemonie-Krieg und Trennungs-Krieg besteht. Diese Situation wird durch fundamentale Feindbilder und weitreichende Bedrohungsszenarien angeheizt und hat zu einem nicht enden wollenden, opferreichen Kriegszustand geführt. Die Rede ist vom Krieg in der Ukraine. Auch hier gibt es weitverzweigte Interventionen mit Geld und Waffen, mit Angriffen, Anschlägen und See-Blockaden gegen Öl- und Gas-Förderanlagen, Raffinerien, Pipelines und Schiffstransporte. Und zugleich hat sich das Kriegsgeschehen im engeren territorialen Sinn eigentlich auf eine bestimmte Grenzfrage reduziert: die Grenze zwischen der Kiewer Neu-Ukraine, die sich im Gefolge der sogenannten „Maidan-Revolution“ mit ausschließlich westlicher Einbindung gebildet hat, und den Provinzen des traditionell russischen Donbass, die diese einseitige Westbindung nicht mittragen wollen und können.     

        Es geht hier nicht einfach um Machtpolitik, sondern um eine Rechtsfrage: Was ist in dem Fall, dass ein revolutionärer Umsturz die Vereinseitigung eines Landes durchsetzt, das Recht der ausgeschlossenen Seite? Wo bleibt sein Existenzrecht, wenn ihm die wirtschaftliche, infrastrukturelle und ethnisch-kulturelle Grundlage entzogen ist? In der Jugoslawien-Krise hat man auf den serbischen Versuch einer Vereinseitigung des Landes mit dem Recht auf Lostrennung geantwortet. Und man hat die Lostrennungen diplomatisch und militärisch durchgesetzt. Heute hat sich die Trennung so weit entwickelt, dass man auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens nicht mehr erwarten kann, dass es in absehbarer Zeit wieder zur Bildung eines Gemeinschaftsstaates kommen wird. Doch dies Recht auf Trennung muss nun auch für das Gebiet der ehemaligen Ukraine gelten. Die Trennung ist die einzig realistische, völkerrechtlich verallgemeinerbare Lösung.

        Die Ansprüche, die Kiew auf den Donbass erhebt, und die immer noch von einer Mehrheit europäische Länder politisch, militärisch und finanziell massiv unterstützt werden, sind einseitige hegemoniale Ansprüche. Gewiss gibt es auch in Russland Stimmen, die auf die Wiederherstellung eines großrussischen Reichs hoffen, zu dem dann die ganze Ukraine gehören würde. Das wäre nur eine umgekehrte Vereinseitigung. Aber solche hegemonialen Träume und Feindbilder dürfen für die internationale Politik gar nicht maßgeblich sein. Es gibt solche Träume ja auch im Nahen Osten. Doch dürfen sie auch dort nicht als Hindernis für konkrete Lösungen im Persischen Golf ins Feld geführt werden. Auf beiden Schauplätzen muss man die großen hegemonialen Erzählungen und Feindbilder ausklammern.  

        Kein Ende des Iran-Krieges ohne Beendigung des Ukraine-Krieges

        Es ist ein wichtiger Fortschritt, dass sich in der US-Regierung die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass in der Ukraine eine Koexistenz-Lösung mit Russland gesucht werden muss und gefunden werden kann. Dass die USA angesichts der Blockade im Persischen Golf ihre See-Blockade gegen russische Öl- und Gas-Exporte vorläufig aufgehoben haben, ist ebenfalls ein richtiger Schritt. Es wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um überhaupt die Aufrüstung der Kiewer Regierung zu beenden – angesichts der völligen Rücksichtslosigkeit, mit der diese Regierung jetzt einen Krieg gegen den russischen Beitrag zum Weltmarkt für Erdöl, Erdgas und Düngemittel führt und einmal mehr zum Erpresser wird. Wenn die US-Regierung jetzt zeigt, dass sie aus der Konfrontation mit Russland in der Ukraine aussteigt, kann sie glaubhaft machen, dass ihre Politik wirklich die Fähigkeit hat, Kriege zu beenden. Das könnte auch die Neigung der Großmächte Russland und China erhöhen, zusammen mit den USA als Garantiemächte eines freien Schiffsverkehrs im Persischen Golf zu fungieren.  

        An dieser Stelle wird deutlich, dass eine Lösung des Iran-Kriegs und eine Lösung des Ukraine-Kriegs enger zusammenhängen, als es auf den ersten Blick scheint. Wer ein glaubwürdiger Garant für die freie Durchfahrt durch die Meerenge von Hormus sein will, muss seine Unterstützung für den Kiewer Krieg gegen den russischen Donbass beenden. Wer eine Koexistenz-Lösung am Persischen Golf anstrebt, muss sich in der Ukraine von Rollback-Ansprüchen trennen, die zu Unrecht aus den Ereignissen von 1989 abgeleitet wurden und die – in Europa vielleicht noch mehr als in den USA – weiterhin gepflegt werden. Zugespitzt könnte man sagen: Es gibt kein Ende des Iran-Krieges ohne ein Ende des Ukraine-Krieges.  

        Eine grenzenlos offene Welt führt zu einer verengten Welt

        Die Jahrzehnte der Globalisierung haben die Welt nicht größer, freier und friedlicher gemacht, sondern einen Universalismus des gegenseitigen Misstrauens und Hegemoniestrebens entstehen lassen (Das Scheitern der Globalisierung, Teil III)

        Eine grenzenlos offene Welt führt zu einer verengten Welt

        10. März 2026

        Wenn es so etwas gibt, wie eine vorherrschende Meinung zum Gang der Welt, so ist sie in den vergangenen Jahren radikal umgeschlagen. Wurde bisher eine zunehmende Gemeinschaftlichkeit der Welt erwartet, so werden jetzt überall Gefahren, Bedrohungen und Feindschaften gesehen. Und es scheint nichts mehr zu geben, das diesen Gefahren gewachsen ist. Die Globalisierung erscheint nun als ein ständiger Belagerungszustand. So ist aus der offenen Welt ist eine enge Welt geworden. 

        Ein Bericht des Instituts für Demoskopie Allensbach über die Meinungsentwicklung in Deutschland zur Weltlage und den internationalen Beziehungen (publiziert in der FAZ vom 2.3.2026) bestätigt diesen Stimmungsumschwung. Zum Zeitpunkt der Allensbach-Umfrage hatte der Iran-Krieg noch nicht begonnen, inzwischen wird sich der Umschwung noch verstärkt haben. Die FAZ-Überschrift lautet „Eine Welt aus den Fugen“. Im FAZ-Artikel heißt es: „Die Umfragen des Instituts für Demographie Allensbach der letzten Jahre zeigen deutlich, bei wie vielen Menschen das Gefühl verloren gegangen ist, festen Grund unter den Füßen zu haben.“ Eine Frage des Allensbacher Instituts lautete: „Würden Sie sagen, die Weltlage ist sehr schwierig, es gibt zu viele bedrohliche Krisen in der Welt. Oder ist die Weltlage nicht so schwierig und bedrohlich?“ 90 Prozent der Befragten antworteten, sie hielten die Weltlage für sehr schwierig. Das waren neun Prozentpunkte mehr als vor neun Jahren, und 19 Prozentpunkte mehr als vor 18 Jahren. Eine andere Frage lautete: „Halten Sie das Leben jetzt in unserer Zeit für gefährlicher, als es noch vor 20 bis 30 Jahren war, oder für weniger gefährlich als damals, oder hat sich da nicht viel verändert?“ In der jetzigen Umfrage sagten 72 Prozent der Befragten, das Leben sei heute gefährlicher. Im Jahre 2011 waren nur 49 Prozent dieser Ansicht.

        Der Verlust aller festen Bestände

        Diese gestiegene Unsicherheit ist nicht nur ein psychologisches Problem. Wenn die Menschen von einem „Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren“ sprechen, geht es nicht nur um eine Veränderung der gefühlten Welt, sondern um eine veränderte äußere Realität. Die Unsicherheiten der heutigen Weltlage sind schon da – ganz unabhängig vom Willen und Bewusstsein der Menschen. Offenbar sind die Lösungen, die von den Regierenden in dieser Lage angeboten werden, nicht geeignet, eine vertrauenswürdige Stabilität herzustellen. Vom Bundeskanzler ist zu hören, dass Deutschland „die Sprache der Machtpolitik“ lernen müsse. Das Ganze wird erstaunlich salopp dahergesagt – als ob es keinen hohen Preis zu zahlen gibt, wenn nur noch eine krude „Macht“ das Maß aller Dinge ist. Man hört in diesen Tagen viel von der Fähigkeit zur (militärischen) „Abschreckung“. Aber wenn das der einzige Stoff ist, der die Welt zusammenhält, kommen keine größeren und dauerhaften Bindungen mehr zustande – weder bei Investitionsentscheidungen für Produktionsbetriebe und öffentliche Infrastrukturen, noch bei Entscheidungen für ein Berufsleben oder für die Generationenfolge einer Familie. Diese Schwäche kündigte sich schon in der vorhergehenden Phase der Globalisierung an. In ihrer „offenen Welt“ löste sich bereits alles Statische in immer mehr in „Ströme“ auf: in Verkehrsströme, in Informationsströme, in Migrationsströme und so weiter. Und jetzt zeigt sich, was das Endprodukt dieser Endwicklung ist: Die ursprünglich faszinierenden Ströme haben sich auf unheimliche Weise in einen zerstörerischen, gewalttätigen Strom verwandelt.  Es gibt keine verlässlichen Bestände mehr. Selbst mit einer immer höheren Verschuldung gelingt es nicht, gelingt es nicht, das bestehende materielle und geistige Niveau zu halten. Das Land kann sich nicht gegen die Macht der Erosion zu behaupten. Und das ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern eine alltägliche, vielfältige Erfahrung, die sich nicht mehr wegdiskutieren lässt.  

        Die verführerische Leichtigkeit der Globalisierung

        Dabei hatte die Globalisierung eigentlich mit einem rosigen Zukunftsversprechen begonnen. Die globalisierte Welt sollteeine „offene“ Landschaft sein, die sich friedlich-einladend vor der ganzen Menschheit ausbreitete, und die für jeden einzelnen Menschen erreichbar sein sollte. Das hatte etwas Verführerisches. „Modern sein“ schien zu bedeuten, dass man sich eine ganz neue Zukunft erfinden könnte, die sich von der Vergangenheit so radikal unterschied, dass man alles Bestehende frohgemut zum alten Eisen werfen konnte. So konnte die Erzählung von der „Großen Transformation“ in einem beträchtlichen Teil der Welt – in dem es eigentlich bedeutende historische Errungenschaften gab – für bare Münze genommen werden und in erstaunlich kurzer Zeit zur dominierenden Macht aufsteigen.

        Um einen Eindruck von dieser verführerischen Erleichterung der Welt zu vermitteln, soll hier aus einem Buch zitiert werden, das in den USA im Jahr 2007 erschienen ist. Die deutsche Übersetzung erschien 2008 unter dem Titel “Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts“. Der Autor, Thomas L. Friedman, ist Kolumnist der New York Times, und „einer der weltweit angesehensten Journalisten“, wie der Klappentext des Buchs verrät. Wir notieren am Rande, dass es unter den Millionen Journalisten, die es weltweit gibt, offenbar möglich ist, den Titel eines „weltweit angesehensten Journalisten“ zu bekommen. Und wir notieren auch, dass man nicht Historiker oder Geograph sein muss, um eine „kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts“ zu schreiben und mit der These „Die Welt ist flach“ auch eine sehr „kurze“ Version der Erdgeographie zu vertreten. Friedman schreibt zum Titel seines Buches in der Einleitung:

        „Meiner Erfahrung nach hilft die einfache Vorstellung von einer flachen Welt, eine Vorstellung davon zu vermitteln, dass sich heute mehr Menschen als je zuvor einschalten und vernetzen, dass sie konkurrieren, kommunizieren und kooperieren können, und zwar gleichberechtigt.“

        Und ein paar Sätze weiter heißt es in der Einleitung:

        „Mein Thema sind Kräfte der einebnenden `Angleichung´, die dem einzelnen so weitreichende Möglichkeiten der Beteiligung geben wie nie zuvor, und zwar schnell, nachhaltig und kostengünstig. Diese Einebnung von Macht- und Möglichkeitshierarchien ist eine Folge davon, dass eine große Zahl von Menschen heute die Mittel und Fähigkeiten besitzt, miteinander zu kommunizieren, zu konkurrieren und kooperieren. Meiner Ansicht nach ist diese Einebnung des Spielfelds das zentrale Ereignis der Gegenwart.“       

        Man sieht hier, worin die verführerische Leichtigkeit besteht, mit der die Globalisierung gestartet ist. Und wie die These von der „einebnenden Angleichung“ eine urbane Mittelschicht anspricht, die es gewohnt ist, „kommunikativ“ im weitesten Sinne tätig zu sein und dabei mit Hilfe der elektronischen Medien und Netzwerken weltweit unterwegs zu sein.

        Aber wir wissen auch, dass dies globale Spielfeld alles andere als „flach“ ist: Es weist ein extremes Gefälle zwischen Sendern und Empfängern, Beeinflussern und Beeinflussten. Und sie weist eine ausgesprochen steile, dünne Spitze von dominanten Plattformen und Tech-Giganten aus.

        Die Selektivität des „Mainstream“

        Mainstream“ bedeutet in wörtlicher Übersetzung „Hauptstrom“, und tatsächlich bildet sich in einer Welt, die sich Ströme aufgelöst hat, so etwas wie ein dominierender Strom. Die globalisierte Welt umfasst auf der einen Seite eine unvorstellbare Menge von Informationen, von denen viele sich auch in rascher Veränderung befinden. Diese Menge ist als solche auf Friedmans „Spielfeld“ gar nicht darstellbar und erst recht nicht von den Empfängern aufnehmbar. Es muss also eine extreme Selektion geschehen – eine Hierarchisierung von Informationen, ohne dass deren Kriterien von irgendeiner Stelle aus transparent werden können. Selbst diejenigen, die eine Information an prominenter Stelle platzieren, wissen keineswegs, wen oder was sie im gleichen Moment verdrängen. Es regiert oft nur eine vage Sympathie oder Antipathie. Zum Teil ist es ein willkürliches „Setzen“ einer Information und ihrer Interpretation, zum Teil ist es ein „Folgen“, das sich dem Auffälligen und Aufdringlichen opportunistisch anpasst. So entsteht eine „Hauptströmung“, die keinen festen, transparenten Kriterien folgt, die aber auch keine übergreifende Ideologie braucht. So erklärt sich, dass zum Beispiel einzelne Unglücke oder Skandale in den Vordergrund treten. Oder es werden „positive Beispiele“ und „wohlmeinende Stimmen auf der Straße“ herausgesucht. Ohne dass die Repräsentativität oder sachliche Relevanz irgendwie gesichert wäre. Das gleiche gilt für die Frage, welches Thema in einer Sendung an erster, zweiter oder letzter Stelle steht. Jede „Tageschau“ und jedes durchlaufende „Meldungsband“ bei Nachrichtensendern ein Dokument dieser extremen und zugleich blinden Hierarchiebildung in einer globalisierten Welt. mit ihrem wabernden „Hauptstrom“

        Man muss dabei im Augen haben, dass die Globalisierung nicht nur aus Informationsströmen besteht und in kommunikativen Netzwerken geschieht. Die Globalisierung der Welt bedeutet nicht nur, dass eine unendlich große Menge von Informationen in einen Topf geworfen werden, und dann die oben beschriebene blinde Hierarchiebildung zu einem wabernden „Mainstream“ stattfindet. Das gleiche geschieht bei Gütern, Dienstleistungen, Finanzen, Rechtsnormen und natürlich auch bei den Menschen mit ihren Eigenschaften und Rollen.

        Die Unterscheidungen der klassischen Moderne

        Wenn man sich das klar macht, ergibt sich ganz von selbst die Frage: Wie hat man die vielen Dinge, die ja auch schon vorher – zumindest in modernen Zeiten – „unendlich viele“ waren, eigentlich früher bewältigt? Und da stößt man auf etwas, was früher da war, und was durch den Versuch mit dem „Globalisieren“ ausgeschaltet hat: Früher gab es fundamentale Unterscheidungen, die zu jeweils spezifischen Institutionen und getrennten Ordnungsbereichen führten. Eine dieser fundamentalen Unterscheidungen war die Trennung von Staat und Wirtschaft. Und eine zweite war die Trennung von Inneren Angelegenheiten und äußeren Angelegenheiten von „Ländern“ – also von souveränen territorialen Grundeinheiten. Es würde hier zu weit führen, das nun ausführlich darzustellen. Aber zwei Tatsachen sind hier wichtig: Erstens bedeutet „Globalisieren“, dass sowohl die Unterscheidung zwischen Staat und Wirtschaft als auch die Unterscheidung zwischen „Innen“ und „Außen“ ausgeschaltet wird. Beide Ausschaltungen sind geschichtlich parallel erfolgt. Es ist bezeichnend, dass in dem Buch „Die Welt ist flach“ Phänomene beschrieben werden, die Staat und Wirtschaft gewissermaßen „überfliegen“. Zweitens ist die Globalisierung nicht zur Macht gekommen, weil sich die beiden Unterscheidungen der klassischen Moderne in einer Krise befunden hätten oder gar gescheitert wären. Die Krisen des 19. Und 20. Jahrhunderts sind ihm Rahmen der klassischen Ordnung der Moderne überwunden worden. Das gilt insbesondere auch für eine Weltordnung, die auf der Souveränität territorial verfasster Nationalstaaten beruhte, und die nach dem 2. Weltkrieg in der Charta der Vereinten Nationen ihren Ausdruck fand.

        Die Stabilität der Weltordnung beruht auf der Souveränität ihrer Staaten

        Im Artikel 2 der Charta heißt es im Absatz 2: „Die Organisation beruht auf dem Grundsatz der souveränen Gleichheit aller ihrer Mitglieder“. Der Grundsatz der „souveränen Gleichheit“ ist eine bedeutende Errungenschaft. Es gibt eine deutliche Unterscheidung zwischen den inneren und äußeren Angelegenheiten der Staaten und Volkswirtschaften. Die Souveränität schafft einen Innenraum, der vor Einmischung von außen geschützt ist. Die Gleichheit schafft einen Außenraum der Koexistenz, der die Freiheit zur Kooperation bietet, und der zugleich Übergriffe und Vormundschaften ausschließt. Das hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Koexistenz von sehr gegensätzlichen politischen und wirtschaftlichen Doktrinen und Systemen ermöglicht. Auch von sehr unterschiedlichen Entwicklungswegen und Entwicklungsständen. So konnten auf dieser Grundlage die zahlreichen jungen Staaten, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts von kolonialen Abhängigkeiten befreiten und ihre Unabhängigkeit erklärten, in der klassisch modernen Weltordnung ihren Platz werden. 

        Die Entwertung der souveränen Grundbausteine

        Doch im Zuge der Globalisierung wurden nun die bisherigen Träger der Weltordnung entwertet und entmachtet. Im Völkerrecht fand eine substanzielle Gewichtsverschiebung statt.

        Zum einen rückten „Weltgüter“ und „Weltprojekte“ in den Vordergrund. Im Namen von gemeinsamen Ziel-Definitionen von „Klimaschutz“ oder „kultureller Vielfalt“ wurden den einzelnen Staaten Verpflichtungen auferlegt, die mit Kontrollen und Sanktionen verbunden sein waren. Zum anderen wurde das Völkerrecht individualisiert. Die einzelnen Menschen wurden Rechtssubjekte und konnte diese Rechte gegenüber den Staaten geltend machen. Dazu gehörte zum Beispiel ein universelles Recht jedes Menschen auf gesundheitliche Versorgung oder auf eine zuverlässige Wasserversorgung. Auch ein Grundrecht auf Migration wurde installiert. Damit wurden völkerrechtliche Ansprüche in die Welt gesetzt, die auf die staatlichen und wirtschaftlichen Mittel und Entwicklungsstände der Mitgliedsländer keine Rücksicht nahmen. Diese globalisierende Erweiterung der Rechtsansprüche führte nicht zu einer stabileren Weltordnung, sondern zu einer Art Schwebezustand unerfüllter und unerfüllbarer Ansprüche. Alles musste immer wieder neu ausgehandelt werden. Nichts genügte mehr. Die abwertende Dynamik der „Großen Transformation“ zerstörte die Aufmerksamkeit und den gegenseitigen Respekt, die die Koexistenz souveräner Staaten früher ausgezeichnet hatte. Und dann war die Globalisierung so weit gediehen, dass neue „Weltfeinde“ beschworen wurden und „Erbfeindschaften“ wiederbelebt wurden. Im Zuge der sogenannten „Zeitenwende“ wurde eine neue Weltordnung der Konfrontation verkündet – der Konfrontation zwischen „Autokratien“ und „Demokratien“. Russland wurde zum Inbegriff des Bösen, mit dem eine Koexistenz nun völlig unvorstellbar schien. Die „Zeitenwende“ bedeutete, dass eine neue Weltordnung nur auf der eigenen Stärke und der Schwäche des gefährlichen Anderen beruhen kann. Mit einem Wort: Es kann nur eine Weltordnung der Hegemonien geben. Und da solche Hegemonien nicht stabil sind, läuft es auf ein dauerndes, rastloses Hegemoniestreben hinaus. Solange die Weltordnung der Globalisierung noch nicht überwunden ist, kann es kein neues Vertrauen entstehen und das Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben, wird nicht geringer werden.    

        Man kann die heutige Zeit als eine Zeit beschreiben, in der die Faszination der Globalisierung schon stark erschüttert ist, aber in der ihre Mechanismen und Vorstellungen noch weiterwirken. Und in der auch die Alternative einer territorialen Weltordnung noch nicht ganz klar ist. Welche älteren zivilisatorischen und institutionellen Entwicklungslinien sind weiterhin wirksam, damit ihre Ordnungskraft wiederentdeckt und rehabilitiert werden kann. Es wird noch einen längeren Zeitraum geben, in dem hegemoniale und territoriale Ordnungselemente nebeneinander bestehen und miteinander um Einfluss ringen werden. Nichts ist schon entschieden.   

        Auf der Suche nach der verlorenen Stabilität

        Die Globalisierung hat zu einer haltlosen Welt geführt, weil sie keine verantwortungsfähigen Träger bieten kann. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA ist eine richtungsweisende Korrektur. (Das Scheitern der Globalisierung, Teil II) 

        Auf der Suche nach der verlorenen Stabilität

        20. Februar 2026

        Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass in dem Land, das vor kurzem noch als einzig verbleibende Supermacht in der Ära der Globalisierung galt, nun eine Regierungsmehrheit entstanden ist, die von diesem Anspruch Abstand nimmt. Die USA betonen wieder stärker den Unterschied zwischen ihren inneren und äußeren Angelegenheiten, und sie räumen der inneren Sanierung und Entwicklung Priorität vor der Außenpolitik und Außenwirtschaft ein. Damit ist ja die Schieflage berührt, die mit der Globalisierung entstanden war: Dass die Staaten ihr Heil in einer Verstärkung der wirtschaftlichen und politischen Außenbeziehungen suchen. Und dass sie glauben, das Problem der Überdehnung von Geltungs- und Machtansprüchen ignorieren zu können. Deshalb soll hier ein Dokument näher betrachtet werden, in dem wirklich eine Linie der Korrektur formuliert wird: die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA. 

        Die neue „Nationale Sicherheitsstrategie“ der USA

        Im Dezember 2025 präsentierte die US-Regierung eine neue „Nationale Sicherheitsstrategie“. Es geht hier also um eine Veränderung bei der Großmacht, die gestärkt und als „Sieger“ aus den Ereignissen von 1989 hervorzugehen schien. Die neue Nationale Sicherheitsstrategie bricht mit dieser Deutung. Schon vorher gab es in der amerikanischen Politik einige Anzeichen für ein wachsendes Unbehagen in der Rolle des Welthegemons. Mit der neuen Sicherheitsstrategie wird mit dieser nun ausdrücklich gebrochen. In dem publizierten Text heißt es:

        „Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die Eliten der amerikanischen Außenpolitik davon überzeugt, dass eine dauernde Vorherrschaft der USA über die ganze Welt im besten Interesse unseres Landes sei…Die Angelegenheiten anderer Länder gehen uns jedoch nur dann etwas an, wenn ihre Aktivitäten unsere Interessen direkt bedrohen.“ 

        (zitiert aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 9.12.2025, wo auch längeren Passagen aus dem Europa-Kapitel der Strategie publiziert wurden)

        Was „strategische Stabilisierung“ für das Verhältnis der USA zu Russland und zu Europa bedeutet  

        Die internationalen Interessen der USA werden also enger definiert. Zugleich wird mit dem Wort „strategische Stabilisierung“ ein Leitbegriff für die Ordnung einer Welt eingeführt, deren multipolarer Charakter nun anerkannt wird. Es ist ein schwächerer Begriff als „strategische Partnerschaft“. Der Stabilisierungs-Begriff findet insbesondere Anwendung im Verhältnis zu Russland, zu Europa und zum eurasischen Raum insgesamt.

        „Die Gestaltung der europäischen Beziehungen zu Russland wird erhebliches diplomatisches Engagement der USA erfordern, sowohl zur Wiederherstellung von Bedingungen strategischer Stabilität im eurasischen Raum als auch zur Verringerung eines Konflikts zwischen Russland und europäischen Staaten. Es ist ein Kerninteresse der Vereinigten Staaten, eine zügige Beendigung der Feindseligkeiten in der Ukraine zu verhandeln, um die europäischen Volkswirtschaften zu stabilisieren, eine unbeabsichtigte Eskalation oder Ausweitung des Krieges zu verhindern, die strategische Stabilität mit Russland wiederherzustellen und den Wiederaufbau der Ukraine nach den Kampfhandlungen zu ermöglichen, sodass sie als funktionsfähiger Staat überleben kann.“

        Die US-Regierung sieht einen zivilisatorischen Niedergang Europas

        Im Europa-Kapitel des Dokuments wird ein gravierender Bedeutungsverlust und fundamentaler Niedergang diagnostiziert. Damit wird nicht ein neues „Feindbild Europa“ entworfen, sondern eher einer Sorge Ausdruck verliehen:

        „Kontinentaleuropa hat an seinem Anteil am weltweiten BIP verloren – von 25 Prozent im Jahr 1990 auf 14 Prozent heute -, teilweise aufgrund nationaler und transnationaler Regulierungen, die Kreativität und Fleiß untergraben. Der wirtschaftliche Niedergang wird jedoch von der realen und noch düsteren Aussicht auf den zivilisatorischen Untergang überschattet…Wir wollen, dass Europa europäisch bleibt, sein zivilisatorisches Selbstbewusstsein wiedererlangt und seine fehlgeleitete Fokussierung auf überbordende Regulierung aufgibt.“

        Auf der Prioritätenliste für die Europa-Politik lauten die drei ersten Punkte:

        • „Die Voraussetzungen für Stabilität in Europa und für strategische Stabilität im Verhältnis zu Russland wiederherstellen.“
        • „Europa in die Lage versetzen, auf eigenen Füßen zu stehen und als Verband gleichgesinnter souveräner Nationen zu handeln, einschließlich der Übernahme der Hauptverantwortung für seine eigene Verteidigung, ohne von einer generischen Macht dominiert zu werden.“
        • „Den Widerstand gegen den derzeitigen Kurs Europas innerhalb der europäischen Staaten stärken.“

        Die hier zitierten Textabschnitte belegen, dass die neue Sicherheitsstrategie keineswegs das Ziel verfolgt, ein schwaches und abhängiges Europa herbeizuführen. Eher ist es ein Aufruf an die Staaten Europas, ihr „zivilisatorisches Selbstbewusstsein“ wiederentdecken. Es wird aber auch deutlich, dass die US-Regierung nicht glaubt, dass dies Selbstbewusstsein dadurch gefördert wird, dass in Europa eine Russland-Feindschaft aufgebaut wird.  

        Keine Selbstbehauptung ohne Rückzug

        Insgesamt ist die neue Sicherheitsstrategie ein Dokument des Rückzugs der USA von einer globalen Interventionspolitik. Sie fasst die Sicherheitsinteressen der USA enger, auch wenn es übertrieben wäre, das als „Isolationismus“ zu bezeichnen. In dem Dokument gibt es nicht mehr die großen Feindbilder und antagonistischen Vorherrschaftskämpfe, wie man sie in Deutschland oder seitens der EU – zum Beispiel unter dem Titel „Demokratie gegen Autokratie“ – noch beschwört. Vielmehr zeichnet sich in der US-Sicherheitsstrategie eine Ordnung der Welt ab, in der territorial verfasste, selbstverantwortliche Nationalstaaten die Träger sind. Dabei sind große Unterschiede in den politischen, wirtschaftlichen und zivilisatorischen Grundlagen der Länder kein Hindernis. Das gilt auch für Unterschiede in Gewicht und Reichweite der außenpolitischen Verbindungen. Entscheidend ist, dass die Unterschiede nicht eine Koexistenz ausschließen. Dass sie eine „strategische Stabilisierung“ ermöglichen, wie die Formulierung der US-Regierung es formuliert. Eine solche Formulierung setzt ja die Erwartung voraus, dass auch die Großmächte Russland und China gute Gründe für eine Stabilisierung haben, die nicht bloß ein Zwischenspiel ist.         

        Kein Rückzug ohne Selbstbehauptung

        Es geht um die Möglichkeit einer Welt, in der nicht der Zwang zu einer Wahl zwischen „Hegemonie oder Abhängigkeit“ besteht. Diese Möglichkeit besteht dauerhaft nur dann, wenn es in der modernen Welt tiefere Gründe für einen Vorrang der Binnenentwicklung der einzelnen Staaten und Volkswirtschaften gibt. Dass also Entwicklungsprobleme nicht dadurch gelöst werden können, dass vorrangig auf die Außenbeziehungen gesetzt wird. Dass eine Auslagerung der Probleme also nicht weiterhilft.  Ein Primat der Binnenentwicklung bedeutet nicht, dass es keine Außenbeziehungen mehr gibt. Es bedeutet nur, dass den Entwicklungsproblemen eines Landes nicht ausgewichen wird, indem man die Schuld auf mächtige äußere Feinde schiebt oder sie äußeren „guten Mächten“ überlässt. Ein solcher Vorrang der Binnenentwicklung ist in der heutigen Welt keine Frage des Willens und der Haltung. Vielmehr gibt es reale Triebkräfte in diese Richtung: Der Problemexport, der mit der Globalisierung verbunden war, hat große Lücken in der Binnenentwicklung der USA hinterlassen, die deren Fähigkeit der Selbstbehauptung erheblich geschwächt haben. Ähnliches lässt sich auch für einzelne europäische Staaten sagen, insbesondere für die etwas größeren Staaten, die lange Zeit auf Globalisierungs-Dividenden hofften und dafür auf eine zunehmende Machtkonzentration bei der EU setzten. Die Lücken in der Binnenentwicklung der einzelnen Staaten, die dabei entstanden sind, werden nun immer deutlicher. Auch in Europa gibt es also gute Gründe, dass die Selbstbehauptung und Selbstverantwortung der einzelnen Staaten wieder in den Vordergrund treten. 

        „Feindbild Europa“ oder „Feindbild USA“?

        Zwei Monate nach der Publikation der Sicherheitsstrategie versetzte die „Grönland-Affäre“ die Öffentlichkeit in Alarmzustand. Am 16.2.2026 konnte man im Kommentar auf der Titelseite der „Frankfurter Allgemeinen“ folgende Sätze lesen: „Trumps militärische Drohung gegen Dänemark war so ein Schritt über den Rubikon. Seither kann sich keiner der Verbündeten noch sicher sein, dass Amerika nicht eines Tages vom Beschützer zum Angreifer wird.“ Das ist eigentlich eine ungeheuerliche Aussage. Die USA sollen fähig und willens sein, einen Angriffskrieg gegen Europa zu führen. Was für eine Wende in der Wahrnehmung der Welt: Aus dem Hoffnungsbild eines globalen Zusammenwachsens ist nun das Schreckensgemälde eines überall lauernden kriegerischen Zusammenstoßens geworden. Alte Freunde werden im Handumdrehen zum Gegenstand finsterster Verdächtigungen. Und es sind nicht die Amerikaner, die ein „Feindbild Europa“ entwickelt haben, sondern die Europäer, die nun offenbar bei einem „Feindbild USA“ angekommen sind.

        Das neue Feindbild: die Großmächte 

        Nach „Putins Russland“ ist nun auch „Trumps Amerika“ in Europa zum Inbegriff des Bösen geworden. Doch im Namen welcher Weltordnung wird dies Urteil eigentlich gefällt? (Das Scheitern der Globalisierung, Teil 1)

        Das neue Feindbild: die Großmächte 

        28. Januar 2026

        Seit einiger Zeit zeichnet sich in der Weltpolitik und in der Weltökonomie eine neue Konstellation ab. Wir wissen nicht genau, wie diese Konstellation aussehen wird, und in wieweit es gelingen wird, zu einer stabilisierenden Ordnung dieser Konstellation zu kommen. Sicher ist, dass die große Erzählung von einer sich immer weiter angleichenden und demokratisierenden „Globalisierung“ und von einem „Sieg des Westens“ nicht haltbar ist. In der heutigen multipolaren Welt nehmen die Unterschiede zu. Nun gibt es das gängige Vorurteil, dass eine solche Welt zwangsläufig eine Welt verschärfter Konfrontationen sein muss. Dass bei jedem Konflikt ein „Flächenbrand“ droht. Und dass zu solchen Eskalationen besonders die Großmächte neigen.   

        Doch genau das gilt für die neue Konstellation nicht. Und auch der Generalverdacht gegen die Großmächte scheint nicht den Tatsachen gerecht zu werden. Dort, wo diese Mächte gegenwärtig ihr großes militärisches Potential einsetzen, zielt das offenbar nicht auf Eroberung von Territorien, sondern auf die Errichtung von realistischen und haltbaren Grenzen. Das gilt für die Ukraine, wo Russland die Versuche Kiews im Namen der Maidan-Revolution, alles Russische aus der Ukraine zu vertreiben, zunichte machen konnte und nun eine Abtretung von Teilgebieten und eine stabile Grenze gegen weitere Versuche eines Roll Back durchsetzen kann. Das gilt auch für das Bündnis der USA mit Israel, das sich gegen einen beginnenden Angriffskrieg, der den Gazastreifen als Aufmarschgebiet benutzte, erfolgreich abwehren konnte und nun dem weiteren Missbrauch des Gazastreifens vorbauen kann. Aber in beiden Konflikten haben militärische Erfolge weder Russland noch die USA dazu verführt, ihre Kriegsziele zu erweitern. Russland agiert innerhalb einer Perspektive der Koexistenz mit Europa, die USA und Israel agieren innerhalb einer Perspektive der Koexistenz mit der arabisch-islamischen Welt.  

        Das bedeutet, dass die Welt nach dem Ende der großen Erzählung vom globalen „Immer-enger-vereint“ nicht in neue Eroberungskriege stürzt, sondern vielmehr um stabile Trennungslinien ringt. Auf dieser Basis scheinen sich die Großmächte – so zeigen es die USA und Russland – leichter verständigen zu können als manche mittleren und kleinen Mächte. Könnte es also sein, dass die Großmächte unserer Gegenwart einen weiteren Blick haben? Dass sie um die Grenzen ihrer Macht wissen, weil sie in ihrer jüngeren Geschichte die Gefahren einer Überdehnung ihres Einflussgebiets kennengelernt haben? Auch tiefere geographische Gründe können gerade große Territorialstaaten dazu veranlassen, eher auf ihre Binnenentwicklung zu setzen als auf ihre weitere Expansion. Es liegt ihnen näher, sich den anspruchsvollen Aufgaben im eigenen Land zuzuwenden, als ihr Heil in einer Ausdehnung ihrer äußeren Angelegenheiten zu suchen.

        Doch zur Wahrheit gehört auch, dass dies keine völlig eindeutigen Tendenzen sind. Die historische Chance, dass die multipolare Welt jetzt zu einer Weltordnung der stabilen Koexistenz entwickelt, kann verpasst werden. Umso wichtiger ist es, diese Chance möglichst klar zu erfassen Dabei geht es nicht darum, das Ziel der Koexistenz in den schönsten Farben auszumalen, sondern die realen Faktoren herauszuarbeiten, die in diese Richtung wirken. Und es geht auch darum, dem Ressentiment entgegenzutreten, das dem Feindbild der Großmächte zugrunde liegt.    

        Die Großmächte als Feindbild

        Am 25.1.2026 erschien die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit einer Titelseite, auf der die dramatische Überschrift „Der Zerreißer“ prangte. Im Untertitel war zu lesen: „Donald Trump hat die Bande Amerikas zu Europa gekappt. Das ist eine zweite Zeitenwende. Doch die Europäer müssen nicht auf der Speisekarte der rivalisierenden Großmächte landen, wenn sie sich besinnen.“  So hat die Frankfurter Allgemeine also nach „Putins Russland“ einen zweiten Großfeind der Menschheit entdeckt: „Trumps Amerika“. Der Autor, Berthold Kohler, ist nicht irgendwer, sondern einer der Herausgeber der FAZ. Und die Beschwörung einer Lage, in der „wir“ von zwei Großfeinden umgeben sind, entspricht durchaus einer verbreiteten Stimmung in Deutschland und Europa. Es geht dabei nicht nur um zwei einzelne Großmächte, sondern es wird ein generelles Vorurteil gegen alles „Große“ mobilisiert. Wenn nämlich von einer „zweiten Zeitenwende“ und von einer „Speisekarte der rivalisierenden Großmächte“ die Rede ist, ist eine neue Weltordnung gemeint, die von Mächten beherrscht wird, die überall auf der Welt auf Gebiete zugreifen. Kohler zeichnet ein Weltgemälde der Willkür:

        „Im kalten Krieg hatte Amerika Moskau davon abhalten wollen und können, die rote Linie in Europa zu überschreiten. Nun aber führt Russland seit vier Jahren in Europa einen Eroberungskrieg, der unter dem Motto stehen könnte „Make Russia great again“. Doch statt den russischen Imperialismus durch eine kompromisslose Unterstützung der Ukrainer aufzuhalten, gesteht Trump Putin das Recht zu, das er schließlich auch für Amerika in Anspruch nimmt: das Recht auf eine Einflusszone, in der nur der Wille der jeweiligen Großmacht zählt. Trumps Griff nach Grönland entspringt keinem anderen Geist als Putins Traum von Großrussland.“

        Der Autor konstruiert hier das Bild eines gemeinsamen imperialistischen Grundcharakters der beiden Großmächte USA und Russland, den er an anderer Stelle auch in China erkannt haben will. Und dann bekommt die Anklage des Leitartikels eine bedeutsame Steigerung: Europa wird zum Ziel und Opfer der amerikanischen Großmacht-Politik erklärt. „Trumps Amerika“ ziele darauf, sich Europa gefügig zu machen und in Abhängigkeit zu bringen – so, wie auch „Putins Russland“ im Grunde auf die Zerstörung der Eigenständigkeit Europas ziele. So geht das mit dem neuen Feindbild „Großmacht“: In seinem Eifer kann der Autor nicht zwischen einer US-Kritik, die aus Sorge über den Niedergang Europas geäußert wird, und einer Feindschaft, die diesen Niedergang Europas herbeiführen will, unterscheiden. So aber ist es. Aus dem Text der US-Regierung zu ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (Das Kapitel „Europa“ ist dankenswerter Weise in der FAZ vom 9.12.2025 dokumentiert) geht das Motiv der Sorge deutlich hervor. Wie leicht wird das hier vom Tisch gewischt! Wie wichtig wäre da mehr Sorgfalt und Ruhe im Urteil. Und sollte bei dieser Gelegenheit nicht auch noch einmal prüfen, ob das Feindbild „Russland“ nicht ebenso verfehlt ist?

        Große Mächte sind komplexe Gebilde

        Das Weltbild, das die heutigen Großmächte unter Generalverdacht stellt, ist ein sehr plattes Weltbild. Die Russische Föderation und die Vereinigten Staaten von Amerika werden beide als bloße Willensgeschöpfe von „Putin“ oder „Trump“ präsentiert. Es sind eben „Autokratien“, soll man über Russland und die USA denken. Auch China wird so zum Willensgeschöpf „von Xi“. Und schon ist eine Schwarz-Weiß-Welt „Autokratie gegen Demokratie“ konstruiert. „Sie“ stehen auf der Seite des Bösen, während „wir“ die Seite des Guten für uns haben.   

        Aber die großen Länder dieser Welt sind sehr komplexe Gebilde und stellen hohe Anforderungen an die Regierungskunst. Raum ist nicht einfach ein Verbündeter der Macht, sondern oft ein widerständiger Gegenpart. Seit einiger Zeit haben sowohl Russland als auch die USA die Erfahrung machen müssen, dass ihre Macht begrenzt ist. Beide sind bei ihren Versuchen, eine weltweite Politik des „regime change“ zu betreiben, gescheitert. Beide haben die Erfahrung gemacht, dass sich auch angebliche „Supermächte“ in eine territoriale Ordnung der Welt fügen müssen. Man kann also davon ausgehen, dass das Wissen über die Gefahr einer „Überdehnung“ der Macht heute zur Staatsräson der Großmächte gehört. Das bedeutet, dass sie in der heutigen Weltlage nicht mehr mit Eroberungsfragen beschäftigt sind, sondern mit Trennungsfragen. Das gilt für das Verhältnis zwischen den Großmächten, aber auch für das Verhältnis der Großmächte zu mittleren Mächten. Statt willkürlicher Grenzverletzungen geht es um haltbare Grenzen, die den Gegebenheiten Rechnung tragen. Nach dem Ende der großen Globalisierungs-Erzählung ist die neue Aufmerksamkeit für Trennungsfragen eine Voraussetzung für das Entstehen eine Weltordnung stabiler Koexistenz.

        Trennungsaufgaben (1): Die Ukraine-Krise

        In dem oben zitierten Leitartikel-Passage schreibt Berthold Kohler von der „roten Linie“, die die USA nach dem zweiten Weltkrieg in Europa gegen einen kommunistischen Vormarsch zogen – um dann zu behaupten, in der Ukraine wäre „Putins Russland“ nun erneut zum Vormarsch angetreten. Dabei übergeht er, dass es jetzt um eine ganz andere rote Linie geht, die auf Kosten Russlands weit nach Osten verlagert wurde. Diese Verlagerung geschah im Gefolge der Umwälzungen von 1989, die zu einem historischen „Sieg des Westens“ überhöht wurden und damit zur Legitimation eines immer weitergehenden „roll back“ und „regime change“ im Osten benutzt wurden. Es war eine Zeit, in der die USA sich als einzige verbleibende Supermacht sahen und vom Überdehnungsproblem nichts wissen wollten. Das ging so weit, dass in der Ukraine im Gefolge der sogenannten „Maidan-Revolution“ eine gewaltsame Austreibung aller russischen Elemente stattfand. Die Antwort war die militärische Intervention Russlands. Das war eigentlich als Akt der Selbstbehauptung durchaus plausibel. Es musste keineswegs bedeuten, dass mit dieser Intervention ein russischer Eroberungsfeldzug gen Westen begonnen hatte. Aber für diejenigen, die den Vormarsch des Westens als Normalität und ihr „Völkerrecht“ ansahen, war das ein „russischer Angriffskrieg“. Und dann malte man gleich noch eine maximale Bedrohung an die Wand: Russland sei angetreten, um ganz Europa zu erobern. Mit diesem Feindbild konnte völlig verdrängt werden, dass seit der Vertreibung alles Russischen durch die Maidan-Revolution eine Bringeschuld der Ukraine besteht. Diese Zerstörung einer tragenden Säule der alten Ukraine kann keineswegs hingenommen werden. Aber da offenbar eine Wiederherstellung einer Koexistenz der „westlichen“ und der „russischen“ Seite innerhalb der heutigen Ukraine nicht möglich ist, kann die Lösung nur in einer Trennung bestehen und diese muss territorial gesichert sein: durch einen Anschluss der Gebiete an Russland, die sich dem Zerstörungswerk der Majdan-Revolutionäre widersetzt haben. Ohne eine solche Grenzverschiebung wurde die Ukraine das Schandmal behalten, nur ein Produkt westlicher Roll-back-Politik zu sein. Und offenbar sieht die neue US-Regierung, die einen Abschied von einer expansiven Weltpolitik angekündigt hat, hier einen Prüfstein ihrer Glaubwürdigkeit. Leider scheint ein solcher Abschied in Europa nicht die Politik zu bestimmen. Die sogenannte „Koalition der Willigen“ scheint Europas Rolle dadurch profilieren zu wollen, dass man – verbal und finanziell – zur Kriegsverlängerung beiträgt.

        Trennungsaufgaben (2): Die Grönland-Krise

        Berthold Kohler führt „Trumps Griff nach Grönland“ als Beleg für den imperialistischen Geist an, der sowohl Russland als auch die USA kennzeichnet. Zu dieser Besetzungs-Story gehört, dass das idyllische Bild einer Insel gezeichnet wird, die mit spärlicher Besiedlung und lokalen Aktivitäten bisher ein friedliches Dasein abseits aller größeren Interessen pflegte. Und dies Stückchen Erde und Eis namens Grönland will Trump sich also unter den Nagel reißen? Nichts an diesem Bild ist wahr. Es ändert sich sofort, wenn man den Blick auf die Gesamtregion der Arktis erweitert. Denn dann wird Grönland als Teil einer Weltregion sichtbar, die – auch begünstigt durch Klimaveränderungen – zunehmend für die Handelsschifffahrt, für Militärstützpunkte und Kriegsschiffe, für Rohstoff-Gewinnung und Naturschutz-Gebiete interessant wird. Am 26.1.2026 brachte der Nachrichtensender „ntv“ einen britischen Film aus dem Jahr 2024 unter dem Titel „Aufrüstung in der Arktis – Wettkampf der Großmächte“. Der deutsche Titel ist etwas reißerisch, aber der Film ist interessant: Weltpolitik, Weltwirtschaft und Weltzivilisation sind in der Region schon am Werk. Grönland, in durchaus strategischer Lage, ist darauf unter dänischer Verwaltung offenbar schlecht vorbereitet. Dänemark hat auch nicht die erforderlichen Mittel, um bei der anstehenden dynamischen Entwicklung mitzuhalten. Die Grönland-Initiative der USA zielt offenbar darauf, dass hier kein Machtvakuum entsteht und zu einseitigen Ansprüchen und Übergriffen einlädt. Die Aufgabe besteht also nicht darin, die gesamte Arktis-Region für den Westen zu erobern, sondern die Voraussetzungen für eine Koexistenz verschiedener Akteure zu schaffen. In der FAZ vom 26.1.2026 kann man nachlesen, dass eine Lösung gefunden wurde, die den USA Stützpunkte auf Grönland zusichert. Aber man kann dort auch lesen, dass es Frankreich und Deutschland waren, die ihre bewaffneten „Erkundungsteams“ auf Grönland landen ließen, ohne auf eine Absprache in den NATO-Gremien zu warten. So demonstrierten sie vor aller Welt, zu welchen Alleingängen das Feindbild USA manche Regierung in Europa treibt – ohne dass diese Regierungen ernsthaft die Mittel und die Willenskraft haben, um in der Arktis Russland und China Paroli zu bieten.

        Trennungsaufgaben (3): Die Palästina-Krise

        In dem hier zitierten Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gibt es eine merkwürdige Leerstelle: Israel und der Angriff auf seine Existenz, der unter Berufung auf „Palästina“ vor unseren Augen stattfindet, wird an keiner Stelle erwähnt. Dabei ist das der Brennpunkt in der Welt, in der sich die USA seit dem Machtwechsel zu Trump am stärksten engagiert und exponiert haben. Sie sind in ihrem festen Beistand für Israel auch nicht dadurch abhalten lassen, dass mit jedem neuen militärischen Schritt der israelischen Regierung im Gazastreifen der Chor der Bedenkenträger in Europa immer lauter wurde. Inzwischen sind die Ankläger wieder stiller geworden. Denn es hat sich herausgestellt, dass an diesem Brennpunkt nur eine massive militärische Antwort den monströsen Anspruch, im Namen „Palästinas“ das israelische Volk von der Landkarte des Nahen Ostens zu wischen, abgewehrt werden kann. Dieser Anspruch ist nicht koexistenzfähig – erst recht nicht, wenn man ihm den Status eines eigenen Staates verleiht. Aber die Existenz eines wehrhaften Staates Israel ist sehr wohl koexistenzfähig mit der arabisch-islamischen Staatenwelt. Da liegt die Trennungsaufgabe: Die arabisch-islamische Welt darf ihr Schicksal nicht weiter an den Mythos „Palästina“ binden. Warum schweigt Berthold Kohler zur Israel-Politik von „Trumps Amerika“? Weil diese Politik nicht in sein Feindbild passt? Oder hält er diese Israel-Politik auch für „imperialistisch“ – und traut sich jetzt nur nicht, das in seinem Leitartikel zu schreiben?

        Der blinde Fleck der „Machtpolitik“

        Wenn man die Aufgaben in den hier angeführten drei Krisen also genauer betrachtet, erscheinen die Positionen der neuen USA-Politik, aber auch die Positionen Russlands durchaus plausibel. Aber wenn die sogenannte „Zeitenwende“ als Wende zu einem neuen „Imperialismus“ gedeutet wird, bedeutet das: Jede Ordnung verflüssigt sich und in der Welt gilt nur noch das Recht des Stärkeren. Damit wird die gegebene multipolare Welt nicht geordnet, sondern in einen ständigen Alarmzustand versetzt. Doch bei dieser Deutung ist eine sehr krude Vorstellung von Macht am Werk. Die Ungleichheiten der multipolaren Welt sollen zu einem simplen Entweder-Oder führen: entweder „Sieg oder Niederlage“. Der Sieg führt zur absoluten Herrschaft, die Niederlage in die vollständige Abhängigkeit. Diese Vorstellung ist verheerend, weil sie die Welt unter ein Zwangsgesetz stellt, das alle zum Großen und Größten treibt. Nur wer zu den Großen gehört, kann sich selbst behaupten. Und nur, wer unter den Großen dann die Position des Größten erringt, ist sicher vor Knechtschaft. Diese Vorstellung ist zugleich naiv, weil sie keine Ahnung davon hat, dass es in dieser Welt viele Dinge gibt, die nur im kleinen Maßstab zu erschließen und zu bearbeiten sind. Genauso wie es bei der Unternehmensgrößen je nach Branche und Produkt sehr unterschiedliche typische Größenverteilungen gibt, die in der Sache und nicht in der Macht begründet sind, so gilt das auch für Staaten. Deshalb gibt es mittlere und sogar kleine Staaten, die sich sehr gut neben großen Staaten behaupten. Und es liegt durchaus im Eigeninteresse der großen Staaten, sich diese Staaten nicht einzuverleiben. Es gibt ganze Weltregionen, in denen es keine Tendenz zum Großstaat gibt – da können die Verkehrs- und Kommunikations-Verbindungen noch so weiträumig sein. Es gibt eben viele andere moderne Dinge, für die es sehr umständlich wäre, sie mit „Größe“ zu bearbeiten. 

        „Europa“ als alternative Großmacht?

        In dem zitierten Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen kommen solche Erwägungen nicht vor. Deshalb gibt es hier nur eine Lösung: Europa muss sich seinerseits zu einer Großmacht formieren. Kohler schreibt:

        „Zu sehr haben sich die Europäer, und hier insbesondere Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und technologisch von Mächten abhängig gemacht, die nicht zögern, diese Abhängigkeiten zu nutzen, um politischen Druck auszuüben. Zu diesem Kreis zählt nun auch Trumps Amerika, weswegen es berechtigt ist, von der zweiten Zeitenwende zu sprechen. Zu wenig haben sich die in der EU versammelten Europäer bisher darum bemüht, aus ihrer Vereinigung eine Macht zu machen, die Trump, Putin und Xi Paroli bieten könnte… Doch Europa hat es immer noch in der Hand, ob es einer von vielen Bällen im `great game´ zwischen Amerika, China und Russland sein will oder ein Mitspieler, den man nicht ignorieren oder gar erpressen kann. Nur dann kann Europa auch ein Anwalt der regelbasierten Ordnung sein und ein Partner für alle in der Welt, die sich nicht der Herrschaft der jeweils nächsten Großmacht unterwerfen wollen.“  

        Die Möglichkeit einer Weltordnung, in der die unterschiedlichsten Staatengrößen ihren Platz zur Selbstbehauptung und Koexistenz finden, kommt hier gar nicht vor. Stattdessen wird ein utopisches Traumbild „Europa“ entworfen, das alles in einem ist: Morgens ist man eine zentralisierte Großmacht, die den anderen Großmächten „Paroli bietet“. Und am Nachmittag lädt man die ganze Welt zur Party ein. Beides natürlich ganz „regelbasiert“…

        An dieser Stelle müssen wir die Auseinandersetzung mit dem Feindbild „Großmächte“ verlassen. Stattdessen muss es konstruktiv um die Suche nach einer tragfähigen Ordnung in einer multipolaren Welt gehen. Dabei darf die Tatsache nicht ignoriert werden, dass die multipolare Welt kein Nebeneinander von Gleichen ist, sondern unvermeidlich fundamentale Ungleichgewichte und Asymmetrien enthält. Es geht also darum, die Frage nach einer angemessenen Ordnung wirklich als offene Frage zu stellen und unterschiedliche Antworten nicht von vornherein nach Gut und Böse zu sortieren.

        Die Motivationskrise 

        Warum findet Deutschland nicht aus der Krise heraus? Weil es dauerhaft mit härteren Bedingungen konfrontiert ist, die mit dem Streben nach „Wohlstand“ nicht zu bewältigen sind. Das Land braucht ein stärkeres Motiv.

        Die Motivationskrise 

        19. Dezember 2025

        Am Ende des Jahres 2025 kann eine redliche Bilanz der Regierungstätigkeit nur verheerend ausfallen. Der neue Kanzler war mit dem doppelten Versprechen gestartet, schon in den ersten 100 Tagen eine fühlbare Wende im Land herbeizuführen und dabei nicht vom trügerischen Mittel zusätzlicher Staatsschulden Gebrauch zu machen. Doch dann griff seine Koalition aus CDU/CSU und SPD zu einer beispiellosen Neuverschuldung, während das 100 Tage-Versprechen sich nicht einmal ansatzweise erfüllte. So nahm die Regierung Zuflucht zu einem neuen Versprechen: Ein „Herbst der Reformen“ wurde angekündigt. Doch der Herbst ging ins Land und größere Reformen wurden nicht beschlossen. Dabei waren die Substanzverluste in Wirtschaft und Staat nicht mehr zu übersehen und wurden immer bedrohlicher. Die versprochene „Wende“ rückte in eine immer weitere Ferne. Und die Regierung, die sich als „Macher“ hatte wählen lassen, predigte nun die Tugend der „Geduld“. Die in Aussicht gestellte ganz neue „Zukunft“ verlor jede Verbindung mit der Gegenwart dieses Landes. Schon am 17. Oktober war in einem Leitartikel der FAZ unter der Überschrift „Etwas ist faul“ zu lesen: „Die Koalition ist mit dem Anspruch angetreten, den Realitäten ins Auge zu blicken. Wo tut sie das?“ Und im Dezember zeigte dann das beschlossene „Rentenpaket“, dass diese Regierung sogar das glatte Gegenteil einer Sanierung des Landes betreibt. Das beschlossene Paket schreibt unfinanzierbare Versorgungsansprüche auf viele Jahre weiter fort. Es folgt also dem Kurs, der schon beim Start der neuen Regierung mit der gigantischen Neuverschuldung eingeschlagen wurde. Diese Schuldenpolitik suggeriert eine falsche Leichtigkeit: Es erweckt den Eindruck, das Land könne sich harte Einschnitte ersparen, weil da irgendwo eine großzügigere Zeit wartete, die ein großes neues Wachstum bereithielt, aus dem nicht nur die alten Schulden, sondern auch neue Wohlstandsgewinne finanziert werden könne. So seien die Schulden im Grunde nur eine Brücke in diese Zukunft. Auf dieser rein spekulativen Grundlage zog der Bundeskanzler auf einer Pressekonferenz am 11.Dezember folgende Bilanz: „Wir beschließen ein arbeitsintensives und erfolgreiches Jahr 2025“. Man kann sich mit Recht über die Dreistigkeit einer solchen Schönfärbung der eigenen Bilanz empören. Aber man kann sie auch in einen größeren Rahmen stellen und als Offenbarung einer fundamentalen Leerstelle verstehen: In diesem Lande regiert ein fundamentales Unvermögen, den Ernst der Lage wahrzunehmen und diesem Ernst gerecht zu werden.  

        Die Tabuzonen der Politik

        Das bedeutet freilich, dass man sich nicht zu lange bei der „Regierungskritik“ oder „Kanzlerkritik“ aufhalten sollte. Denn aus dieser Kritik sind gar keine näheren Erkenntnisse über den Ernst der Lage des Landes und über die Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind, zu gewinnen. Das ganze Land muss seine Erwartungen verändern und trotzdem seine Aktivität bewahren. Es muss also die Motive seines Handelns überprüfen. Sind sie ausreichend, um den härteren Realitäten, mit denen sich Wirtschaft und Staat konfrontiert sehen, gewachsen zu sein? Deshalb soll hier der Satz „In diesem Land regiert ein fundamentales Unvermögen“ so verstanden werden, dass es in Deutschland (und Europa) ein Motivationsproblemgibt. Das wird deutlich, wenn man den Streit um die Lösung der Rentenkrise näher betrachtet: In diesem Streit gab es ein großes, nie wirklich ausgesprochenes Tabu: Spürbare Einschnitte in die Rentenhöhe darf es in Deutschland nicht geben – koste es, was es wolle. Die absehbaren, großen Kostensteigerungen sollten durch neue Schulden, neue Lasten für die Steuerzahler und zusätzliche Beitragszahler aus der aktiven Bevölkerung bewältigt werden. Die Kritiker dieses Plans führten die zukünftigen Engpässe für die junge Generation an, aber damit kam gleich ein zweites Tabu ins Spiel: Denn diese jüngere Generation hält sich im Durchschnitt viel länger als frühere Generationen im Bildungssystem oder bei allen möglichen „Selbstverwirklichungen“ auf, bevor sie eine Berufstätigkeit in Vollzeit aufnimmt – wenn sie es denn überhaupt tut. Auch hier ist ein Wohlstands-Anspruch im Spiel, der unübersehbar den Ernst der Lage verschärft. Für die Zukunft dieses Landes ist dieser Anspruch nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Auch hier bei der jüngeren Generation müssten schon jetzt müssten spürbare Einschnitte vorgenommen werden. Aber der Irrsinn, dass für mehr als die Hälfte eines Jahrgangs höhere Bildungsgänge eröffnet werden, die sie den dringend benötigten Facharbeiter-Tätigkeiten entfremden, ist ein absolutes politisches Tabu in der „Bildungsrepublik“ Deutschland.  

        Die Krise des Wohlstands-Motivs

        Wichtig ist bei diesen Tabus, dass sie ein Indiz für eine Motivationskrise sind. Das Motiv des Wohlstands oder des „guten Lebens“ ist in Konflikt mit dem Motiv der Arbeit und der Bewährung im Berufsleben geraten. Ein solcher Konflikt kann eine Zeit lang im Gleichgewicht gehalten werden („work-life-balance“), aber das ändert sich, wenn eine Situation eintritt, die durch neue und dauerhafte Knappheiten und Widrigkeiten geprägt ist. Dann treten beide Motive – das Wohlstands-Motiv und das Arbeits-Motiv – in einen Konflikt. Das Wohlstandsmotiv reicht nicht mehr aus, um Arbeit zu motivieren. Es kann dann dazu kommen, dass eine Gesellschaft in eine niederdrückende Passivität verfällt. Die Wohlstandserwartungen reichen nicht, um sich auf ein stabiles Berufsleben einzulassen. Dann kann und muss man von einer Motivationskrise sprechen. Tatsächlich gibt es heute in Deutschland und anderen „entwickelten“ Ländern Anzeichen für eine solche Motivationskrise. Wichtig ist, die Tiefe dieser Krise zu begreifen. Sie kann nicht durch Umformulierungen und Umwertungen des Wohlstands behoben werden. Vielmehr muss das Motiv der Arbeit wiederentdeckt werden. Genauer: Arbeit darf nicht bloß als „Mittel zum Zweck“ des Wohlstandes angesehen werden, sondern die arbeitende Auseinandersetzung mit den Knappheiten und Widrigkeiten dieser Welt muss als wertvolle Aktivität und Quelle von Würde empfunden werden können. Aber wir haben etwas vorgegriffen. Wir müssen zunächst erörtern, worin der Ernst der Lage besteht und inwiefern sich hier die Knappheiten und Widrigkeiten der Welt mit neuer Schärfe und Hartnäckigkeit zeigen.

        Der Ernst der Lage

        Am gleichen 11.Dezember, an dem der Bundeskanzler seine Erfolgsbilanz verkündete, veröffentlichte das Münchener Wirtschaftsforschungs-Institut IFO eine Prognose, die aufhorchen lässt. Demnach droht in Deutschland eine Dauerstagnation bis weit in die 2030er Jahre. Die Frankfurter Allgemeine (12.12.2025) berichtete darüber in aller Deutlichkeit ganz vorne in ihrem Wirtschaftsteil: „Die Konjunkturforscher streichen darin nicht nur die Wachstumsprognosen für 2025 und 2026 zusammen, sie verabschieden sich auch von der Hoffnung, dass wirtschaftlich in diesem Land mittelfristig etwas aufwärtsgehen wird…Ohne große Reformagenda drohen Deutschland fünfzehn weitere Jahre des wirtschaftlichen Stillstandes oder sogar der Schrumpfung. Ein solches Szenario hat es für die Bundesrepublik noch nicht gegeben.“

        Bisher schien die deutsche Volkswirtschaft gleichsam wie von selbst immer wieder auf einen Wachstumspfad zurückzufinden. Man konnte mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von ein bis zwei Prozent im Jahr rechnen. Die Unternehmensinvestitionen waren intakt, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten wuchs und die Steuereinnahmen stiegen. Der FAZ-Artikel berichtet, dass sich die Wirtschaftsforscher nun entschieden haben, „nicht mehr auf die Rückkehr dieses Szenarios zu setzen“. Damit ziehen sie eine Konsequenz aus dem Rückgang bei fundamentalen Wirtschaftsdaten. Die FAZ zitiert den leitenden Autor der Prognose: „Die deutsche Wirtschaft verliert an Dynamik, weil das Arbeitskräftepotenzial, die Unternehmensinvestitionen und das Produktivitätswachstum zurückgehen.“ Das sind realistische und tiefreifende Aussagen zum Ernst der wirtschaftlichen Lage in Deutschland.

        Lösungsvorschläge, die nicht auf der Höhe der Probleme sind

        Allerdings sind diese Aussagen in ihren Konsequenzen doch nicht ganz zu Ende gedacht. Eigentlich müsste man bei so restriktiven Bedingungen darüber nachdenken, wie man Wohlstandserwartungen reduziert, ohne in Passivität zu verfallen. Man müsste über Alternativen zum Wohlstandsmotiv nachdenken. Aber so weit geht der Realismus noch nicht. Insgeheim scheint hierzulande doch noch die Hoffnung zu bestehen, dass da irgendwo eine neue Dynamik, ein neuer Produktivitätsschub und ein neues Wachstum wartet, der mit Mut und Optimismus entdeckt werden will. Dabei berühren die Autoren des FAZ-Artikels an einer Stelle das Schlüsselproblem: „Eine offene Frage bleibt, inwiefern umfassende Wirtschaftsreformen, die erst einmal auch finanzielle Einschnitte bedeuten würden, von einer Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen würden.“ Aber sie machen die Frage gleich wieder zu: „Eine Allensbach-Studie vor wenigen Woche wächst Zweifel daran. Strukturell gelten vor allem ältere Wähler als weniger reformfreudig.“ Wenn die Krise des Wohlstandsmotivs auf den Gegensatz „jung gegen alt“ gebracht wird, wird die Lösung wieder auf die Mühlen des „Zukunftsoptimismus“ gelenkt.  

        Und noch ein zweiter, genauso irreführender Gegensatz wird auf derselben Seite der FAZ vom 12.Dezember ins Spiel gebracht. Der Autor Gerald Braunberger, einer der FAZ-Herausgeber, will dem Ernst der Lage gerecht werden und die Gefahr einer Dauerstagnation abwenden. Er fordert eine „energische Wirtschaftspolitik“, lehnt staatliche Subventionen ab und fordert eine „Verbesserung der Angebotsbedingungen“. Aber in einer Situation, in der die deutsche Wirtschaft unter Abschaltung von wichtigen Energieträgern, Technologie-Verboten in ehemaligen Musterbranchen und Facharbeits-Diskriminierung im Bildungssystem leidet, fügt Braunberger eine weitere Vereinseitigung des Angebots hinzu: Deutschland soll sich nicht um seine „alteingesessenen“ Industrien kümmern, sondern auf „produktivitätssteigernde moderne Hochtechnologien“ setzen: „Die Diskussionen um den Zustand der deutschen Wirtschaft drehen sich sehr stark um die Schwächeanfälle alteingesessener Industrien, obgleich das eigentliche Defizit im Nachholbedarf bei produktivitätssteigernden modernen Hochtechnologien besteht … In Deutschland und in Europa müssen die Menschen lernen, neue Technologien nicht zunächst intuitiv abzulehnen und furchtsam zu regulieren. Sie müssen als Voraussetzungen für neue wirtschaftliche Möglichkeiten und als Wohlstandsquelle aufgefasst werden.“ Das muss man so verstehen, dass Braunberger das Schicksal der deutschen Wirtschaft an die „Hochtechnologie“ binden will. Das bedeutet eine gravierende Verengung der Perspektive. Das, was auf der gleichen FAZ-Seite als Krise fast aller Branchen und aller technischen Niveaus abgebildet wird, wird in diesem Kommentar gar nicht in seinem ganzen Ausmaß ernstgenommen.   

        Das deutsche Exportmodell ist nicht zu retten

        Der Lösungsvorschlag „Hightech“ ist der Versuch, das bisherige deutsche Modell fortzusetzen, das darin bestand, durch Vorsprünge und Alleinstellungs-Merkmale auf dem Weltmarkt große Überschüsse zu erzielen, aus denen dann großzügig Zuwendungen an die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen verteilt werden konnten. Der Kommentar von Gerald Braunberger für eine Hoffnung, die der Bericht in der gleichen Ausgabe der FAZ gerade in Frage stellt, wenn er von einer historisch neuen Tiefe der Krise spricht. Die Lösung „Hightech“ bedeutet eine krasse Verengung des Hoffnungsträgers, denn die früheren deutschen Vorsprünge umfassten ja Produktionsverfahren und Produkte auf verschiedenen technischen Niveaus – man denke an die Automobilindustrie, den Maschinenbau und die chemische Industrie. Überhaupt ist die Situation auf dem Weltmarkt dadurch gekennzeichnet, dass der „globale Westen“ immer mehr technologische Alleinstellungsmerkmale verliert. Insofern gibt es eine prinzipielle Krise des deutschen Export-Überschuss-Modells. Eine exportbasierte „Angebotspolitik“ stößt zunehmend an Grenzen. Die Angebotsbedingungen haben sich so stark verändert, dass keine noch so „energische Politik“ hier neue Räume erobern kann.

        Das Wohlstandsmotiv verliert seine tragende Kraft

        Überhaupt geht es in Deutschland und vielen anderen Ländern nicht einfach um ein „Politiker-Versagen“. Der neue Ernst der Lage trifft die Erwartungen im Lande. Oder genauer: Das bisher regierende Grundmotiv im Land, das Wohlstandsmotiv, verliert einen Großteil seiner Kraft. Das liegt zum einen darin, dass es unvermeidlich Abstriche und Einschnitte bei den erreichbaren Wohlstands-Gütern und Wohlstands-Dienstleistungen gibt. Ein solcher Rückbau der Ansprüche in einem ganzen Land ist sicher nicht leicht zu ertragen. Aber es gibt noch einen tieferen Verlust: Über viele Jahrzehnte war das Wohlstandsmotiv mit dem Arbeitsmotiv verbunden. Zwar wurden die Arbeitswelt und das Arbeitsleben schon seit längerem immer weniger als eigenständiger Ort von Stolz und Würde angesehen. Immer mehr wurde die Arbeit als bloßes „Mittel zum Zweck“ angesehen. Teilweise ging das soweit, dass die Arbeit nur noch als „notwendiges Übel“ angesehen wurde. Aber dennoch gab es noch einen Rückbezug von Wohlstand auf Arbeit. So war der Wohlstand immer noch „verdienter Wohlstand“. In der jetzigen Lage, in der massive substantielle Verluste – ins besondere am Industriestandort Deutschland – stattfinden, droht ein völliger Verlust dieses Rückbezugs. Es fehlt dann überhaupt die Erfahrung eines produktiv tätigen Lebens. Die Menschen werden immer mehr zu passiven Zuschauern der Dinge. Der Wohlstand kann dann nicht mehr Ausdruck von eigener Kraft und Selbstbehauptung sein. Das Land steht also nicht nur vor Wohlstandsverlusten, sondern es steht vor einem großen Loch, was die Motive das Daseins betrifft.

        Auf der Suche nach einem tragenden Motiv

        Es geht hier nicht um ein deutsches Sonderproblem. In vielen Ländern des „globalen Westens“ gibt es eine ähnliche Problemlage: Nach der Loslösung von einem eigenständigen Arbeitsmotiv ist das Wohlstandmotiv am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. In vielen Ländern ist das Wohlstandsmotiv nicht mehr stark genug, um einen Selbstbehauptungswillen dieser Länder zu begründen. Ohne Zweifel ist das ein Endpunkt. Aber es ist nicht der Endpunkt der Geschichte und auch nicht der Endpunkt der modernen Zivilisation als einer immens aktiven Zivilisation. Es eröffnet sich eine Phase der Unsicherheit, in der die Suche nach tragfähigen Motiven nicht mehr aufgeschoben werden kann. Doch schon die Suchrichtung ist umstritten. Geht es um die Entdeckung fundamental neuer Motive? Oder geht es um eine (Wieder-)Entdeckung von bereits etablierten modernen Motiven, die nur verdrängt und verschüttet wurden?         

        (erschienen am 21.12.2025 bei „Tichys Einblick Online“)

        „Palästina“ und das Machtstreben des „Globalen Südens“

        Die Ursache dafür, dass die Konfrontationen in der heutigen Welt zunehmen, liegt in zwei Entwicklungskrisen, die das System selbstverantwortlicher Staaten unterminieren. Eine dieser beiden Krisen ist vor allem eine Bevölkerungskrise. (Epoche der Koexistenz, Teil II)

        „Palästina“ und das Machtstreben des „Globalen Südens“

        02. Dezember 2025

        Nach einer durchaus verbreiteten Meinung sind die kriegerischen Konfrontationen der Gegenwart brandgefährliche Katastrophen, die dennoch im Grunde leicht zu beenden sind. Die gegnerischen Seiten müssten nur „aufeinander zugehen“, und schon könnten die Gegensätze überwunden werden, heißt es. Aber ein solches Weltbild erweist sich als Illusion, wenn übergriffige Ansprüche im Raum stehen. Wenn also eine Seite Ansprüche hat, die an die Substanz der anderen Seite gehen. Vor allem gilt das dann, wenn die Ansprüche nicht nur politische Forderungen sind, sondern auf tiefere menschliche Probleme zurückgehen. Wenn also eine innere Entwicklungskrise vorliegt, die in expansive Ansprüche nach außen gegen andere Länder gewendet wird. Die daraus folgende Konfrontation kann dann nicht in Verhandlungen „kleingearbeitet“ werden, weil das die tieferen, inneren Triebkräfte der Übergriffigkeit gar nicht erreicht. Allerdings wäre es auch ein großer Fehler, diese tieferen Triebkräfte durch eine Intervention von außen beseitigen zu wollen, und damit seinerseits eine übergriffige Position einzunehmen. Eine vernünftige Außenpolitik in einer multipolaren Welt kann daher nur das Ziel verfolgen, die expansiven Ansprüche einzuhegen und so ihre Dynamik zu brechen. Das Ziel muss also bescheidener sein: Die Gegensätze bleiben, aber sie werden vom Zustand der Konfrontation in einen Zustand der Koexistenz überführt. Das setzt allerdings voraus, dass die Ansprüche und die Entwicklungskrise, die sie hervortreibt, mit Nüchternheit und Sorgfalt betrachtet und charakterisiert werden. Mit Verteufelungen ist eine haltbare Koexistenz ebenso wenig herstellbar wie mit blindem Vertrauen auf den guten Willen aller Beteiligten.  

        Diese Aufgabe wird dann noch größer, wenn es nicht nur um eine Konfrontation zwischen zwei Ländern geht, sondern um ganze Weltregionen, in denen eine bestimmte Entwicklungskrise herrscht und übergriffige Erwartungen auf breiter Front entstanden sind. Doch gibt es geschichtliche Erfahrungen, die zeigen, dass – unter bestimmten Bedingungen – eine Ära großer Konfrontationen in eine Ära der Koexistenz überführt werden konnte. Das vergangene 20. Jahrhundert war in seiner ersten Hälfte zweifellos ein Jahrhundert der Konfrontation – aber in seiner zweiten Hälfte wurde es erfreulicherweise zunehmend von Lösungen durch Koexistenz geprägt. Hingegen müssen wir heute feststellen, dass – an bestimmten Schnittstellen der Weltgeographie und Weltgeschichte – neue übergriffige Ansprüche gewachsen sind. Getrieben werden sie von anderen Entwicklungskrisen als jenen, die wir aus dem 20. Jahrhundert kennen. Von dieser neuen Art sind die beiden Konfrontationen, die sich mit den Schauplätzen „Palästina“ und „Ukraine“ verbinden. Hier geht es um zwei sehr verschiedene Entwicklungskrisen. Sie lassen sich nicht auf einen einzigen Begriff bringen. In diesem Artikel soll es nur um den Schauplatz „Palästina“ gehen, und damit um eine bestimmte Entwicklungskrise in der heutigen Welt. Auf dem Schauplatz „Ukraine“ geht es um eine zweite, ganz andere Entwicklungskrise, deren Betrachtung einen zweiten Artikel erfordert.   

        Der Anspruch, der in dem Wort „Palästina“ enthalten ist

        Der Ruf „Freiheit für Palästina“ greift einerseits weit in die Geschichte zurück – in eine Zeit, in der Territorialstaaten im neuzeitlichen Sinn gar nicht existierten. Die vage Bezeichnung „Palästina“ umfasst in diesem Sinn nicht nur die Gebiete der heutigen palästinensischen Selbstverwaltung, sondern auch das heutige Gebiet des Staates Israel. Ebenso können unter Berufung auf diese vage Raumvision Gebietsteile des Libanon, Syriens und Jordaniens beansprucht werden. Ein „Staat der Palästinenser“ würde also einen Anspruch in die Welt setzen, der nur durch eine große Grenzrevision im Nahen Osten zu verwirklichen wäre. Zugleich aber verbindet sich mit diesem alten, fast mythischen Motiv sich ein ganz anderes Motiv, das überhaupt erst in jüngster Zeit produziert wurde: Es gibt eine dramatische Bevölkerungsentwicklung, die sich von der Entwicklung der wirtschaftlichen Produktivität und der Tragfähigkeit der Infrastrukturen völlig entkoppelt hat. Im Gazastreifen wird diese akute Entwicklungskrise besonders deutlich. 1950 lebten dort 250000 Menschen. 1990 waren es 650000. In den folgenden Jahrzehnten gab es neue, noch größere Zuwächse, sodass im Jahr 2000 die Millionengrenze überschritten wurde und im Jahr 2024 eine Bevölkerung von 2,14 Millionen gezählt wurde. Für das Jahr 2050 wird eine Zahl von 3,14 Millionen prognostiziert. Die heutige Bevölkerung hat also mit der Bevölkerung, die dort in früheren Jahrhunderten oder in der Zeit kurz nach der Gründung Israels dort wohnte, wenig gemein. Und diese heutige Bevölkerung ist von einer selbstragenden Entwicklung weiter entfernt denn je. Sie ist völlig von Zuwendungen aus dem Ausland und von internationalen Institutionen abhängig. Sie sind nicht Vertriebene aus Israel, die nun ihre Rückkehr geltend machen, sondern eine Überbevölkerung, die über Jahrzehnte von außen alimentiert wurde. Sie sieht sich nun als „Volk ohne Raum“ und sucht die Lösung in einer Expansion nach außen sucht. Sie sieht in der Vernichtung Israels und der Vertreibung seines Staatsvolks ein legitimes Ziel. Hier, in der Existenz einer – sehr jungen – Überbevölkerung, die mit einer selbst erarbeiteten und verantworteten Existenz gar keine Erfahrung hat, und die demzufolge eigentlich bindungslos ist, zeigt sich die ganze Tiefe des Problems. Man kann sagen, dass das nicht die „Schuld“ der heutigen Bewohner ist, weil sie in eine extrem schwierige Situation hineingeboren sind. Aber dadurch wird der expansive Anspruch gegen Israel um keinen Deut akzeptabler. Die ganze Debatte um „Schuld“ führt in eine Sackgasse, weil so das tiefere Entwicklungsproblem der Überbevölkerung weder verstanden noch gelöst werden kann. 

        Die übergriffigen Ansprüche sind einseitige Ansprüche

        Hat Israel auf der anderen Seite auch übergriffige Ansprüche? Hat es ein vergleichbares inneres Entwicklungsproblem? Das hat es nicht. Es ist ein Vorbild für eine selbsttragende Entwicklung. Und Israel hat,diese Entwicklung unter den schwierigen Bedingungen der südlichen Hemisphäre zustande gebracht. Es hat auch eine recht starke Bevölkerungsentwicklung (und einen arabisch-islamischen Bevölkerungsanteil von 20 Prozent), aber es ist ihm gelungen, diese Entwicklung auf Basis einer starken Wirtschaft und starken öffentlichen Infrastrukturen aus eigener Kraft zu bewältigen. Israel ist nicht darauf angewiesen, von außen alimentiert zu werden. Die Israelis sind daher auch nicht zu übergriffigen, expansiven Ansprüchen getrieben Sie leben aus inneren materiellen und moralischen Ressourcen – im Wirtschaftsleben, im Staatswesen und in ihren Familienstrukturen. Die Losung „Freiheit für Israel“ bedeutet daher nicht, dass Israel eine hegemoniale Rolle im Nahen und Mittleren Osten anstreben muss. Seine Freiheit ist eine Freiheit der inneren Entwicklung, und diese ist koexistenzfähig mit allen Nachbarländern. Israel muss in diesen Ländern keinen Regimewechsel und kein „nation building“ veranstalten, auch wenn manche Stimmen ihm das nahelegen. Zugleich Israel ist ein Vorbild an Wehrhaftigkeit, nicht nur in waffentechnischer Hinsicht, sondern auch im Zusammenhalt zwischen Bevölkerung und Armee. Das hat es mit seiner Antwort auf den Überfall vom 7.Oktober 2023 überzeugend gezeigt. Es hat im Gazastreifen die Konsequenzen spürbar gemacht, die ein Gebiet zu tragen hat, das sich zum Aufmarschgebiet für eine Invasion Israels machen lässt. Doch darf bei dieser Stärke Israels nie vergessen werden, dass es eine defensive Stärke Israels ist. Diese Stärke ginge – materiell und moralisch – in dem Moment verloren, wo sie offensiv-expansiv würde. Doch hat Israel keinen Grund, einen solchen Kurs zu wählen. Da liegt der prinzipielle Unterschied zwischen den Kräften, die einen „Staat der Palästinenser“ gründen wollen, bei dem eine große Grenzrevision im Nahen Osten als Verfassungsauftrag festgeschrieben wäre.

        Über den Tauschhandel „Land gegen Frieden“

        Bei den Lösungsversuchen der sogenannten „Palästina-Frage“ wurde in der Vergangenheit ein Prinzip angewendet, das im Grunde völlig unlogisch und brandgefährlich ist: Es sollte einen Tausch „Land gegen Frieden“ geben. Die Kräfte, die im Namen „Palästina“ auftraten, erhielten Land zur eigenen Verwaltung und versprachen dafür Frieden. Das war eigentlich ein sehr ungleicher Tausch. Denn das Land wurde übergeben, die israelischen Siedlungen im Gazastreifen wurden geräumt.  Das war also eine nachhaltige Veränderung. Hingegen war „Frieden“ als Gegenleistung der Palästinenser alles andere als nachhaltig. Sie konnte jederzeit beendet werden, und man konnte unter Losung „Freiheit für Palästina“ schnell wieder zu den Waffen greifen. Und so geschah es. Das Land, das Israel übergeben hatte, wurde zum Ausgangspunkt für neue Angriffe auf Israel. Der Frieden ließ sich im Handumdrehen in Krieg umwandeln – und der Tausch lautete nun: „noch mehr Land für Frieden“. Es ist klar, dass dieser ungleiche Tauschhandel nicht fortgesetzt werden kann und darf.

        Die Wegscheide „Übergriffige Ansprüche oder Binnenentwicklung“

        Die grundlegende Alternative, die hinter der Entscheidung „Konfrontation oder Koexistenz“ steht, kann so formuliert werden: „Übergriffige Ansprüche oder Binnenentwicklung“. Wer übergriffige Ansprüche hat, deren Erfüllung an die Substanz des Nachbarn geht, muss auf Konfrontation setzen. Hingegen kann auf Koexistenz nur der setzen, dessen Priorität die Binnenentwicklung seines Landes ist. Diese Alternative wird in ihrer ganzen Bedeutung deutlich, wenn man bedenkt, dass diese Alternative im Weltmaßstab in vielen internationalen Beziehungen gegenwärtig ist. 

        Der „Aufstand des Globalen Südens“

        „Palästina“ ist zum Symbol und zum gelobten Land eines weltpolitischen Trends geworden. Auf den „Freiheitskampf“ der Palästinenser gegen den „Apartheids-Staat“ Israel und den angeblich von ihm betriebenen „Völkermord“ berufen sich all diejenigen, die im Namen eines sogenannten „globalen Südens“ zu einem neuen Angriff auf die angeblich immer noch bestehenden kolonialen Positionen eines „globalen Nordens“ angetreten sind. Auf dieser Basis werden weltweite Boykottbewegungen gegen Israel betrieben und Mehrheiten der UN-Vollversammlung organisiert. So werden die Entwicklungskrisen, die in verschiedenen Ländern in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten, in Südostasien sowie in Süd- und Mittelamerika, feststellbar sind, als Schuld der ehemaligen Kolonialmächte dargestellt. Die eigene Entwicklungs-Verantwortung der Länder, die nun schon seit etlichen Jahrzehnten ihre Unabhängigkeit durchgesetzt haben, wird so auf äußere Mächte abgewälzt. Zu dieser Abwälzung gehört auch die Massenmigration in Süd-Nord-Richtung, die sich vor allem aus Ländern, die im 20. Jahrhundert ihre politische Unabhängigkeit erkämpft haben, gebildet hat.

        Die heutige Süd-Nord-Migration ist eine fordernde Migration

        Diese Migrationswelle hat einen ganz eigenen Charakterzug, der sich von anderen Migrationsbewegungen deutlich unterscheidet: Es ist eine fordernde Migration – eine Bewegung mit einem übergriffigem Grundanspruch. Migranten, die in einem europäischen und nordamerikanischen Land aufgenommen werden, betrachten das als ein Recht, das sie sich einfach „nehmen“ können. Sie sehen die Leistungen, die das Aufnahmeland für sie erbringt, als dessen Pflicht ihnen gegenüber. Des Öfteren ist zu hören, diese Leistungen seien die Begleichung einer historischen „Schuld“, die diese Länder in kolonialen Zeiten auf sich geladen hätten. Migranten, die im Zuge der neuen Süd-Nord-Wanderung nach Europa oder Nordamerika gekommen sind, erheben oft sehr schnell Anklage, dass sie diskriminiert würden. Das alles unterscheidet diese Einwanderungswelle deutlich von der Arbeitsmigration („Gastarbeiter“) früherer Zeit. Sie verstanden sich eher als Partner eines Vertrags auf Gegenseitigkeit. Auch wenn sie das nicht so ausdrückten, fühlten sie sich doch fair behandelt und haben das auch so in ihrer Erinnerung behalten. Hingegen beruht die heutige Süd-Nord-Migration auf einer viele höheren Erwartungs- und Anspruchshaltung. Das muss gar nicht politisch oder politisch-religiös formuliert werden, sondern kann sozialpsychologisch verstanden werden. Aber die Fiktion eines „Globalen Südens“ als einer Weltmacht, oft gepaart mit einer entsprechenden Deutung des Islams passt zu dieser fordernden Sozialpsychologie. Hingegen wäre den Arbeitsmigranten früherer Zeiten eine solche Aufladung ihrer Herkunft und ihres Glaubens gänzlich fremd gewesen. Doch unter den heutigen Süds-Nord-Migranten zeigt sich eine solche Aufladung deutlich. Und sie hat einen extremen Ausdruck in der Breite und Radikalität gefunden, mit der hier die „Befreiung Palästinas“ zur eigenen Sache gemacht wurde: Mitten in Europa und Nordamerika wird auf Straßen und Plätzen, in Hochschulen und Kulturveranstaltungen, an Türen von Privatwohnungen und Läden exemplarisch die Verfemung und Vertreibung der Israelis vorgeführt.

        Ist Antisemitismus die Triebkraft der Süd-Nord-Konfrontation?

        Der Angriff auf die Existenz Israels und die internationale Resonanz, die dieser gefunden hat, haben dazu geführt, dass viele Beobachter die neue Süd-Nord-Konfrontation als „Antisemitismus“ deuten. Sicher findet man Äußerungen eines besonderen Judenhasses. Aber es ist sehr fraglich, ob man damit die Breite der Konfrontation und ihre tieferen Triebkräfte erfasst. Und ist es wirklich für die Verteidigung Israels hilfreich, wenn man den Antisemitismus so stark als vorrangiges Motiv der Konfrontation hervorhebt – und dadurch eventuell isoliert? Die übergriffigen Ansprüche, die im „Globalen Süden“ entstanden sind, richten sich gegen die Länder und Bürger des „globalen Nordens“ in seiner Gesamtheit. Diese Ansprüche werden ja „antikolonial“ begründet und der Angriff auf die Existenz Israels ist Teil dieses neuen Antikolonialismus. Israel ist ein hervorstechendes Beispiel und Symbol für ein generelleres Feindbild. Es steht in exponierter Position in einer viel ausgedehnteren, weltgeographischen Frontlinie. Es ist deshalb notwendig, die Entwicklungskrise, die hier am Werk ist, in den Blick zu nehmen. 

        Die afrikanisch-arabische Entwicklungskrise

        Es geht also um die Triebfeder, die hinter übergriffigen Ansprüchen steht. Hinter dem Aufstand des „Globalen Südens“ steht eine gemeinsame Entwicklungskrise. Die Entkopplung des Bevölkerungswachstums von der Entwicklung des Leistungsvermögens von Staat und Wirtschaft, die im Gazastreifen zu beobachten ist, herrscht in vielfältiger Form in sehr vielen Ländern der südlichen Hemisphäre der Erde. Für Europa sind dabei die Länder Afrikas und die Länder des Nahen und Mittleren Osten besonders wichtig. Auch wenn es in einigen Ländern einen gewissen Rückgang der Wachstumsraten gibt, so geht doch insgesamt die Schere zwischen Bevölkerungswachstum und Produktivitätswachstum immer weiter auseinander. Das zeigen beispielhaft die folgenden Zahlen:

        Die Bevölkerungsentwicklung in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens, Mittleren Ostens und Afrikas (in Millionen) (für das Jahr 2040: Prognose)

        Land/WeltregionJahr 1950Jahr 1980Jahr 2010Jahr 2040
        Gazastreifen0,250,461,513,19
        Syrien3,618,9622,4834,53
        Türkei21,0245,4173,3590,32
        Marokko8,9419,4632,4742,17
        Nigeria37,2873,76166,64312,71

        Ein Zahlenvergleich zwischen Europa und Afrika kann die Entwicklungskrise, die sich auf Seiten des Südens zugespitzt hat, verdeutlichen. Nach Angaben der Vereinten Nationen lebten in Europa 1950 549 Millionen Menschen und für das Jahr 2050 wird hier ein Wachstum auf circa 700 Millionen prognostiziert. In Afrika lebten 1950 229 Millionen Menschen. Deren Zahl wird für 2050 mit 2500 Millionen Menschen prognostiziert. Die Bevölkerung Afrikas wird dann so groß sein wie die Gesamtbevölkerung der Erde im Jahre 1950. Bevölkerungsentwicklungen sind – im Vergleich zu den heute so vielzitierten Klimadaten – in ihren Wirkungszusammenhängen relativ überschaubar. Man kann den sich daraus ergebenden Bedarf an Nahrung, Wohnung, Gesundheit, Bildung etc. einigermaßen genau angeben. Auch den Bedarf an Produktionsstätten und Infrastrukturen. Die Situation lässt sich nicht beschönigen: Die Schieflage ist so groß und so harte Tatsachen geschaffen, dass es Jahrzehnte erfordern wird, bis die Bevölkerungsentwicklung und die Entwicklung von Wirtschaft und Staat sich eventuell annähern könnten. Die Konsequenzen sollte man deutlich aussprechen: In Afrika steckt ein Großteil der Länder in einer Krise, die für diese Länder auf Jahrzehnte der Not hinausläuft. Diese Zwangslage ist so groß, dass sie auch mit den Ressourcen Europas nicht zu beheben ist, sondern Europa bei einem Rettungsversuch selbst schwer in Mitleidenschaft gezogen werden würde. Aber auch die Kombination von arabisch-muslimischer Welt und Afrika, oder die Kombination mit Chinas neuer Wirtschaftsstärke wird den Ausmaßen dieser Krise nicht gewachsen sein. Es gibt keine Lösung von außen.

        Der schwierige Weg zu einer Priorität der Binnenentwicklung

        Die Einsicht in die Zwangslage einer immensen Überbevölkerung, die die Entwicklungskrise in Afrika und anderen Südregionen bereits hergestellt, bedeutet, dass der „Globale Süden“ keine unwiderstehliche Großmacht ist, die bald die Geschicke der Welt bestimmen wird. Er ist in Wahrheit ein Krisen-Süden, für den es keine externen, globalen Lösungen gibt, und für den der einzige Ausweg – eine dauerhafte Priorität der inneren Entwicklung und Eigenverantwortung – eine lange Durststrecke bedeuten wird. Die Sprache der großen Ansprüche und Resolutionen auf internationaler Ebene wird nicht halten, was sie verspricht. Wird eine sehr junge entwurzelte Bevölkerung, die sich in viel zu großen Städten sammelt, ohne Erfahrungen mit kontinuierlicher Arbeit und mit dem Aufbau einer tragfähigen Existenz machen zu können, zu einem nüchternen Realismus finden können? Die Gefahr, dass sie in einem anarchischen Umfeld besonders heftig hin und her gerissen ist, ist groß. Aber auch die Gefahr, dass eine schmale, global vernetzte Oberschicht, die mit dem eigenen Land nichts zu tun haben will, sich im Namen des „Globalen Südens“ für repräsentative Zwecke international alimentieren lässt, ist groß. Man kann sicher nicht den konkreten Weg vorhersagen, auf dem eine tragfähige Entwicklung zustande kommen wird. Man kann allenfalls einige Eckpunkte festhalten. Die Geographie und Geschichte des „globalen“ Südens umfasst bei näherem Hinsehen sehr viele verschiedene Bedingungen und Ressourcen. Dem kann nur Rechnung getragen werden, wenn die einzelnen Länder ihren Weg und ihren Zeitplan selbst bestimmen und nicht von anderen Ländern abhängig machen. Man muss den Ballast der „panafrikanischen“ und „panarabischen“ Lösungen loswerden.

        Und es gibt noch eine Gefahr, die mindestens ebenso groß ist. Das ist die Gefahr der Auflösung jeglicher Macht und des Verfalls in anarchische Zustände, in denen es keine Autorität mehr gibt, die die Lage eines Landes beurteilen kann, die Entscheidungen für dies Land als Ganzem treffen kann und die für die Durchsetzung dieser Entscheidungen Gehorsam beanspruchen kann. Bei dieser Autorität sind verschiedene Lösungen denkbar, und man sollte nicht versuchen, sie von außen zu zensieren. Es kann die Autorität einer Monarchie sein, oder die Autorität einer Regierungspartei sein, deren Mehrheit aus Parlamentswahlen hervorgeht. Oder eine führende Partei, die in der Verfassung so verankert ist. Es kann eine Militärregierung sein. Es kann eine religiöse Führung sein. Diese Betonung einer gesicherten Zentralmacht mag vielleicht befremden. Aber man muss sich immer klarmachen, dass die meisten Länder der südlichen Hemisphäre vor Jahrzehnten extremer Knappheit stehen werden, und dass die Selbstbehauptung eines Landes unter diesen Umständen von der Existenz einer Autorität abhängt, die bei den notwendigen harten Entscheidungen allgemein anerkannt wird.

        (erschienen am 5.12.2025 bei „Tichys Einblick Online“)